Gastbeitrag zu Wuhan: „Als hätte mein Gehirn Sodbrennen“

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Frau

Der Ausbruch des Coronavirus beschäftigt viele Menschen weltweit.

Gastbeitrag von Susanne. Eigentlich wollte ich was Witziges schreiben.

Allerdings gärt und brodelt etwas seit Tagen in mir, das sich seinen Weg nach draußen sucht, als hätte mein Gehirn Sodbrennen, also habe ich meinen Plan geändert.

Spätestens seit dem 23. Januar 2020, als in China die Stadt Wuhan mit 11 Millionen Einwohnern unter einen sogenannten „Lockdown“, also verschärfte Quarantäne, gestellt wurde, geht das Wort „Corona-Virus“ um die Welt, um das etliche Gerüchte kursieren.

Von der aus einem Hochsicherheitslabor der Stufe 4 entfleuchten Biowaffe bis zur Entstehung des Virus durch den Verzehr von gebackenen Fledermäusen in Kraftbrühe ist für jeden was dabei. Krude Verschwörungstheorien verbreiten sich immer mit beängstigender Geschwindigkeit.

Panikmache in Sachen Wuhan?!

Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor Panikmache, sämtliche großen Zeitungen überschlagen sich mit regelmäßig aktualisierten Meldungen.

Wie viele Menschen hierzulande seit dem Ausbruch der Krankheit Toilettenpapier und Ravioli bunkern, weiß ich nicht, würde mich aber nie über Vorsorgemaßnahmen anderer lustig machen. Ich lebe hier auf dem Lande nämlich recht abgelegen, und wir alle betreiben moderate Vorratshaltung.
Zwar beschwor unser Gesundheitsminister die Bürger: „Don’t panic“, aber das scheinen sich nicht alle zu Herzen zu nehmen.

Am Samstag vor einer Woche wollte ich Handdesinfektionsmittel nachkaufen, das ich seit über 10 Jahren benutze. Ich trage immer eines bei mir und reinige meine Hände damit nach dem Anfassen der Griffe von Einkaufswägen, dem Besuch öffentlicher Toiletten, dem Abheben von Bargeld, oder nachdem ich mit einem Kunststoff-Griffel beim Paketboten den Erhalt der Ware bestätigt habe.

Das tue ich nicht aufgrund einer Bakterien-Phobie, sondern weil es mich graust. Wer weiß, wie viele Menschen beispielsweise diesen Plastik-Griffel schon vor mir in der Hand hielten?

Ein Bakteriologe schickte vor Jahren eine Frau testhalber zum Einkaufen in eine deutschen Großstadt, nachdem er sie vorher gründlich gescannt hatte. Sie besuchte Boutiquen, nahm beim Discounter Wechselgeld entgegen, benutzte einige Rolltreppen und erledigte ihre Besorgungen. Beim Zurückkommen wurde sie abermals untersucht, und es fanden sich fremde Koli-Bakterien sogar auf ihren Augenwimpern. Dann doch lieber die kleinen Fläschchen.

Handdesinfektion ist ausverkauft

Da stand ich also suchend vor dem leeren Regal, das am Samstag zuvor auch schon leer gewesen war. „Ist gerade heiß begehrt und ausverkauft“, beantwortete die Mitarbeiterin lächelnd meine Frage, wann es wieder erhältlich sei. „Aber wir haben schon nachbestellt.“
Tja, so ganz scheinen die Aufrufe, nicht in Panik auszubrechen, nicht gewirkt zu haben.

Aber nicht nur Mittel zur Hände-Desinfektion erleben seit dem Ausbruch des Corona-Virus rasante Umsatzsteigerungen. Auch Atemschutzmasken werden inzwischen zu horrenden Preisen gehandelt. Ich habe nachgesehen. Einer verkauft 10 Stück für sagenhafte 72 €. Desinfektionsmittel für Flächen, das auch gegen Viren wirkt, ist aufgrund signifikant gestiegener Nachfrage erst wieder im März lieferbar.

