„70 Jahre Grundgesetz“-Feier im Mai, Journalist deckt auf: „Regierung bestellt sich Jubler“

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DDR-Kundgebung

Kundgebung DDR – Jubler vor Honecker

Wer die sozialistische DDR unter Honecker als Schulkind oder Erwachsener erlebt hat, der kennt sie alle: die unsäglichen Szenen, in denen im Alltag gejubelt und geklatscht werden musste. Ganz gleich, ob ein Regierungsmitglied eine Stadt oder einen VEB besuchte oder sich die örtliche Betongenossen-Riege am 1. Mai auf einer Bühne bejubeln ließ.

Ich selbst musste als Schulkind mit 7, 8 Jahren – gemeinsam mit Mitschülern – mal an einem Autobahnabschnitt zwischen Berlin und Schkeuditzer Kreuz stehen, mit Fähnchen in der Hand. Das Wettter war übel, regnerisch und kalt und in meiner Erinnerung standen wir gefühlte Stunden am Straßenrand. Warum? Weil Honecker mit seiner Kolonne durchfahren sollte und wir zum Winken abkommandiert waren.

Betonbonzen bestellten sich vor ihre Bühnen Jubler

Das tat er dann irgendwann auch, aber mehr als fünf, sechs vorbeirasende Wagen und deren Rücklichter sahen wir nicht. Vorher wurden wir noch schnell aufgefordert, die Fähnchen eifrig zu schwenken. Für den Kommunisten-Diktator muss es denn auch so ausgesehen haben, als würden die Kinder nichts lieber tun, als das Staatsoberhaupt frenetisch zu feiern. Und auch alljährlich zum 1. Mai ließen sich die Betonbonzen auf mit rotem Tuch versehen Bühnen feiern. Diesem Spektakel musste ich glücklicherweise nicht oft beiwohnen, schon aus Trotz fuhren unsere politkritischen Eltern an diesem freien Tag mit uns ins Ferienhaus.

Einst marschierten die Jubler in der DDR auf – heute scheint es wieder soweit!

Und nun – Jahrzehnte später – sind wir offenbar wieder soweit, dass wir Leute „da oben“ haben, die sich ihre Jubler an Ort und Stelle bestellen, um so dem Rest des Volkes eine Beliebtheit vorzugaukeln, die es so gar nicht gibt.

Das jedenfalls geht aus einem aktuellen Artikel des Internet-Portals Tichys Einblick hervor.

Unter der Überschrift:

„Liefert UFA auf Bestellung Meinungen für Bundeszentrale und Stiftung?“

folgt ein Artikel von Alexander Wallasch, der an Brisanz nicht zu übertreffen ist und einmal mehr den Zustand unseres Landes abbildet.

Die UFA als Lieferant für eifrige Jubler?

Im Artikel heißt es:

„Die Bundesregierung lässt die Korken knallen: 70. Geburtstag des Grundgesetzes. Damit sichergestellt ist, dass auch genügend Feierwillige kommen, wird das Filmunternehmen UFA beauftragt. Der Cicero forderte zuerst eine Riesenparty, am liebsten so wie in den Sommertagen der Fußballweltmeisterschaft von 2006.(…) Aber was, wenn keiner zur großen Grundgesetzparty kommen mag, wenn die Plätze und Hallen leer bleiben, weil die Kapelle mit dem Beat von 1949 niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt? (…)Was für eine Blamage wäre das, so kurz vor der EU-Wahl, wenn die Bundesregierung zur Grundgesetz-Party lädt und keiner kommt. Denn wer 2019 den siebzigsten Geburtstag des Grundgesetzes feiern will, der darf mit einer regen Debatte rechnen. Aber eine Jubelparty? Sicherheitshalber doch ein paar Jubelperser einladen?

Gedacht, getan, beauftragt: Die Bundeszentrale für politische Bildung und die Robert Bosch Stiftung werden zu den Zeremonienmeistern des runden Geburtstages. Hoch soll es leben, hoch soll es leben, dass gute deutsche Grundgesetz.

Nun sind Zentrale und Stiftung nicht unbedingt als Stimmungskanonen bekannt. Emotionalität zu erzeugen, die dabei helfen könnte, das Grundgesetz am Jubeltag ein paar Stunden zu „fühlen“, braucht echte Emotionsfachleute.

