Sachsens Powerfrau für Alleinerziehende: „Politik zementiert negative Strukturen!“

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BruniBrunhild Fischer, Geschäftsführerin des SHIA e.V. Landesverband Sachsen, einer Selbsthilfegruppe für Alleinerziehende in Leipzig spricht Klartext! Im Interview mit uns verrät sie, was schief läuft in der Politik, in Sachen „Alleinerziehende“ und gibt uns auch Einblicke in ihr großes Hobby: die Musik.

FP: Seit über 20 Jahren setzen Sie sich für Alleinerziehende ein – als Geschäftsführerin des SHIA e. V. Landesverband Sachsen sind Sie sozusagen das „Sprachrohr“ der Alleinerziehenden in Politik und Gesellschaft. Wie kam es dazu?

BF: Persönlich wurde ich auf den Verband SHIA in meiner Situation als alleinerziehende Mutter durch das Kontaktcafe für Alleinerziehende aufmerksam, einem Angebot für Alleinerziehende, bei dem tatsächlich Bedürfnisse Alleinerziehender und ihrer Kinder wahrgenommen und erfüllt werden.

Zum Beispiel sich nicht immer in ein Angebot zwängen zu müssen, bei dem „glückliche“ Paarfamilien zeigen wie es geht, sondern wo man den Lebensalltag als alleinerziehende Mutter in der gesamten Problematik auf den Tisch legen kann: die permanenten Geldsorgen, die Umgangsstreitigkeiten, Arbeiten gehen, Geld verdienen müssen und der alltägliche Termin- und Behördenstress, die Erziehung, die auch noch ganz von selbst erledigt werden soll, Elternabende wo man sich zwei- oder dreiteilen muss, weil keine Rücksicht auf alleinerziehende Eltern genommen wird.

Die Erledigung der täglichen Hausarbeit ist ja selbstverständlich, gemeinsame Zeit mit Kindern bleibt nicht, geschweige für mich als Mutter eine Sekunde zum Luftholen…

Bei dem Alleinerziehenden-Angebot des SHIA e.V. sind genau diese Tatsachen bekannt und akzeptiert und werden nicht durch lapidare Parolen („das ist alles nur eine Sache des Zeitmanagements“ oder „Sie müssen mal lernen, mit ihrem Geld richtig zu haushalten“, etc. etc.) wieder vom Tisch gewischt, sondern hier kann man sich mit weiteren Alleinerziehenden und ehrenamtlich Beschäftigten des SHIA e.V., die diese Problematiken verstehen und auch tatsächlich ernst nehmen, austauschen, Ursachen des „persönlichen“ Scheiterns aus dem individuellen Kontext herauslösen und die gesetzlichen Grundlagen der Diskriminierung und Ausgrenzung Alleinerziehender feststellen.

Das ist einerseits ein erleichterndes Moment aber ebenso ist es sehr frustrierend zu sehen, wie Politik alleinerziehend- und frauenungerechte Gesetze verabschiedet und damit bereits negative Strukturen noch zementiert.

Und: fehlendes MitDenken vieler Mitmenschen, ob in Ämtern und Behörden, auch in Beratungsstellen, in Schulen und Kitas sowie ebenso leider auch im persönlichen Nahfeld, tragen das Ihrige dazu bei.

Als Alleinerziehende fand ich vor 14 Jahren hier endlich ein Angebot, wo all diesem Rechnung getragen wurde:

ein Kontaktcafe für Alleinerziehende, geöffnet von 16 – 20 Uhr – in der besten Familienzeit, für berufstätige und Alleinerziehende in Elternzeit gleichermaßen geeignet, thematisch offen für Aktuelles, ein achtungsvoller Umgang mit den Alleinerziehenden selbst, Informationen und Aufklärung, Austausch und Hilfe, eine Kinderbetreuung unter meinen Augen, wo ich aber nicht immer gleich zugreifen oder mich gar rechtfertigen musste, warum tut mein Kind dies oder das, ein kleines Abendessen, ohne dass ich wieder alles machen musste und dann nur noch der gemeinsame Heimweg mit meinen Kindern und ins Bett….

