Social Freezing – schlimmer geht’s nicht!

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LabortestEs war DAS Thema vor einigen Tagen und kocht noch immer auf heißer, medialer Flamme: Social Freezing. Mal wieder machen große Unternehmen wie Apple und Facebook mit vermeintlich innovativen Ideen der „Mitarbeiter-Erhaltung“ von sich reden. Das Angebot soll Frauen ermöglichen, sich zuerst auf die Karriere und dann auf den Nachwuchs zu konzentrieren. In Form des Einfrierens der Eizellen, eine neuerdings mögliche, aber eben auch sehr kostspielige Variante der „Nachwuchsplanung“.

Damit ist wohl eine neue Stufe des „Gier-Kapitalismus“ erreicht. Zumindest wenn man von der Intention der großen amerikanischen Internetkonzerne ausgeht. Die wollen natürlich in erster Linie die Arbeitskraft der Mitarbeiterinnen so lange wie möglich erhalten, Schwangerschaft und Kinder stören da offensichtlich nur.

 „Gier-Kapitalismus“ der an Staatsbürgerkunde-Aussagen erinnert?

Wenn ich das alles so lese, kommt mir immer wieder mein alter Staatsbürgerkundelehrer in den Sinn, der die – freilich sehr gewagte – These aufstellte, dass im Kapitalismus der Arbeitnehmer eigentlich der Arbeitgeber ist, einfach, weil er seine Arbeitskraft gibt. Man kann das „ga ga“ nennen. Oder auch ehrlich. Denn da ist schon was dran…!!!

Die „neuen“ Konzerne, allen voran die bekannte Suchmaschine und auch Zuckerbergs Imperium, rühmen sich schon immer der vielen Annehmlichkeiten, die sie Mitarbeitern stellen.

Von kostenlosen Shuttle-Bussen hört man, von firmeneigenen Fitness-Studios, kostenloser Verpflegung und so weiter und so fort. Und für Frauen nun – Social Freezing. Eizellen einfrieren, wenn diese noch „gut in Schuss“ sind, auftauen dann gern auch mit 40plus.

Es wäre interessant zu wissen, wie die Frauen, die Mitarbeiterinnen der Konzerne, die diese Angebote unterbreiten, wirklich denken. Denn es ist klar, dass in diesen Firmen helle Köpfe arbeiten, nicht unbedingt willige „Diene-Knüppel“. Qualifizierte Leute, die wissen was sie (vom Leben) wollen.

Erst Karriere, dann Nachwuchs mit „Social Freezing“?

Ob die Mitarbeiterinnen, denen diese – man kann schon sagen, unmoralische – Offerte angedient wird, überreißen, dass sie sich durch eine solche Möglichkeit tief rein begeben in den Schlund des gierigen Profitwahns? Oder es tatsächlich als positive Möglichkeit sehen, Karriere zu machen und sich dann entspannt dem Nachwuchs zu widmen? Letztere „Variante“ empfinde ich so oder so als fragwürdig, unabhängig vom Social Freezing. Diese relative neuartige Möglichkeit ist nur der I-Punkt auf allen gesellschaftlichen Debatten zur „Karriere als Frau“.

Denn leider scheint – zumindest medial – NUR diese Richtung bei Frauen Anerkennung zu finden.

Wohin man auch schaut, ob in gedruckte (Frauen)Magazine oder in die vielen Online-Medien: „Frau und Karriere“ ist ständig ein Thema. Ob es um Aufstiegstipps für Frauen geht oder um die Kinderbetreuung während der Arbeitszeit, um den Umgang mit Chef und Kollegen oder gutgemeinte Tipps zur erfolgreichen Gehaltsverhandlung – Frauen, die einen anderen Weg gehen, stehen einfach nicht im medialen Fokus.

Karriere-Frauen werden hochgepusht

Dabei gibt es sie zur Genüge, nur werden eben „Karriere-Frauen“ gehypt ohne Ende.

Als ob es andere weibliche Lebensmodelle nicht gibt. Die Berichterstattung über solche „Superfrauen“ gipfelte kürzlich in der Berichterstattung über Eva Maren Büchner. Ein Frauenportal porträtierte die ehemalige Moderatorin, die kund tat, – ACHTUNG !!!!- drei (DREI!!!!) Firmen, drei Kinder und drei Wohnorte spielend unter einen Hut zu bekommen.

Karrierefrauen gleich Superfrauen?

Wer`s glaubt, wird selig….! Selbstredend wurde kein Wort verloren über den finanziellen Background, den die Dame ganz offensichtlich hat und sich damit eine Organisation ihres Lebens leisten kann, die für die meisten Frauen kometenhaft weit weg ist.

Die Message des Beitrages allerdings war nicht zu verkennen: eine tolle Karrierefrau, die alles, aber auch alles gebacken bekommt.

