Jahrzehnte nach DDR & wegen Corona: Rufe nach Produkt-Rationierungen werden laut!

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Geschäft in der DDR

Erleben Schlangen vor den Läden und Produkt-Zuteilungen ein Revival?

Ein Gastbeitrag von Liane.

Das Coronavirus ist da und die Regale vielerorts leer. Zumindest was Nudeln, Toilettenpapier und Konserven angeht. Völlig zusammengebrochen scheint zudem der Markt für Hygieneprodukte in Sachen Desinfektion zu sein. Desinfektions-Handgel, Desinfektionstücher, Spray zum Desinfizieren und ähnliche Produkte, die wahrscheinlich jahrein-jahraus von der Masse der Verbraucher unbeachtet in den Drogeriemärkten herumlagen, sind auf einmal nicht mehr zu haben.

Das trifft auch auf Sterilium zu, ein Mittel, das häufig in der Medizin verwendet wird, aber auch für Privathaushalte zugänglich ist. Oder zumindest war. Denn auch dieses Wässerchen ist derzeit so gut wie ausverkauft oder häufig nur noch zu Wucherpreisen zu haben.

Rationierungen von Klopapier und Hygienespray?

Angesichts dieser Zustände hört man User im Internet immer häufiger nach einer Rationierung von Produkten rufen. Toilettenpapier, Nudeln, Desinfektions- und Hygieneartikel: Ginge es nach manchen Menschen, sollten hiervon nur noch zugeteilte Stückzahlen an den einzelnen Verbraucher ausgegeben werden.

Eine Unart aus der DDR soll nun also auch im freien Deutschland Anwendung finden? Ich musste zweimal hinschauen, als ich erstmals davon las, dass User nach Rationierung rufen. Ich hatte da schon ein ungutes Bauchgefühl. Dasselbe, das ich hatte, als ich vor Wochen die Bilder aus Italien sah, die leergekauften Supermärkte, die Statements der Italiener dazu. Ein Mann – ein Einheimischer – sagte im Fernsehen, dass er eine solche „Hamsterei“ noch nicht mal zu Beginn des 2. Weltkrieges erlebt hat.

Spätestens nach diesen Bildern und O-Tönen hätte den Leuten in Deutschland klar sein müssen, was hier auf uns zukommt. Bekanntlich machen Viren nicht an Grenzen halt.

Schlechtes Bauchgefühl zu Beginn der Corona-Krise

Ich zumindest habe mich nach diesen Bildern, gemeinsam mit meinem Mann, aufgemacht und meinen Vorrat, den ich sowieso immer habe (ich wohne ländlich) ordentlich aufgestockt. Ja, ich gebe auch zu, bei dm online relativ viel an Hygienebedarf bestellt zu haben (Desinfektionszeug, Toilettenpapier, Damenhygiene). Und das war auch ohne weiteres möglich.

Als die ersten Rufe nach Rationierungen im Internet erklangen, verstärkte sich das oben bereits erwähnte schlechte Bauchgefühl und ich startete noch mal eine Einkaufsrunde. Zumal parallel dazu die Meldungen zum Coronavirus, das Deutschland inzwischen erreicht hatte, immer bedrohlicher rüberkamen.

Bevor ich aufbrach, äußerte ich Freunden gegenüber meine Bedenken, die ich in Sachen Rationierung und Zuteilung schon hatte. Ich sollte sie bestätigt bekommen, als ich zuerst den dm-Markt ansteuerte. Hier erlebte ich ein wahres Revival in Sachen DDR-Erfahrung. Denn: Schon im Eingangsbereich hing ein Zettel, dass Desinfektionsmittel ausverkauft sind und dass sie, wenn sie wieder vorrätig sind, nur in „haushaltsüblichen Mengen“ abgegeben werden. Hier schon fühlte ich mich in tiefste Zonenzeiten zurückversetzt, obgleich natürlich in der DDR niemals Zettel an den Geschäften hingen, dass dies oder jenes nicht vorrätig und nur rationiert zu bekommen war. Das wusste ja `eh jeder!

Aber zurück zum Einkauf bei dm.

Ich kaufte dort noch zwei Packungen Toilettenpapier, normalen Kosmetikkram und etwas destilliertes Wasser. Als ich bezahlte, guckte die Verkäuferin schon komisch, aber sie sagte nichts.

Zuteilung in Drogeriemärkten hat begonnen

Als ich die Dinge im Auto verstaut hatte, steuerte ich den Supermarkt an, der neben dem dm lag und in den mein Mann zwischenzeitlich gegangen war. Dort war glücklicherweise (noch) kein Regal leer und wir konnten unsere normalen Einkäufe, mit der einen oder anderen Konserve mehr, tätigen. Währenddessen überlegte ich mir, dass ich von dem destillierten Wasser doch noch etwas mehr kaufen wollte und bat meinen Mann, kurz noch mal in den dm herüberzugehen und mir mal noch vier Kanister zu kaufen. Er machte sich also auf Richtung Drogeriemarkt und kam kurz darauf zurück, mit der Nachricht, dass er nur noch zwei Kanister bekommen hat. Keine vier mehr. Zuteilung…!

