kind_im_autoEin Gastbeitrag von Denise. Mütternetzwerke – also Bekanntschaften oder Freundschaften zwischen Müttern, die sich untereinander helfen – sind prima!

Vor allem für alleinerziehende Mamas (oder Papas – dasselbe gilt natürlich auf für das männliche Geschlecht!).

Doch wie bei fast allem im Leben, gibt es auch bei dieser positiven Sache einen Haken.

Zumindest für Mütter, die sich der Verantwortung der Erziehung bewusst sind und alles sehr genau nehmen. Das ist – ganz ausdrücklich! – nicht ironisch gemeint, sondern sachlich und positiv.

Denn heutzutage ist man ja, vor allem medial, schnell mal der „Helikopter-Mutter“ bezichtigt, wenn man eine entsprechende Besorgtheit im Zusammenhang mit dem Nachwuchs an den Tag legt.

Macht aber nichts! Um dieses mediale Getöse – bei dem sowieso kaum einer mehr hinhören dürfte – sollte man sich derzeit nicht kümmern. Es hat `eh den Status wie einst, unter Honecker, erreicht…!

Nun zum oben erwähnten Haken, den zumindest ich, als alleinerziehende Mutter, wahrnehme und den ich an einem konkreten Beispiel mal skizzieren möchte.

Ich habe ein klitzekleines Mütternetzwerk. Wir sind zwei Mamas, Ines und ich (beide alleinerziehend), die sich hier – in unserem Stadtteil – unterstützen. Wir kennen uns aus dem Kindergarten, in den der Nachwuchs gemeinsam geht.

Die größte Hilfe in unserem Hilfs-Tandem, das wir zwei Mütter – beide beruflich selbständig – stemmen, ist das spontane Mitnehmen des Kindes der anderen nach dem Kindergarten, wenn es bei der einen mal später wird. Das ist keine große Affäre, denn unser Stadtteil ist fast ländlich geprägt – die Entfernung zu unseren jeweiligen Wohnungen bzw. Häusern beträgt nicht länger als maximal fünf Minuten Fahrzeit.

Anders sieht es dagegen schon aus, wenn Ines, die andere Mutter, einmal in der Woche mein Kind mit zur Musikschule nimmt, wo sowohl ihr Nachwuchs, als auch mein Kind angemeldet ist. Der Unterricht findet immer donnerstags, in einer Kleinstadt in der Nähe unseres Wohnortes, statt – jede Woche.

Ausgerechnet an diesem Tag aber habe ich, die ich (unter anderem), Kurse an einer Weiterbildungseinrichtung gebe, in dieser Zeit Unterricht und bin immer erst am sehr späten Nachmittag respektive frühen Abend daheim. Das hat mir, bevor ich diesen Auftrag annahm, ziemliches Kopfzerbrechen bereitet.

Rasch aber hatte sich Ines – ganz von selbst – bereit erklärt, mein Kind jede Woche mit zur Musikschule und zurück zu nehmen, da sie ja mit ihrem Nachwuchs sowieso auch dort hin fährt. Nun gut – das Arrangement besteht jetzt schon einige Zeit und klappt sehr gut.

Ines holt an jedem Donnerstag sowohl ihr Kind als auch meines aus dem Kindergarten ab und von dort aus geht es mit ihrem Auto in die zehn Fahrminuten entfernte Musikschule.

Der Weg dorthin ist eine kurvengeprägte Landstraße, auf der mir schon mehrmals idiotische Raser und Überholer entgegen gekommen sind. Schon manches Mal stockte mir fast der Atem, wenn rücksichtslose Fahrer einem auf der eigenen Fahrspur entgegen kamen, weil sie – ohne Sinn und Verstand – überholten, obwohl sie die Gegenfahrbahn gar nicht einsehen konnten.

Ich habe mir deshalb einen gewissen Fahrstil angewöhnt, der darauf abzielt, in einer solchen Situation – so sie mir widerfährt, was ich nicht hoffe! – noch eine Chance haben und ausweichen zu können.

Ich fahre deshalb nicht wie eine lahme Schnecke und auch nicht ängstlich, aber eben so, dass ich IMMER, in jeder Sekunde, während der Fahrt damit rechne, dass ich einen rücksichtslosen Autofahrer auf meiner Spur ausmache.

Die vielen Unfallmeldungen, die über schwere Zusammenstöße auf  dieser Strecke berichten, bestärken mich in dieser Fahrweise.

Rückte der Donnerstag näher, an dem Ines mein Kind in ihrem Auto mitnahm, hatte ich jedes Mal Bedenken. Ines war über 15 Jahre jünger als ich, eine sehr junge Frau (ich habe mein Kind mit fast 40 bekommen) – würde sie sich diese Gedanken auch machen und auf der Strecke zur Musikschule mit gedankenlosen Rasern rechnen?

Ich schleppte diese Frage und mein Unbehagen, das ich an jedem Donnerstag verspürte, lange Zeit mit mir herum.

Ich war unsicher, ob ich Ines darauf ansprechen sollte – es erschien mir übergriffig und undankbar. Was, wenn sie es missversteht?