Ähnlich ist der Tenor bei vielen Berichten über das Social Freezing. Nach dem Motto: „toll, was die Frauen jetzt so für Möglichkeiten haben“.

Dass solche bizarren Varianten der Familienplanung doch ganz klar den mega-profit-orientierten Unternehmen als der Frau und ihrer Familie selbst zugute kommen, wird zumeist verschwiegen.

Es wird allzu oft so getan, als wäre es das natürlichste von der Welt, dass sich Frauen nun zukünftig dafür entscheiden, mittels eingefrorener Eizellen erst mit 40, 45 oder gar noch später Mutter zu werden. Ein abstruser Rhythmus – wider der Natur.

Denn die hat sich – logisch! – was dabei gedacht, dass für Frauen mit Anfang / Mitte Zwanzig das beste Alter ist, um Kinder zu bekommen. Freilich hat sich das in unserer Zeit nach hinten verschoben, auch mit Mitte Dreißig erstmals Mutter zu werden, ist völlig okay.

Legitim, wenn Frauen sich bewusst gegen Karriere entscheiden

Genau so, wie es legitim ist, wenn sich eine Frau bewusst gegen eine Karriere (obgleich ja der Begriff, die Auslegung des selbigen für jede Frau anders ist…!!!) entscheidet. Und davon gibt es genügend Frauen – noch immer! Und wohl auch zukünftig! Denn nicht jede der weiblichen Zeitgenossinnen sieht seinen Lebenssinn darin, von Meeting zu Meeting zu hetzen, -zig Kunden täglich neu zu akquirieren, in einem Geschäft oder Kaufhaus stundenlang am Verkaufstresen zu stehen, als taffe Vertrieblerin noch bessere und noch tollere Zahlen zu präsentieren oder durch Vorstandsetagen zu wirbeln. Letzteres sowieso nicht, man fragt sich überhaupt, warum die Politik hier unbedingt entsprechende Quoten einführen möchte? Für die allermeisten Frauen ist das doch überhaupt kein Thema.

Nicht wenige entscheiden sich bewusst dafür, daheim zu bleiben, sich dem Nachwuchs und dem Haushalt zu widmen. Oder sich selbständig eine Existenz aufzubauen, die eher am Lebenssinn denn an einem hohem Gehalt orientiert ist. Manche entscheidet sich bewusst für Teilzeit, um sich nach der Arbeit der Familie zu widmen.

Singlefrauen oft eher an Partnerschaft und Familie den Job interessiert

Freilich – das muss fairerweise gesagt werden – sind solche Modelle häufig nur mit einem (gut) verdienenden Mann umsetzbar. Aber auch Singlefrauen sind nicht selten eher am Finden eines geeigneten Lebenspartners interessiert, als am kometenhaften Aufstieg in die CEO-Abteilung. Alleinerziehende Frauen wiederum müssen meist zusehen, wie sie mit einer Arbeit oder auch Freiberuflichkeit die Butter aufs Brot für die kleine Familie bekommen.

Das alles sind ganz normale Frauen. Diejenigen, für die Social Freezing infrage kommt, dürften wohl in der Minderheit sein. Nichtsdestotrotz gibt es sie sicher, die Frauen, für die ein solches Angebot interessant ist, gar keine Frage.

Nur sollte das Thema medial nicht so hoch gekocht werden, dass es den Eindruck vermittelt, es beträfe – jetzt und zukünftig – gaaaanz viele von uns. Bei einer so emotionalen Thematik wie dem „Kinderkriegen“ dürften die wenigsten den Gedanken haben, sich dieser Herausforderung erst mit Mitte 40plus – oder / und mithilfe von Social-Freezing – zu stellen.

Vorbei an „Frau von nebenan“

Wahrscheinlich wird das Thema künstlich hoch gewirbelt, vorbei an der „Frau von nebenan“ – die ja bekanntlich den Großteil der weiblichen Zeitgenossinnen stellt. Und sich mit derlei Lebensszenarien eher nicht identifizieren kann. In etwa so, wie sich auch die allerwenigsten von uns mit Sheryl Sandberg als „Vorbild“ (wie es medial immer so schön heißt) identifizieren können. Die kann sicher Bücher schreiben ohne Ende, die mögen auch erfolgreich sein (eben weil sie medial so gepusht werden), aber in einem normalen Frauenleben spielen Ratschläge und Tipps einer Millardärin zu Karriere und Familie nur eines: gar keine Rolle.

Ähnlich wird’s wohl mit Social Freezing laufen – interessant für einige wenige, für die meisten von uns aber so gar kein Thema. Und das ist gut so!

Bildnachweis: Fotolia, http://de.fotolia.com/id/60285885, #60285885 – © nito

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