Ich konnte es nicht fassen: DIE Zustände, die wir 1989 geglaubt haben, überwunden zu haben, waren also zurück. Es wird wieder zugeteilt! Dasselbe erlebte ich einen Tag später am Nachmittag, als bei dm online kurzfristig einige Desinfektionsartikel verfügbar waren. Ich konnte bestellen, aber nicht die Menge, die ich bestellen wollte. Alte Bilder aus Erinnerungen an die DDR-Zeit waren auf einmal wieder ganz da.

Wie wir als Kinder, sobald ein LKW mit Ware (egal was, es wurde eigentlich immer alles benötigt) durch die Stadt fuhr, von der Mutter gerufen und mit jeweils 10,00 Mark ausgestattet wurden. Damit sollten wir uns in die Schlange vor dem Geschäft, das beliefert wurde, einreihen, bis die Eltern kamen. Trafen sie ein, war das für uns Kinder natürlich keine Erlösung. Denn der Trick war, mit mehreren Personen, die alle taten, als kannten sie sich nicht, zu mehr Produkten zu gelangen und die Rationierung somit etwas zu umgehen. Das Anstehen konnte manchmal Stunden dauern, da die Leute schon herbeiströmten, wenn das Verkaufspersonal noch am Abladen des LKW`s war. Manchmal gab es Unruhe, einmal geriet ich fast in einen Tumult. Nein, nein und nochmals nein! Ich will das nicht mehr! Niemals wieder in der Schlange vor einem Geschäft stehen oder/und vorgeschrieben zu bekommen, wie viele Produkte ich mir für mein Geld kaufe.

Mehr und mehr lese ich nun aber seit kurzem von den Rufen nach Rationierungen von Produkten. Hierüber kann ich wirklich nur mit dem Kopf schütteln! Kann es tatsächlich gewünscht sein, dass man will, dass Fremde bestimmen, wer was in welcher Menge zu kaufen hat? Gehört nicht gerade vor und in einer Krise auch ein wenig Eigenverantwortung dazu? Sollte man nicht, wenn in anderen europäischen Ländern schon halb der Notstand wegen einem Virus herrscht, auch mitdenken und bei den eigenen Einkäufen immer schon mal das eine oder andere zusätzlich mitnehmen? Zumal dann, wenn man Kinder im Haushalt hat?

Viele Menschen sorgen für Krisen nicht vor

Das haben offenbar die wenigsten getan. Das sind natürlich die, die jetzt aus voller Kehle nach Rationierungen von Produkten rufen. Und es sind vor allem jene, die in Mitteldeutschland nach 1989 und in Westdeutschland generell in eine Überflussgesellschaft hineingeboren wurden. Viele Westdeutsche und junge Ostdeutsche können es sich offenbar überhaupt nicht vorstellen, dass ein System auch mal zusammenbrechen kann. Das führt dann zu so haarsträubenden Aussagen wie:

„Wenn hier Katastrophe ist, kümmert sich ja das Ordnungsamt oder die Stadt“,

die ich in einer speziellen Coronavirus-Gruppe auf Facebook gelesen habe. Und über die ich nur milde lächeln kann. Es scheint tatsächlich nicht wenige Leute zu geben, die meinen, dass im Katastrophenfall kontinuierlich Nahrung, Toilettenpapier und Hygieneartikel von irgendwelchen öffentlichen Stellen an die Bürger ausgegeben werden. Ich glaube keine Sekunde an ein solches Szenario. Und das rührt nicht nur von den dilettantischen Auftritten unserer Politiker in Sachen Coronavirus her, sondern meine Vorahnungen, was hier wohl im Katastrophenfall wirklich passiert, beruhen auf meinen Beobachtungen dieser Gesellschaft seit dem Fall der Mauer. Insofern möchte ich auch gar nicht detaillierter darauf eingehen, es wäre ein Thema für sich.

Rationierungen sind Eingriff in die Freiheit des Einzelnen

Ich bleibe dabei: Rationierungen von Produkten stellen einen Eingriff in die Freiheit des Einzelnen dar. Und eine Rückwärtsgewandtheit sowieso. Das heißt freilich nicht, dass nicht dafür Sorge getragen werden muss, dass kranken, verletzten, schwachen und gesundheitlich angeschlagenen Bürgern hierzulande alle medizinischen und hygienischen Mittel und Produkte zur Verfügung stehen müssen. Das müssen sie selbstverständlich!

Doch ist niemand, der bei dm acht Fläschchen Handdesinfektion kauft, bei Kaufland zehn Rollen Toilettenpapier in den Wagen stapelt oder sich bei Amazon mit fünf Flaschen Sterilium eindeckt, dafür verantwortlich, dass es jetzt bei einigen Produkten zu einer Verknappung kommt.

Solche Sachen müssen in einem Ernst- oder Katastrophenfall ausreichend zur Verfügung stehen. Dafür sind Weitsicht und eine volksfreundliche Politik gefragt. Da aber die deutsche Wirtschaft lange schon vom „Geiz-ist-geil“-Virus befallen ist (und zudem viele Wirtschaftszweige nach Fernost ausgelagert hat) und die deutsche Politik an die ganze Welt, aber gefühlt zum Schluss an ihre eigenen Bürger denkt, dürfte klar sein, wer hier in der Verantwortung ist.

Der Hamsterkäufer ist es nicht!

Bildnachweis: picture alliance

 

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