Das hat mir sehr viel Kraft gegeben und vor allem die Augen geöffnet über Ursachen und Verhältnisse in unserer Gesellschaft Frauen und Alleinerziehenden gegenüber ….und hat mir natürlich meine ganzen Potentiale, mein Organisationstalent, meine Power, meine Kreativität bei der Bewältigung des Alltags und mein gedankliches Know-How bewusst gemacht.

Durch die sich ehrenamtlich engagierenden Kolleginnen und Kollegen erhielten wir in diesen Gesprächen natürlich Einblick in die Verbandsarbeit, die Aufgaben, die Ziele und die mühsame Arbeit, als „Sprachrohr“ für Alleinerziehende in Politik und Gesellschaft zu agieren, sich auch mit dieser Zielgruppe Alleinerziehende und Frauen desöfteren lächerlich zu machen…

Dieser Aufgabe wollte ich mich anschließen und ging außerdem davon aus, dass es ganz einfach ist, die Verantwortlichen in der Politik auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, um diese im Sinne der Betroffenen selbstverständlich und schnellstmöglich zu beseitigen – vor allem auch gedacht im Sinne unserer Zukunft, einer demokratisch, humanistisch und gerecht aufwachsenden Kindergeneration.

Leider ist jedoch das Thema so brisant und aktuell wie damals, die Gerechtigkeit ist nicht eingetreten.

FP: Was haben Sie als besondere Herausforderung in Ihrer Arbeit für den Verein in den letzten Jahren angesehen?

BF: Wie ich oben ja schon gesagt habe, bin ich erst seit 14 Jahren dabei, aber der Verband setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 1992, nun also seit 24 Jahren engagiert für die Anerkennung und Chancengerechtigkeit Alleinerziehender und ihrer Kinder als eine gleichberechtigt neben allen weiteren existierende Familienformen in Sachsen ein, was bis dato immer noch nicht erreicht ist, auch ist ein Ende dieses Engagements noch nicht abzusehen…

Vielleicht liegt diese fortgesetzte Diskriminierung der Familienform „Alleinerziehend“ auch daran, dass sie eine Familienform ist, die fast ausschließlich von Frauen gelebt wird.

Eine merkwürdige Erfahrung die wir machen ist auch, dass ein politisches und gesellschaftliches Umdenken nur passiert, wenn plötzlich auch Männer von diesen Ungerechtigkeiten betroffen sind, wie z.B. dass ein alleinerziehender Vater nicht im Schichtdienst beschäftigt sein kann, da das mit seiner familiären Situation überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist und deshalb natürlich familiengerechte Arbeitszeiten ein ganz wichtiger Schritt hin zur Absicherung des Familieneinkommens als Schutz vor Armut, seiner eigenen, die seines Kindes und vor allem auch vor seiner Armut im Alter ist.

Denn: hat er nicht gearbeitet, sondern sich verantwortungsbewusst dem Aufwachsen seines Kindes gewidmet, ist er folglich im Alter arm. Für alleinerziehende Frauen ist das seit Jahrzehnten gelebter Alltag und logische Konsequenz – mit welchem Grund?

Also zwei Dinge sind die besonderen Herausforderungen in unserer Verbandsarbeit:

diese verfestigten Ungerechtigkeiten, die Eltern und Kinder in schwierige Lebenssituationen zwingen, bei den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft immer und immer wieder unerschrocken anzusprechen, den Wandel im Denken anzuregen und zu begleiten, so dass bedarfsgerechte Strukturen für die Familien geschaffen werden.

Dies gilt im Übrigen ja für alle Familienformen und vor allem für alle gesellschaftlich relevanten und aktuellen Themen.

FP: Ist es ein Klischee, wenn ich Sie jetzt frage, ob mehr Frauen oder mehr Männer zu Ihnen kommen?

BF: Nein, natürlich ist das kein Klischee sondern das ist die Realität! Denn wenn wir als Verein von 5% -, andere Statistiken gehen von 10 % männlicher Alleinerziehender aus – ausgehen, ist es doch vollkommen klar, dass entsprechend bei 10 Alleinerziehenden, höchsten ein halber oder ein ganzer Mann dabei sein kann – leider…“

Wenn die Hälfte der Alleinerziehenden Männer wären, gäbe es selbstverständlich einen Rechtsanspruch auf qualitativ hochwertige Kinderbetreuung für alle Kinder allen Alters, über Rentengerechtigkeit müssten wir überhaupt nicht reden, der Selbstbehalt würde für die Familie gelten, in der die Kinder zu Hause sind, der Unterhalt würde einfach zu regeln sein, eine steuerliche Diskriminierung des Erwerbseinkommens des alleinerziehenden Familienvaters wäre tabu und familiengerechte Arbeitszeiten wären eine Selbstverständlichkeit.

