In Potsdamer Klinik: 84jährige Patientin musste sich Zimmer mit Häftling teilen

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alte Frau mit Teddy

Bildnachweis (Symbolbild): picture-alliance / Lehtikuva

Jeden Tag aufs Neue werden in unserem Land Zustände offenbar, die nicht mal mehr als „haarsträubend“ bezeichnet werden können. Weil das fast noch zu harmlos klingt. Nachdem dieser Tage schon zu lesen war, dass man mancherorts wegen dem Lehrermangel empfiehlt, dass die Schüler einfach per Youtube lernen, stinknormale Karnevalskostüme auf einmal politisch unkorrekt sind und mehrere Polizisten zu einem Einsatz anrücken, um eine Katze einzufangen, kommt aktuell wieder eine Meldung rein, die exemplarisch dafür steht – für das, was sich derzeit hier abspielt. Im Land, in dem wir doch angeblich so „gut und gerne leben“. Was ist passiert? Nun, in Potsdam musste sich eine 84jährige Patientin, die nach einem Schlaganfall im städtischen Klinikum behandelt wurde, das Zimmer mit einem Häftling teilen. Ja – richtig gelesen: mit einem Häftling!

Medial wird über Häftling im Klinikzimmer der Seniorin ausführlich berichtet

Die MÄRKISCHE ALLGEMEINE berichtet über den ungeheurlichen Vorgang in ihrer Ausgabe vom 5. März 2019 wie folgt:

„(…)Eine 84-jährige Seniorin und ein Häftling gemeinsam in einem Krankenhauszimmer – gibt’s nicht? Am städtischen Ernst-von-Bergmann-Klinikum gibt es das sehr wohl, wie jetzt eine Familie aus Stahnsdorf feststellen musste. „Ich finde, dies ist ein ziemlich krasser Fall von Missachtung der Regeln von Menschlichkeit – von Garantenstellung gegenüber Schutzbefohlenen, sprich Patienten ganz zu schweigen“, sagt Rolf Richter, der den für die Familie unerhörten Vorfall im Namen seiner Schwiegermutter Rita Protz öffentlich macht.

Was war geschehen? Am Samstag kam die Seniorin mit dem Rettungsdienst ins Klinikum, schildert Richter: „Verdacht auf Schlaganfall, was sich auch bestätigte. Sonntag wurde sie von uns besucht und befand sich bereits wieder auf dem Weg der Besserung.“(…)

Am Montag aber schlug die alte Dame plötzlich Alarm. „Sie rief uns von ihrem Mobiltelefon aus an und schilderte, dass ein Mann auf ihr Zimmer gelegt wurde und sie mit dieser Situation völlig überfordert ist – verständlicherweise“, so Richter. „Ich rief daraufhin die Station an, wo man mir diesen Umstand kurz und knapp bejahte – mit dem Hinweis dass dies so üblich wäre!“ Nach einem weiteren Anruf – dieses Mal bei der Klinikleitung – habe er sich mit seiner Frau auf den Weg nach Potsdam gemacht. „Während der Fahrt meldete sich erneut die Mutter meiner Frau und teilte uns folgendes mit: Auf ihr Zimmer wurde ein Inhaftierter verlegt, der an den Füßen gefesselt und in Begleitung von drei Vollzugsbeamten war“, so Richter. Demnach saßen zwei der Wachmänner mit im Zimmer, der dritte hatte sich draußen vor der Tür postiert. „Das also mutet man einer alten Dame mit Schlaganfall dort zu…“ Rolf Richter spricht von „unhaltbaren Zuständen“.(…)

Unhaltbare Zustände…Nun, wo gibt es diese derzeit nicht? Kliniken und Arztpraxen machen kontinuierlich mit unglaublichen Vorfällen von sich reden. Nicht alle freilich vom Klinikpersonal oder Ärzten verursacht, klar.

