Ehrt! die Männer der stoischen Philosophie – Eine Antwort


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Ein Gastartikel von Mina.

Ich las also einen englischen Artikel von einer Bloggerin, welche Männer in Frage stellt, die sich der stoischen Philosophie widmen.

Ich komme nicht umhin zu sagen, wie unwohl ich mich bezüglich dieses Artikels fühle (obschon es natürlich meiner eigenen Macht obliegt, wie ich mich fühle) aber es endete dann damit, dass ich diesen Artikel schreibe, um einige Dinge klarzustellen.

Es ist nicht gerade schwer, in ihrem Artikel einige moderne Desillusionen des Dritte-WelleFeminismus zu finden aber im Endeffekt regt es zum Denken an: Ist es wirklich so schwer für uns Frauen die Wertvorstellungen von ehrbaren Männern zu verstehen? Scheinbar. Denn die Männer, die nach höheren Zielen streben, wandeln in ihrer Existenz zumeist allein. Ohne Frauen an deren Seite, die den Drang haben, diesen Weg mit ihnen zu beschreiten.

Sie beginnt mit der Erfahrung, die sie mit einer männlichen Bekanntschaft machte, der, so schreibt sie es zumindest, die Philosophie der Stoa zu seinen „Beschäftigungen“ zählte. Später zitiert sie einen von ihm zitierten Abschnitt von Epiktet, jedoch startet sie mit einer poetisch anmutenden Stellungnahme:

„For within Stoic writings — thickly layered, and thinly veiled — are the deep and quiet roots of hating women and of the reasoning that encourages men to relinquish personal responsibility for one’s actions.“

(Zu Deutsch: „So sind die stoischen Worte – dick aufgetragen und kaum verhüllt – die tief verankerten Wurzeln des Frauenhasses und ein Grund dafür, dass Männer ihre Eigenverantwortlichkeit in Frage stellen.“)

Ich könnte nicht mehr widersprechen und der Stoizismus könnte nicht weniger (absichtlich?) missverstanden werden. Die Tatsache, dass dieser Artikel unter den Top 5 der Artikel über Frauen und Stoizismus zu finden ist, ist ebenso schockierend wie unüberraschend. Ich habe viel (natürlich noch nicht genug) über den Stoizismus, Stoiker und die Philosophie selbst gelesen und bekam nie einen Hauch des Gefühls über Hass gegen Frauen oder gegen jemanden beziehungsweise etwas. Der Stoizismus predigt keinen Hass, er predigt auch nicht über Gut und Böse, er predigt nicht einmal. Er lehrt. Aber er lehrt Selbstdisziplin, Selbstkritik und vor allem tugendhafte Werte und Gedanken; Gegebenheiten, die in unserer heutigen Gesellschaft nur noch selten Willkommen sind.

Nach dieser Einführung beginnt sie mit dem Zitat von Epictetus.

„But tell me this: did you never love any person, a young girl, or slave, or free? What then is this with respect to being a slave or free? Were you never commanded by the person beloved to do something which you did not wish to do? Have you never flattered your little slave? Have you never kissed her feet? And yet if any man compelled you to kiss Caesar’s feet, you would think it an insult and excessive tyranny. What else, then, is slavery? Did you never go out by night to some place whither you did not wish to go, did you not expend what you did not wish to expend, did you not utter words with sighs and
groans, did you not submit to abuse and to be excluded?“

(Zu deutsch:“Doch sage mir: hast du nie einen Menschen geliebt, ein junges Mädchen, ob Sklave oder frei? Was dann sei Respekt, ein Sklave oder frei zu sein? Wurdest du niemals von einem geliebten Menschen aufgetragen etwas zu tun, was du nicht zu tun gedachtest? Hast du niemals deinen kleinen Sklaven umschwärmt? Niemals ihre Füße geküsst? Und doch, wenn ein Mann dich dazu beauftragen würde Caesars Füße zu küssen, wärest du beleidigt und würdest an eine tyrannische Herrschaft denken. Was anderes ist es dann, als Sklaverei? Gingest du nie nachts an einen seltsamen Ort, an den du nicht gehen wolltest, betriebest du nie für etwas Aufwand, für das du keinen betreiben wolltest? Äußertest du dich nie durch Seufzer getränkte Worte, hast du dich nie den Schmähungen unterworfen, wurdest du nie ausgeschlossen?“)

Wenn man so ihre Worte nach diesem Textauszug vernimmt, könnte man meinen, sie hätte nur den ersten Teil dieses gelesen und zwar im Bezug auf das „junge Mädchen“, denn später, so schreibt sie, läuft es ihr (aufgrund dieses Posts) „kalt den Rücken herunter“.
 Doch warum?