FP: welche Nöte dominieren bei den Alleinerziehenden, die Ihren Verein aufsuchen?

BF: Das kann man mit ganz einfachen Worten sagen: als erstes ist es finanzielle Not – es sind fast immer die fehlenden Finanzen und die entsprechenden finanziellen Sorgen die einhergehen mit einem überbordenden Wust an Anträgen, ob zu Bildungs- und Teilhabepaket, zu ALGII, Widersprüchen und, und, und, der die letzten Reserven Alleinerziehender verbraucht und diese Familien gänzlich in die Knie zwingt….

Streitigkeiten – außerhalb und vor den Gerichten zum Sorgerecht, dem Umgangsrecht und natürlich zum fehlenden Unterhalt, der Unterhaltsvorschuss und seine Merkwürdigkeiten, ALGII oder ergänzendes ALGII, fehlende Kinderbetreuung, fehlende Infrastruktur.

Und selbstverständlich können wir als Gesellschaft nicht davon ausgehen, dass alle Alleinerziehende Netzwerke haben, die sie finanziell, zeitlich, organisatorische etc. auffangen. Oder haben Alleinerziehende einen Rechtsanspruch auf Netzwerke? (lacht).

Krankheit oder ähnliches bringt dann diese Familien endgültig zu Fall.

FP: Worin besteht der Hauptteil Ihrer Arbeit?

BF: Es gibt keine Hauptarbeit, da wir die Alleinerziehung als Gesamtes und als ein Thema, was uns alle in unserer Gesellschaft angeht, betrachten müssen!

Von der Basisarbeit mit und in den Familien, dem Anbieten barrierefreier und für Alleinerziehende kenntlich gemachter Einstiegs- und Kontaktaufnahmemöglichkeiten, über Erstberatung/Strukturierung, dem Anbieten offener Angebote zu Bildung und Freizeit, der persönlichen Begleitung und Betreuung bis hin zur politischen Lobbyarbeit in landespolitischen Gremien und Netzwerken, bei parlamentarischen Gesprächen mit Landtagsabgeordneten aller Fraktionen, in Gesprächen mit Ministerinnen und Ministern, bei Familientagen, in Fachdiskussionen mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren oder familienbezogen arbeitender Ämter und Behörden.

Oder wie zum Beispiel am 12. November 2015 in der IHK in Dresden bei der durch uns durchgeführten Fachveranstaltung zu „familiengerechten Arbeitszeiten“ mit dem sächsischen Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Martin Dulig (mehr dazu unter dem Artikel).

Hier ist der Landesfamilienverband mit seinen haupt- und ehrenamtlich arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern präsent und nimmt die Interessen der alleinerziehenden Familien in Sachsen wahr.

FP: Welche Motivation haben Sie persönlich für diese – sicher oft auch nicht einfache Arbeit?

BF: Wie alle Menschen, die sich nicht mit den Zuständen abfinden können, die sie als ungerecht empfinden und dort die Initiativen gegen Ungerechtigkeit, soziale Verwahrlosung o.ä. ergreifen, wo sie oder er gerade hingestellt ist, so kann auch ich mich selbstverständlich nicht mit dieser Kinder und alleinerziehende Familien ausgrenzenden ungerechten Gesellschaft einverstanden erklären.

Wie ich auch z.B. eine Quote von 30 zu 70 als eine festgeschriebene Diskriminierung von Frauen verstehe, denn nur eine paritätische Frauenquote, d.h. 50 zu 50 und bedarfsgerechte Strukturen für Frauen und Kinder und anderer vielfältiger Personengruppen sind Maßstab einer humanistischen Gesellschaft, die alle Familien- und Lebenskonstellationen anerkennt.