Am liebsten Hollywood!, mag man gedacht haben und dann kam man auf Babelsberg und landete beim UFA-Geschäftsführer Nico Hoffmann. (…) Aber das Allerbeste: diese Leute vom Film verfügen über eine Datenbank ihnen wohl gesonnener „Talents“, die alles dafür tun würden, einmal über die Party-Leinwand zu huschen. UFA-Talentbase schreibt:

»Unter “Talents” befindet sich die mittlerweile über 95.000 User umfassende Datenbank (…). Talente aus allen Bereichen treffen hier aufeinander und präsentieren sich und ihre Fähigkeiten. Professionelle Schauspieler reihen sich an Komparsen, Models, Musiker, Moderatoren, Sportler und zahlreiche weitere Talente wie Zauberer, Akrobaten oder Comedians. Besonders beliebt bei den Usern sind Castings für Komparsen und Kleindarsteller.«

Und zack, schon ist die UFA beauftragt: Bundeszentrale und Stiftung gehen auf Nummer Sicher. Für die Bundesregierung? Aber geht das wirklich, die Wähler von morgen casten? Doch, doch, die Regierung bestellt sich ihre Jubler. Fast so, als wäre das Grundgesetz ein Produkt der GroKo und die Tinte auf dem Pergament noch gar nicht trocken. Die UFA schickt also ihre Castinganfragen zur filmreif inszenierten Grundgesetzparty raus. Und weil es die Firma schon so lange gibt, muss man das jetzt fragen: War Honeckers Partymeile zum 40. Jahrestag der DDR auch schon von der UFA gecastet? Gibt es bald wieder solche akkurat-fröhlichen Aufmärsche der Willigen?

Die Filmschaffenden öffnen ihre Adresskartei und bitten ihre Statisten am Sonntag den 14.04.2019 zwischen 11 und 17 Uhr in die Artistenhalle auf dem Holzmarktgelände in Berlin zu kommen um dort zunächst als Gäste an einer Lichtinstallation anlässlich des Jubeltages „Grundgesetz“ teil zu nehmen.

Aber so beeindruckend so ein Lichtdom auch sein mag, um Party, Licht und ein Gläschen Prosecco auf Kosten des Hauses geht es hier nicht.

„Danach kannst Du ein kurzes Statement vor der Kamera abgeben.“, so die ungezwungen daherkommende Aufforderung im Castingpapier. „Wir würden uns freuen, wenn Du Dich in diesem wichtigen Thema einbringst und Deine Meinung sagst.“

Eine Entlohnung wird zwar nicht explizit erwähnt, aber im selben Schreiben werden gleich noch ein paar weitere Jobs mehr mit abgefragt, wenn beispielsweise von „Erfolgsproduzent Peter Hoffmann (Lina, Tokio Hotel u.v.m.) Rapper, Gesangstalente & Co.“ gesucht werden oder wenn Hobbybäcker oder Zwillinge für weitere Filmprojekte gecastet werden und für eine Primetime Dokumentation Berliner gesucht werden, die am 9. November Geburtstag haben.


Hier der Originaltext der Aufforderung:

Lieber XXXXXX,

hast Du am kommenden Sonntag schon etwas vor? Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert Bosch Stiftung startet das UFA X eine Initiative zum Thema „70 Jahre Grundgesetz“.

Komm am Sonntag, den 14.04.2019 zwischen 11 und 17 Uhr in die Artistenhalle auf dem Holzmarktgelände in Berlin und nimm an der Lichtinstallation teil. Danach kannst Du ein kurzes Statement vor der Kamera abgeben.

Wir würden uns freuen, wenn Du Dich in diesem wichtigen Thema einbringst und Deine Meinung sagst.