Sie sehen: Von jedem Elend auf der Welt profitiert irgendjemand. Das sage ich völlig wertfrei und denke mir nur meinen Teil.

Zurück zu dieser neuen Krankheit, die mittlerweile höhere Todesraten zu verzeichnen hat als der SARS-Ausbruch 2002 und 2003. Seit einiger Zeit recherchiere ich, und zwar gründlich. Alles, was einen unseriösen Eindruck machte, mit reißerischen Untertiteln versehen oder mit Musik unterlegt war, ließ ich links liegen. Für Likes tun manche Menschen nämlich leider alles.

Zu viele Informationen, zu wenig Schlaf

Akribisch bemühte ich mich, die Spreu vom Weizen zu trennen und geriet immer tiefer in einen gefährlichen Sumpf aus zu viel Information und zu wenig Schlaf. Irgendwann sah ich aus wie der Statist in einem Zombiefilm.

Nächtelang wühlte ich mich mit brennenden Augen durch dunkle, digitale Labyrinthe wie ein nervöses Trüffelschwein, und sammelte Infos auf englischen, amerikanischen, pakistanischen, spanischen, italienischen oder französischen Seiten, nur bei Sanskrit musste ich passen.

Diese Suche hatte aber auch ihre Vorteile: Mein Englisch ist wieder auf dem neuesten Stand.

Und ich habe geweint. Ziemlich viel sogar für meine Verhältnisse, denn ich heule normalerweise äußerst selten.

Bei jeder schlimmen Sache, die auf dieser Welt geschieht, kann man sich auf ein paar Dinge verlassen.

1. Irgendjemand reißt garantiert geschmacklose Witze.
2. Irgendjemand verdient obszön viel Geld daran.
3. Irgendjemand sieht endlich seine Stunde gekommen und verbreitet seine ureigenen „Wahrheiten“.

Wie erwartet stieß ich auf infantile Scherze, Fotos von einem mexikanischen Bier, etliche „Das Ende ist nahe“-Memes, bedrohlich klingende Auszüge aus der Offenbarung, Inserate für Vollschutzanzüge und Masken… und diese verdammten Videoclips, die ich hätte nie ansehen sollen. Hinterher ist man immer gescheiter.

Normalerweise bin ich der Typ, der beim Gucken von DVDs an „schlimmen“ Stellen vorspult oder beim Streamen mit Freunden das Zimmer verlässt, wenn einer der Hauptdarsteller verprügelt, geköpft oder gefoltert wird. Ich nenne das „mentale Hygiene“.

Hunderte Filme kursieren im Web

Aber dieses Mal zwang ich mich, hunderte von  Filmen anzusehen, die in sozialen Netzwerken kursieren und heimlich von Menschen aus China hochgeladen worden waren. Sogar eine große deutsche Onlinezeitung brachte eines dieser Videos. Ein junger Student hatte es ins Netz gestellt. Er ist mittlerweile angeblich „verschwunden“. Ich hoffe für ihn das Beste.

Nicht aus morbider Neugierde schaute ich die Clips an sondern weil ich die Wahrheit wissen will. Man kommt nur so verdammt schwer an sie heran heutzutage.

Die Echtheit oder Aktualität der Filme kann ich nicht garantieren, aber sie wirken authentisch.  Vielleicht bin ich auf Fälschungen reingefallen, vielleicht habe ich mich ja getäuscht.

Sie haben keine Ahnung, wie sehr ich mir das wünsche. Die Szenen, die ich gesehen habe, sind allesamt mehr als verstörend, und ich erspare Ihnen deshalb eine Schilderung. Nachfolgend nur eine Beschreibung der „harmlosen“ Clips. Alles andere behalte ich für mich und hoffe, es irgendwann vergessen zu dürfen:

Video
Am geöffneten Fenster eines Hochhauses sieht man Männerhände und einen großen Stapel Geldscheine. Die Hände falten eine Banknote nach der anderen und werfen sie dann nach unten. Es sind verdammt viele Scheine, die von weit oben auf einen verlassenen Parkplatz trudeln. Kein Laut ist zu hören.