Ich war deshalb jede Woche, wenn die kleine Gruppe zum Musikunterricht unterwegs war, extrem unruhig, konnte mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren und checkte, sobald ich den Heimweg antrat, erst mal online, ob es eventuell einen Unfall auf der besagten Strecke gegeben hat.

Mit jeder Woche wurde ich unruhiger, in mir blähte sich das Unbehagen, dass ich vielleicht mein Kind einer nicht hinzunehmenden Gefahr aussetze, zu einem großen Unruhe-Gefühl auf. Ich kam mir nicht gut dabei vor, richtig undankbar. Andererseits kannte ich den Fahrstil von Ines ja nicht. Er konnte sonstwie nachlässig sein und ich war mir eben der Verantwortung für mein Kind bewusst.

Ich erinnere mich an eine Tragödie, in den jungen Jahren meiner Eltern, als ich noch nicht auf der Welt war. Seinerzeit hatten schon diverse Freunde meiner Eltern Kinder und eines Tages ergab es sich, dass ein Papa, neben seinem Kind, noch zwei andere Kinder in seinem Auto mitnahm, irgendwo hin – wohin weiß ich nicht mehr. Es tut auch nichts zur Sache.

Der junge Vater überquerte mit den drei Kindern im Auto – allesamt Kleinkinder, wie meine Eltern mir erzählten – einen Bahnübergang. An diesem Bahnübergang hatte jedoch die Bahnwärterin just in dem Augenblick vergessen, die Schranke herunterzulassen. Die kleine Fuhre passierte also den Übergang und kollidierte kurz darauf mit einem heranbrausenden Zug.

Überlebt hat keiner. Das Versagen der Bahnwärterin hatte seinerzeit natürlich ein juristisches Nachspiel, die Frau landete – meines Wissens – sogar im Gefängnis, aber das ist hier zweitrangig.

Fakt ist, dass hier Eltern, die die Verantwortung für ihre Kinder in diesem Moment an den anderen Vater abgegeben hatten, mit dem Tot ihres Nachwuchses konfrontiert wurden und von da ab mit der grausamen Konsequenz des Ganzen – dem Verlust ihrer Kinder – leben mussten.

Das ist sicher ein extremer Ausnahmefall, aber er zeigt, wie übel es im Leben zugehen kann.

Zurück zu meinem Fall: ich nahm mir vor, Ines auf die Situation  anzusprechen  – jede Woche aufs Neue. Von Mal zu Mal verschob ich es.

Als dann irgendwann wieder einmal auf dieser Strecke Personen durch einen rücksichtslosen Überholer zu Tode kamen, fasste ich mir allerdings ein Herz und vertraute ihr meine Bedenken an.

Ich erzählte ihr auch von meiner Fahrweise, die ich mir – ob der vielen hirnlosen Autofahrer – angeeignet habe.

Ines reagierte super. Sie sagte mir, dass ihr das auch schon aufgefallen wäre und auch sie entsprechend vorsichtig fährt (was ja eigentlich vorauszusehen war, immerhin ist auch sie eine sehr verantwortungsbewusste Mutter).

Ich berichtete ihr von verschiedenen brenzligen Situationen, die ich auf dieser Strecke schon gemeistert habe und sie hörte aufmerksam zu. Sie sagte sogar von alleine, dass sie die Tipps von mir ab sofort auch noch zusätzlich mit beherzigen wolle und dass sie diese richtig gut fand.

Ich war erleichtert! Ist dieses – mich so belastende – Thema doch nun endlich mal zur Sprache gekommen und somit geklärt worden!

Es ist nicht so, dass ich nun donnerstags gar nicht mehr in Sorge bin, ob alles gut geht, aber das so üble, verkrampfte Gefühl, dass zustande kam, weil ich nicht wusste, wie Ines diese Gefahren einschätzt, ist weg.

Es fühlt sich besser an.

Aber natürlich bin ich jede Woche wieder froh, wenn die kleine Fahrgemeinschaft, gegen halb sieben abends, in unsere Straße einbiegt und mein Kind unversehrt aus dem Auto steigt.

Mein Fazit: ohne Vertrauen in den anderen geht es nicht – kann keine gegenseitige Hilfe gewährleistet werden. Unter Müttern und auch anderweitig nicht.

Inwieweit man Verantwortung abgibt (oder auch annimmt, wie es ja für Ines der Fall ist), muss jeder für sich selbst entscheiden – das ist nicht immer einfach.

Mein Tipp: die Risiken abschätzen, den gesunden Menschenverstand walten und dann die Dinge ihren Gang gehen lassen.

Jeder muss für sich selbst einschätzen, inwieweit er anderen Leuten die Verantwortung für sein Kind überträgt. Das gilt im weitesten Sinne ja auch für die eigene Familie.

Denn auch wenn Oma oder Opa das Kind durch die Gegend fahren, können Gefahren lauern, sind die erwähnten Risiken dieselben.

Ich selbst habe meine Mutter, die meinen Nachwuchs auch viel herum fährt, über die irren Autofahrer in unserer Gegend aufgeklärt – sie richtet sich danach. Ich verlasse mich drauf.

Verantwortung abgeben heißt eben: genau das!
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