Liebe Grüße

Dein Talentbase-Team“

Nun – wenn das nicht DDR-2.0-Methoden sind, dann weiß ich auch nicht! Und wie sehr sich die Dinge doch gleichen…Unvergessen für mich das letzte Pfingsttreffen der FDJ, im Jahre 1989 in Berlin. Wie für Sauerbier hatte zuvor unser FDJ-Kreisleiter, Herr Schaf (vielleicht schrieb er sich auch Schaaf, das weiß ich nicht mehr), Freikarten für das Pfingsttreffen angeboten und damit gewunken. Der Lockenstrulli, wie wir ihn nannten, hatte sogar ein besonderes „Bonbon“ dabei. Nämlich:

„Ihr müsst och nicht winken. Nur dabei sein“.

Worum immer es denen ging (wahrscheinlich brauchten sie noch Massen von Leuten, die das Fest als gut besucht und nach außen hin superpositiv wirken ließen), uns war es letztlich egal. Und da der Kreisleiter uns ein pralles Partywochenende in Berlin versprach, ohne, dass wir an der Bühne mit den Greisen vorbeidefilieren müssen, nahmen wir die Karten, die kostenlos feilgeboten wurden, natürlich an.

Pfingsttreffen in Berlin 1989: Jubler und Feierwütige strömten herbei

Und es wurde Wort gehalten. Das Wochenende in Berlin damals war gigantisch! Herrliches Wetter, junge Leute von überall her und Party, Party, Party. Ich erinnere mich, dass wir in einer Schule, die zu einer Unterkunft umgestaltet wurde, übernachteten. Tagsüber ließen wir uns auf dem Festgelände (quasi ganz Berlin-Mitte) treiben oder saßen in der Sonne und die Nächte machten wir zum Tag. So tanzten wir ganz in der Nähe zum Springer-Hochhaus in einer Disco nahe der Mauer. Zu allen Locations gelangten wir zu Fuß, ohne von düsteren Gestalten behelligt zu werden.

Erstens gab es die damals in Berlin nicht und zweitens hatte man an dem berühmten Pfingstwochenende alle paar Meter zwei Polizisten postiert. Wären denen irgendwelche Messermänner oder Kopftreter untergekommen, wie sie sich heute am Alexanderplatz herumtreiben…denen hätten drakonische Strafen gedroht. Zu Recht natürlich! Das aber nur nebenbei.

Fakt ist, dass wir eine Menge Spaß hatten und nicht in der trögen Menge, die Honecker und Konsorten zujubelte, mitmarschieren mussten.

Jubler waren ausgesucht

Die Jubler freilich, die waren vorher ausgesucht. Zum Winken, Fahnen schwenken und eben – jubeln. Dass man uns, die wir ein politkritisches Elternhaus hatten, noch ein Paar Restkarten an den Hals warf, war wahrscheinlich Zufall. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich seinerzeit froh war, im Gras und unter der herrlich scheinenden Sonne sitzen zu können, während die Masse der Jubler am Staatsoberhaupt vorbeizog. Als wenige Monate später die Mauer fiel, hätte ich mir freilich im Leben nicht vorstellen können, dass je wieder eine Zeit eintritt, in der man sich seine Klatscher bestellte.

Aber ich stelle fest: diese Zeit ist wieder eingetreten. Jetzt und hier – in unserem wiedervereinigten Deutschland. Wenn ich einen Zeitpunkt angeben müsste (mein gefühlter), wann die Klatscher und Jubler, die falsch und gestellt wirken, auf den Plan getreten sind, so ist es das Jahr 2015. Ab diesem Zeitraum fielen mir vor allem in den Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender Leute auf, die zu Aussagen klatschten, die der Großteil der Bürger so nun mal gar nicht unterschreiben konnte. Wer hier zunächst an einen Zufall glaubte, der sah sich schnell auf dem Holzweg. Denn bis heute klatschen TV-Gäste bei irrigen und realitätsfremden Aussagen wie die Wilden drauf los. Vorzugsweise bei Will, Plasberg, Maischberger, Lanz & Co.

Jubler frei Haus, die das Grundgesetz beklatschen?

Da verwundert es tatsächlich nicht, dass man sich jetzt für eine groß inszenierte Grundgesetz-Feier offenbar Jubler „frei Haus“ bestellt.

Wenn eine Regierung an einem solchen Punkt ist, dann ist alles zu spät. Dann ist es Zeit, abzudanken.