Video
Ein Mann in Winterkleidung lehnt an einem Geländer , als wäre ihm schwindelig. Urplötzlich fällt er nach vorn auf sein Gesicht und rührt sich nicht mehr. Drei Personen mit Gesichts-Masken stürzen aus einem Gebäude und stehen dann ratlos um ihn herum.

Video
Ein ungefähr 80 Jahre altes Ehepaar liegt in zwei nebeneinander stehenden Betten. Beide tragen Sauerstoffmasken und sollen nun getrennt voneinander in eine Isolierstation gebracht werden. Der Mann fasst seine Frau zärtlich an und streichelt ein letztes Mal nach einem langen gemeinsamen Leben ihr Gesicht.
Ich weine. Wieder einmal.

Reportage
Da ist das Foto eines kleinen, aufgrund von Sauerstoffmangel bei seiner Geburt schwerbehinderten, Jungen, dessen Vater wegen einer Infektion mit dem Coronavirus in Quarantäne gesteckt wurde. Der Kleine ist allein zuhause und sich selbst überlassen. Aufgrund seiner Behinderung ist er nicht fähig, selbständig zu essen, zu trinken oder zu laufen und deshalb hilflos. Verzweifelt fleht der Vater über das chinesische social network „Weibo“ andere an, seinem Sohn zu helfen, aber insgesamt wird der Kleine nur zweimal mit Lebensmitteln versorgt. Der Junge stirbt.

Video
Ein völlig überarbeiteter Arzt bricht, zuerst im Lift, und dann auf dem Parkplatz nochmals, vor Erschöpfung zusammen, wobei er sich fünf Zähne ausschlägt. Am selben Tag noch lacht er zahnlos mit verbundenem Kopf in die Kamera und studiert Krankenberichte für seine nächste Schicht.

Video
Aufnahme einer Überwachungskamera. Ein Mann betritt einen Lift. Er befeuchtet seine Finger mit Spucke und bestreicht damit jeden einzelnen Knopf in der Kabine. Auf einer zweiten Videoaufnahme, aufgenommen von einem Fenster, praktiziert eine Frau an Türgriffen geparkter Autos dasselbe wie der Mann vorhin im Lift mit den Knöpfen: Sie kontaminiert mindestens 20 Stück.
Mich schaudert.

„Das ist ganz einfach Karma. Die haben sich das selbst zuzuschreiben.“
(Facebook)

„Pah, das ist nur Geldmacherei. Bald taucht ein neuer Impfstoff auf, und die Pharmakonzerne verdienen ein Schweinegeld, alles dumme Panikmache.“ (Facebook)

„Krank? Mit denen habe ich Null Mitleid. Die haben das verdient, so wie sie alle Tiere behandeln. Geschieht denen recht.“
(Facebook)

„Das ist mir egal, es betrifft ja nur ältere Menschen mit geschwächtem Immunsystem, da brauche ich keine Angst zu haben.“
(Kommentarbereich einer großen Onlinezeitung bei Facebook)

„Coronavirus wird zu erheblichem Abwärtsrisiko für die Weltwirtschaft“
(Schlagzeile in einem Online-Magazin) Mich friert, denn ich denke an die Geldscheine, wie sie aus dem Fenster flattern.

„Total übertrieben. Hört endlich auf mit dieser reißerischen Berichterstattung!“  (Facebook)

„Vielleicht überdenken die jetzt endlich mal ihre Essgewohnheiten.“
(Kommentarbereich einer großen Onlinezeitung)

„Das interessiert mich einen Dreck. Von mir aus können die alle draufgehen.“
(Facebook) Ich antworte: „Du solltest dich schämen“,  dafür bekomme ich mehrere lachende Emojis. Und weine wieder. Weil mich friert.

„Ich finde, die sind selber schuld. Hunde, Katzen, Fledermäuse, sind nicht zum Essen. Vielleicht soll es ja so sein.“
(Facebook)

„Ganz ehrlich? Das ist die schönste Seite am Virus, endlich werden weniger Ressourcen verschwendet und weniger Müll produziert. Das kann gerne erst mal so bleiben. Ich brauche nicht jeden Monat neuen China-Schrott.“
(Facebook)

Alle Kommentare habe ich feinsäuberlich abgetippt, nicht erfunden. Und bis auf einen einzigen, auf den ich antwortete, habe ich sie nicht gewertet. Das Leben wird das tun.