Aber dennoch hat man als Außenstehender das Gefühl, dass gerade in solchen Gesundheitszentren nichts mehr ist, wie es war.

Einst gutes Gesundheitssystem macht mit Negativ-Schlagzeilen von sich reden

Arbeitsdruck, hohe Belastung für`s Personal, Security vor Kliniktüren, Schlägereien und, und, und….Unserem einst so guten Gesundheitssystem machen viele negative Faktoren zu schaffen. Nicht erst seit gestern fühlen sich zudem manche Patienten während eines Krankenhausaufenthaltes lediglich als Nummer.

Dass auf die Menschen eingegangen wird – dieses Gefühl hat man oft gar nicht mehr. Sei es, dass man es selbst am eigenen Leib erfahren hat oder es durch Angehörige, die sich einem Klinikaufenthalt unterziehen müssen, mitbekommt.

Aber zurück zu der alten Dame in Potsdam, denn dieses „Gaunerstück“ hatte selbstverständlich ein Nachspiel.

Zitat aus der MÄRKISCHEN ALLGEMEINEN:

„(…)Ein spezieller Fall – so sieht man das auch am Klinikum. Die Mitarbeiter dort beteuern, dass sie die Seniorin daher gefragt hätten, ob sie einverstanden sei, sich das Zimmer mit einem Häftling zu teilen: „Sie hat dem zugestimmt“, sagt Damaris Hunsmann. Rolf Richter sagt, seine Schwiegermutter sei nicht gefragt, sie sei überfahren worden: „Sie hätte mit Sicherheit nie zugestimmt.“

Die eigentümliche Situation am Bergmann löste sich dem Vernehmen nach innerhalb einer halben Stunde auf. „Als wir eintrafen, ist meine Schwiegermutter wie durch ein Wunder auf ein anderes Zimmer verlegt worden“, so Richter. Dort blieb die alte Dame aber nicht: „Wir haben sie ins Auto verfrachtet und lassen sie zu Hause vom Hausarzt behandeln. Sie freut sich, dass sie nicht noch eine Nacht im Bergmann verbringen musste – sie wird auch nie wieder in dieses Krankenhaus gehen.“ Nachdem er einen Tag lang vergeblich auf eine Reaktion aus der Chefetage gewartet habe, habe sich inzwischen die stellvertretende Pflegedirektorin gemeldet. „Sie hat sich telefonisch bei uns entschuldigt und tat sehr sprachlos.“ Generell habe er das Gefühl gehabt, „dass alle im Klinikum unter enormem Druck stehen“, sagt Richter. „Da denkt man sich seinen Teil. Das hat nicht allein mit Unterbesetzung zu tun, sondern mit der Führung.“(…)

Nur, dass eben die Führungen mancher Kliniken hierzulande reinen Management-Abteilungen gleichen. Nicht umsonst wurden die Klagen über das hiesige Gesundheitssystem lauter, seitdem Gewinnmaximierung über allem zu stehen scheint.

Betagte Patientin und Häftling – wohl dem, der gesund ist!

Ethik, Verantwortungsbewusstsein, Nächstenliebe – das alles bleibt offenbar immer mehr auf der Strecke. Zumindest lassen die vielen negativen Meldungen aus solchen Einrichtungen darauf schließen. Wohl dem also, der im „besten Deutschland aller Zeiten“ niemals krank wird!

 

 

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1 Kommentar

  1. Ronja

    6. März 2019 at 7:41

    Auf welcher Stroke Unit oder auch IMC / Intensivstationen ist das denn anders? Diese Stationen können aufgrund des Platzes gar nicht nach Männlein und Weiblein trennen. Das ist in vielen Krankenhäusern so.
    Und selbst wenn es ein Häftling war – na und. Vielleicht hat er ja mal ein paar Steuern hinterzogen.
    Unglaublich.
    Und klar, ich lasse meine Mutter mit Schlaganfall vom Hausarzt behandeln.

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