Es wird immer dieser Aufmerksamkeit und des Benennens der Ursachen von Missständen bedürfen, und das liegt in der Verantwortung einer/s jeden Einzelnen aber auch in unserer Gesamt-verantwortung.

FP: Neben Ihrem Beruf spielt die Musik ein große Rolle in Ihrem Leben – verraten Sie uns mehr darüber!

BF: Neben der Geschäftsführung des Landesfamilienverbandes SHIA e.V. LV Sachsen bin ich als ausgebildete Musikerin und Pädagogin auch künstlerisch vielseitig unterwegs, auch ehrenamtlich in weiteren Organisationen und Gremien, immer mit dem Anspruch, die Dinge für alleinerziehende Familien, für Kinder und für Frauen in dieser Gesellschaft positiv zu beeinflussen.

Meine künstlerischen, oft auch die verschiedenen Kunstsparten übergreifenden Projekte sind allesamt politisch.

Als Frau, als Künstlerin und dann noch alleinerziehend musste mir ja auffallen, dass es – und vor allem in dieser Branche – so gut wie unmöglich ist, ein existenzsicherndes Familieneinkommen für sich und die Kinder zu erzielen.

Niedrigstlöhne oder gar keine Aufträge im Kulturbereich, und der Mindestlohn führen auch nicht aus der aktuellen Armut oder der drohenden Altersarmut. Vor allem nicht bei einer Arbeitszeit die unter 40 Stunden liegt, oder in Teilzeit oder Minijobs – familienungerechte Arbeitszeiten, zu leistende Schichtdienste oder Arbeitszeiten als Alleinerziehende mit mehr als 40 Stunden in der Woche, dann die finanzielle Diskriminierung der Familiensituation alleinerziehend, hinzukommender Ämter- und Behördenstress – NEIN das ist nicht unter einen Hut zu kriegen!

Das ist nicht zu leisten – und zwar für niemanden, weder für alleinerziehende Frauen noch für alleinerziehende Männer – nur sind diese Aufgaben über Jahrzehnte hinweg von Frauen übernommen worden, und Frauen hatten und haben leider immer noch nicht die entsprechende Lobby und aktuell sind nur wenige Frauen in den Positionen, in denen sie alleinerziehend-diskriminierende gesetzliche Grundlagen ändern könnten.

FP: Der SHIA e. V. Landesverband Sachsen organisiert aktiv Veranstaltungen mit und für Alleinerziehende sowie der Politik – was steht hier als nächstes an?

BF: Unser Wirtschaftssozialgespräch 2015, das wir am 12. November 2015 in und mit der IHK Dresden durchführen. Staatsminister Martin Dulig sowie Frau Dr. Keim vom Bundesfamilienministerium, die als Stellvertreterin von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig dabei sein wird, sowie die Vertreterinnen und Vertreter aller Fraktionen des sächsischen Landtages werden auf diesem familienpolitischen Wirtschafs- und Sozialforum gemeinsam diskutieren, was es heißt „familiengerechte Arbeitszeitmodelle“ zu leben oder/und anzubieten bzw. wie schwierig die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, wenn solche Modelle eben nicht gegeben sind. Was ja leider immer noch an dem ist.

In verschiedenen Workshops werden unterschiedlichste Themen behandelt, so zum Beispiel, wie familiengerechte Arbeitszeitmodelle in Berufen, die andere Arbeitszeiten als „Nine-to-five“ haben, umgesetzt werden können, ob ein existenzsicherndes „25-h-Modell“ nebst einer Familienkasse umgesetzt werden kann und, und, und….

Zudem haben die Gäste an diesem Abend die Möglichkeit, mit den geladenen Politikerinnen und Politikern in den direkten Dialog zu treten – eine Chance, die sich relativ selten bietet, weshalb wir alle Alleinerziehenden, Mütter, Väter und sonstige an der Veranstaltung interessierte Leute hiermit herzlich zur Teilnahme einladen. Die Veranstaltung ist kostenfrei, mehr dazu findet man hier: http://www.shia-sachsen.de/arbeitszeitmodelle/

Seien Sie also dabei in Dresden, wir freuen uns über den Austausch mit Ihnen.

Bei Interesse melden Sie sich einfach über familiengerecht@shia-sachsen.de bei uns an!

Bildnachweis / Copyright: Brunhild Fischer

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