Experte im SWR-Talk: „Altersarmut fliegt uns demnächst um die Ohren“

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Dem Tode geweiht, aber dennoch mit der unwürdigen Aufgabe belastet, dafür zu sorgen, dass die Lebenshaltungskosten gedeckt und die Kinder versorgt sind. Konfrontiert mit unzähligen Verordnungen, Hindernissen und Amtsschimmel-Wieherei.

So ergeht es Alexandra Bohlig, die mit der bitteren Diagnose des unheilbaren Krebses leben muss. Weiterleben, überleben.

Letzteres trifft es wohl eher, denn die alleinerziehende Mutter, die schon vor der tödlichen Erkrankung, zu denen gehörte, die hierzulande als „arm“ gelten, kann nicht etwa die verbleibende Zeit mit ihren vier Kindern genießen, nein: der unwürdige Kampf um die Begleichung der alltäglichen Kosten – von der Miete bis hin zu Lebensmitteln – prägt aktuell ihr Leben.

Die zu gesunden Zeiten beruflich sehr engagierte Frau (im Bild) war gestern im TV-Talk „Nachtcafé“ im SWR zu Gast, einem Format, das die Realität nicht ganz so ausblendet, wie es die ständig gleichen Gäste bei Maischberger, Illner und Will tun.

Das Thema des Abends war die Armut in Deutschland. Neben Frau Bohlig saßen unter unter anderem eine Rentnerin, die von Altersarmut betroffen ist sowie ein Teenager, der von seiner, durch geringe gesellschaftliche Teilhabe geprägte, Kindheit sprach, in der Runde.

Ein „Quotenpolitiker“ durfte natürlich nicht fehlen – hier hat man sich für das pickelige CDU-Bübchen Kai Whittaker entschieden, den kein Mensch kennt und der durch unreife und unqualifizierte Aussagen negativ auffiel (unten, rechts im Bild).

Angenehm lebenswirklich bereicherte der Sozialwissenschaftler und Armutsforscher Professor Dr. Stefan Sell (oben links) die Runde, die den Fernsehzuschauer bedrückt auf dem Fernsehsessel zurückließ und einmal mehr aufzeigte, welche immens katastrophalen Konsequenzen eine jahrzehntelange volksfeindliche Politik zur Folge hat.

So berichtete etwa die Rentnerin Renate Paulat von ihrem Leben, das durch extreme Altersarmut geprägt ist. Die Frau hat ihr Leben lang gearbeitet – eine Selbständigkeit, die irgendwann nicht mehr trug, zwang sie finanziell in die Knie. Ihre Altersvorsorge wurde durch die Euro-Einführung kurzerhand auf die Hälfte ihrer Ersparnisse heruntergestutzt, heute hindert sie ihre Armut daran, normal einkaufen zu gehen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Frau Paulat erzählte davon, wie sie gezwungen ist, bei PRIMARK – einer Bekleidungskette, die sie zutiefst ablehnt – eine Hose für 3,00 € zu kaufen und das sie ihrer Leidenschaft – Theateraufführungen besuchen – durch ihre prekäre Lage nicht mehr frönen kann.

Auch prangerte sie in Richtung des CDU-Bübchens an, dass der öffentliche Nahverkehr für Leute wie sie nicht kostenlos ist.

Die Politiker-Attrappe kam verbal ins Schlingern, hatte dazu nichts fundiertes beizutragen und fiel zudem noch damit auf, dass sie in Richtung der lebenserfahrenen, älteren Dame davon schwafelte, dass man Leute, die lange an einer Selbständigkeit, die nicht wirklich etwas einbringt, festhielten, vielleicht ja auch „vor sich selbst schützen muss“.

Whittaker kam damit freilich nicht weit, denn Frau Paulat ist arm, aber nicht auf den Mund gefallen und stach den Jungspund zum Fremdschämen mehrfach durch ihre brillante Rhetorik aus. Dass solche „Politiker“ hierzulande Armutszeugnis und Schuld (an der Lage vieler armer Menschen im Land) zugleich sind, bestätigte dieser lebensferne Kerl einmal mehr.

Dass er zudem noch gefühlt 80mal das Wort „Koalitionsvertrag“ in den Mund nahm und in diesem Zusammenhang Phrasen drosch, entlarvte ihn als billigen Schwätzer (wer wirklich wissen will, was es mit dem Koalitionsvertrag auf sich hat, sollte sich hierzu die Analyse zu dem Papier von Vera Lengsfeld anschauen).