Das Problem bei den Politikern ist oft nur: sie selbst merken es nicht. Wahrscheinlich haben auch Honecker und seine Getreuen bis zuletzt geglaubt, das Volk besteht zum Großteil aus Leuten, für die deren Politik das Nonplusultra ist.

Und einmal mehr kann ich nur enden mit: Armes Deutschland!

Zu dem Original-Artikel auf Tichys Einblick geht es hier entlang.

Bildnachweis: (c) dpa

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Menschenrechtler

    19. April 2019 at 13:12

    Grundrechte werden in Lobreden gepriesen, aber sie verkommen- https://www.youtube.com/watch?v=dgsNB8JKDd8. Ähnliches unter https://www.gruene-bundestag.de/parlament/bundestagsreden/2009/juli/jerzy-montag-achtung-der-grundrechte.html.
    Lobbyisten haben das Sagen, auch beim Bundestag- https://www.youtube.com/watch?v=y5FiOrJClts. Gut ist nicht, dass Profit- und Machtinteressen im Vordergrund stehen.
    Das Zulassungssystem wird von der Industrie manipuliert, deren Hauptsorge nicht die Gesundheit der Verbraucher, sondern die Gewinnmaximierung ist. Das äußert sinngemäß die Journalistin Marie-Monique Robin nach etwa 1 Stunde und 12 Minuten im arte-Video https://www.youtube.com/watch?v=qnwi4_fXS5Q. Aus Profitgründen dürfen Menschen auch mit Medizinprodukten getötet werden, z.B. mit Implantaten- http://news.doccheck.com/de/228007/implantate-immer-mehr-todesfaelle/. Vertuscht wird, dass Schwermetalle zu Autommunkrankheiten führen (vgl. http://toxcenter.org/artikel/Autoimmunfax.php. Eine Computertomografie entspricht der 100- bis 1000-fachen Strahlendosis des konventionellen Röntgens- http://www.pm.ruhr-uni-bochum.de/pm2007/msg00110.htm oder der Strahlung der Atombombe von 1945. Eine Ct des Kopfes erzeugt z.B. ein rund 144 % höheres Hirntumorrisiko- http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Krebs_nach_niedrigen_Strahlendosen.pdf. Bestrahlungen führen auch zu Schlaganfällen- https://www.springermedizin.de/zerebrale-ischaemie-nach-bestrahlungen-im-kopf-halsbereich/8669436 und Alzheimer Demenz. Wissenschaftliche Ergebnisse werden zurückgehalten, wenn sie nicht gefallen, etc. pp.. Das sieht man GERADE im Medizin/Pharma Bereich… (vgl. https://www.studis-online.de/Fragen-Brett/read.php?99,340522,page=2). Die Rechtspflege hilft nicht. Das „Kastendenken“ der (Voll-)Juristen ist durchaus sehr ausgeprägt- https://www.lto.de/recht/kanzleien-unternehmen/k/assistent-sekretaer-mann-grosskanzlei/. Nach einer „Rechtstatsachenforschung“ des Bundesministeriums der Justiz herrscht ein ausgeprägtes „Kastendenken“ bei allen Beteiligten, vgl. http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/12/013/1201338.pdf. Dementsprechend sind Rechtsbrüche und Rechtsbeugungen systemkonform, vgl. z.B. http://www.kriminelle-justiz.de/html/infos_anderer.html. Die Überwachung nimmt zu. Kritiker werden bekämpft und in Foren gesperrt. Gerichtlichen und behördlichen Entscheidungen fehlt zumeist eine plausible Begründung, oft sogar die Sachbezogenheit- https://unschuldige.homepage.t-online.de/. Die Psychiatrie macht beim Machtmissbrauch mit, vgl. http://www.psychiatrieopfer.de/seiten/Buch.html und Mollath. Untergebenen kostet das Zeit, Geld, ggf. Freiheit oder das Leben. Die Menschheit schafft sich damit ab. Das Verhalten Herrschender sollte nicht an die herkömmliche Sippen- bzw. Kastendenkweise, sondern entsprechend Art. 20 Abs. 3 GG an Recht und Gesetz gebunden werden, z.B. mit Bürgergerichten- https://www.change.org/p/strafbarkeit-von-rechtsbeugung-wiederherstellen-b%C3%BCrgergerichte-einf%C3%BChren.

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