Die Bedeutung von Epictetus Worten haben nichts mit einer Schuldfrage gemein oder gar mit der „Schuld des Mädchens“, wie die Bloggerin (scheinbar absichtlich) falsch interpretiert. Der Auszug beschreibt die Gedankenkunst, sich von unglücklichen Gedanken, ungesunden Beziehungen und negativen Emotionen zu lösen. Die erste „Regel“ des Stoizismus ist, dass der Schlüssel zum Glück nur in einem selbst liegt und in niemand anderem. Gedanken, Emotionen, Handlungen liegen stets in der eigenen Macht und obliegen der eigenen Kontrolle. Doch Stoizismus geht weit darüber hinaus. Es geht um selbstreflektiertes Denken und Handeln, eine tugendhafte Lebensweise, Treue gegenüber den eigenen Prinzipien und dazu im Stande zu sein, biologische und soziale Umstände zu übermannen, da nur wir selbst die Macht über unsere Gedanken besitzen. Und dieser Akt der kontinuierlichen Selbstlehre endet erst in dem Moment, in dem das eigene Leben endet.

Weiter führt die Bloggerin aus, dass diese antike Philosophie einen „giftigen“ Einfluss auf den Geist eines Mannes hat und basierend auf der modernen Denkweise der meisten Frauen, überrascht mich dieser Eindruck nicht. Ist es doch die antike Philosophie die einen Großteil der großen Denker unserer (fast) vergangenen Kultur ausmachte und sind diese doch eher „traditionelle“ Lebensweisen mit maskulineren Vorbildern. Ein gesunder Geisteszustand, in das toxische Feminität nur schwer durchzudringen vermag. 
 Nur eine vertrauenswürdige, selbstreflektierte und loyale Frau kann einem stoischen Mann zulänglich sein. Um so eine Frau zu werden, hat sie durch viele Stadien des Lesens, Denkens, (Selbst-)Reflektierens und der (Selbst-)Kritik zu durchlaufen. Verhaltensweisen, zu der viele westliche Frauen nicht mehr bereit sind, da es unangenehm ist und verunsichert.

Sie beginnt sogar damit, selbstreflektierendes Verhalten gänzlich in Frage zu stellen: 
 „„It is the same underlying philosophy that leads people to ask, “But what was she wearing?” when a woman has been sexually harassed or assaulted.

It is also the justification and reasoning of men who murder or commit other acts of violence against women. She made me do this, she had it coming, she left me, she rejected me, she made me feel this. It is also the subtle undercurrent when men say She friend-zoned me. All of these things that she did to him — beginning with enslavement. Because of some feels that he had for her.“

(Zu deutsch: Es ist die gleiche Philosophie, die Menschen dazu verleitet zu fragen:“Was hat die Frau angehabt?“, wenn eine Frau sexuell belästigt wurde.
)

Es ist ebenso eine Rechtfertigung für Männer, die morden oder andere Gewaltakte gegen Frauen verüben. „Sie hat mich dazu verleitet, sie hat mich verlassen, sie hat mich abgewiesen, sie hat mich so fühlen lassen.“ Es ist ebenso eine subtile Unterdrückung wenn Männer sagen „Sie hat mich gefriendzoned.“ All diese Dinge, die sie mit ihm gemacht hat – angefangen mit Versklavung. Einfach, weil er ein paar Gefühle für sie hatte.“

Natürlich hat eine Frau ihr eigenes Handeln in Frage zu stellen. Genau wie es ein Mann zu tun hat. Die Bloggerin ignoriert (mit Absicht?) die Grundlagen des Stoizismus um Frauen in eine Opferrolle zu positionieren und Männer zu beschuldigen. Es ist nur ein erneuter Versuch, weibliches Verhalten jeglicher Art auf Basis der Unterdrückung zu entschuldigen. Dies ist jedoch nicht wahr. Da wir Frauen darauf bestehen, ein selbstdenkendes freies Individuum zu sein, müssen wir auch Verantwortung für unser Handeln übernehmen. In dem Moment, in dem also eine Frau weiß, dass es gefährlich ist, eine große Menge an Alkohol zu konsumieren, dabei einen Minirock zu tragen und ungeachtet der Folgen die gänzliche Kontrolle zu verlieren, sie es dennoch tut, ist sie für ihr Handeln verantwortlich. Und niemand anderes.

Stoizismus behandelt nicht die perfekte Entschuldigung für den eigenen Kontrollverlust, sondern er lehrt die Kontrolle über das eigene Denken und Handeln.

So ist ein Mann, der den Stoizismus tugendhaft praktiziert, das beste was einer liebenden Frau passieren kann. Er wird gutmütig und realistisch sein. Er wird einer Frau in den wichtigen Momenten ihres Lebens helfen, wenn sie ihn darum bittet. Einige seiner Werte werden zu ihren, ohne dass er sie dazu drängt; es wird sie zu einem besseren Menschen machen. Seine höheren Ziele sind es, als Mensch zu wirken und er wird sie lieben, wenn sie ihn versteht. Es wird keinen Grund dazu geben irrational zu handeln. Es wird nicht nötig sein Angst zu haben oder dramatisch zu werden. Wenn die Frau einen Mann frei denken lässt, wird er sie freiwillig lieben.

Denn Stoizismus ist kein Gift für uns Frauen, es ist eine Bereicherung.

Hier finden Sie Minas ursprünglichen Artikel 


Und hier der Link zu ihrem ursprünglichen englischen Artikel

Bildnachweis: pexels.com

 

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