Aber zurück zur Armutsrunde am gestrigen Abend, die es übrigens verdient hätte, zur besten Sendezeit Sonntags bei Anne Will ausgestrahlt zu werden.

Allerdings wäre dieser harte Tobak an Realität wohl zu viel für die Beschwichtiger und Realitätsverweigerer, die sich nur zu gern in den selbstbeweihräuchernden Stuhlkreisen bei Will und ihren Kolleginnen einfinden.

Zu Wort kam im Nachtcafé nämlich auch der 15jährige Tiago Möhring, dessen Eltern – wie so viele andere Eltern auch – berufstätig, aber eben trotzdem arm sind.

Aufgrund seiner Schilderungen kam in der Runde das Thema „Teilhabe“ auf, die für finanziell schwache Familien vorgesehen ist. Dass sie allerdings mit um die 10,00 € monatlich nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein ist – darin war man sich in der Runde der armen Gäste einig. Kein Musikunterricht, kein Sport-Training und auch keine anderen Hobbys sind davon so wirklich möglich.

Dass nämlich – zum Beispiel beim Sport – so gut wie immer Begleitprodukte (Trikots, Schuhe usw.) erworben werden müssen, für die die lächerliche Teilhabe-Summe nicht ausreicht, scheint den diäten-gepamperten Politikern nicht in den Sinn gekommen zu sein, als sie diese Maßnahme beschlossen!

Wie auch?

Entweder haben die Volksverräter, wie man viele von ihnen ruhig nennen sollte, keine Kinder oder/und sie leben in Gated Communities soweit von der Realität entfernt, dass sie Deutschland nur noch aus ihren Villen und gepanzerten Limousinen heraus wahrnehmen. Ein heißblütigeres Volk hätte diese Figuren wohl schon vor Jahren vom Hof gejagt!

Aber: vielleicht ist dieser Tag nicht mehr in allzu weiter Ferne, denn die Altersarmut wird wohl explodieren.

Das zeigte Professor Sell in der gestrigen TV-Runde glasklar auf. In deutlicher Klarheit und ohne Drumherum-Geschwätz zeigte er ein realistisches Bild und skizzierte, was hierzulande in Sachen Alters- und Ein- und Zwei-Eltern-Familien-Armut schief läuft.

Den Behördenirrsinn in Deutschland nannte er eine „organisierte Nichtzuständigkeit“. Dem kann wohl jeder zustimmen, der schon einmal in einer persönlichen Notlage war und den deutschen Amtsschimmel (der übrigens illegalen Fremden, die ohne Pässe nach Deutschland kommen, mehr als wohlgesonnen ist!) wiehern hörte.

Frau Bohlig, die krebskranke, alleinerziehende Mutter, nannte hierzu ein haarsträubendes Beispiel im Zusammenhang mit ihrer aktuellen, persönlichen Lage.

Als sie nämlich berufsunfähig geschrieben wurde und die Leistungen des Jobcenters endeten, hing sie einen Monat lang in der Luft.

Das dürften auch viele Rentner und andere Berufsunfähige, die eine Berufsunfähigkeitsrente beziehen, kennen. Denn: zwischen dem letzten Lohn/Gehalt oder eben dem Leistungsbezug beim Amt und der erstmaligen Zahlung der jeweiligen Rente, liegt meist ein ganzer Monat, in dem nichts gezahlt wird und die Betroffenen zusehen müssen, wie sie diese vier Wochen gestemmt bekommen.

Frau Bohlig möchte sich hierzu – nach eigener Aussage – noch stark machen und engagiert sich dafür, dass dieses Problem seitens der Politiker aus der Welt geschafft wird. Bitter: sie tut es für andere Leute, denen es ebenso ergeht. Bei ihr selbst schreitet die tödliche Krebserkrankung voran.

Ebenso bitter war die Diagnose von Armutsforscher Sell, der glasklar sagte: „Die Altersarmut fliegt uns bald schon um die Ohren!“

Bleibt zu hoffen, dass die Menschen diese Realitäten erkennen und die Verantwortlichen baldmöglichst abwählen oder aber friedlich aus dem Amt jagen! Die Menschen, die den schon länger hier Lebenden diese Zustände eingebrockt und bislang Kritiker sogar beschimpft haben („Pack), gehören nicht länger in ihre weiche Diäten-Blase, sondern vor einen Untersuchungsausschuss und in manchen Fällen vielleicht auch vor Gericht.

Bitte gern rückwirkend!

Bildnachweis: privat

 

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