Herzzereißende Videos

Als ich heulend diese herzzerreißenden Videos ansah, waren mit einem Schlag Leid und Elend nicht mehr namenlos – die Dokumentationen hatten ihnen ein Gesicht verliehen. Es waren nicht mehr anonyme Asiaten, sondern Mütter, Väter, Großeltern. Ganz normale Leute. So wie ich. Oder Sie. Und sie mahnten mich an das stille Grauen, das uns allen ab dem Tag, an dem uns unsere eigene Sterblichkeit bewusst wird, gelegentlich  mit kalten Fingern den Nacken krault. Zerbrechlich sind wir. So furchtbar zerbrechlich. Und könnten so stark sein, würden wir zusammenhalten.

Es war keine „Krankheit“, die ich in unzähligen Filmen sah, sondern Wut, Angst, Trauer, Ergebenheit in das Schicksal, Liebe, Hoffnung, Schmerz und Mut.

Manchmal braucht man eben ein Gesicht, um zu verstehen: Das einer Mutter, die weint, weil sie ihr Kind nicht berühren darf. Das eines Arztes, der sich verstohlen mit dem Ellbogen die Tränen aus dem Gesicht wischt, weil ihn ein vielleicht infizierter Säugling hinter der Glasscheibe anlächelt und die winzigen Händchen nach ihm ausstreckt.

Schauen Sie es nicht an. Sie schlafen nicht mehr.

Sollten Sie sich nicht gerade an Bord des Raumschiffs „Enterprise“ auf dem Weg in unendliche Weiten fernen befinden, dann leben Sie, wie ich und 8 Milliarden andere, auf einer großen blauen Kugel, die mit einer Geschwindigkeit von ca. 30 Kilometern pro Sekunde, also 108.000 Kilometern/Stunde durch das Weltall rast.

Der Umfang unserer Erde beträgt 40.070 Kilometer. Ein rühriger Außendienstmitarbeiter schafft diese Strecke pro Jahr locker zweimal. Nach China sind es übrigens 7219 Kilometer.

Klischees und Vorurteile dominieren

Dazwischen liegen mit Klischees und Vorurteilen gefüllte Ozeane, wie ich  feststellen musste.

Nun aber wieder zu unserem hübschen Planeten. Etwa zwei Drittel davon sind mit Wasser bedeckt, hauptsächlich mit Salzwasser. Lediglich 29,3 % der gesamten Erdoberfläche besteht aus Landmasse. Diese nicht von Wasser bedeckten Flächen teilen wir uns mit 8 Milliarden anderer Menschen. Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass auch  kein weiteres Bauland mehr ausgewiesen wird. 29,3 %. Das muss genügen. Für uns alle.

Jetzt aber zu uns, die wir so emsig auf diesen 29,3 % herumwuseln und uns fleißig vermehren. Wussten Sie, dass jeder einzelne von uns aus gerade mal 5 gasförmigen und 8 festen Grundstoffen besteht? Hierbei handelt es sich um Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Chlor, Fluor, Kohle, Calcium, Phosphor, Schwefel, Kalium, Natrium, Magnesium und Eisen. Den Hauptbestandteil des Körpers bildet übrigens der äußerst verdichtete Sauerstoff.

Zwar existieren von uns verschiedene „Modelltypen“, aber unsere „Zubehörteile“ sind identisch. Das einzige, das uns tatsächlich voneinander unterscheidet, ist das Füllmaterial in unseren Köpfen.

„Wir sind nur ein biologischer Setzkasten“

Wir sind nur ein biologischer Setzkasten, aus beeindruckend wenig Komponenten zusammengefügt. Ob eine Gottheit oder die Evolution, darf jeder selbst entscheiden. Suchen Sie sich was aus. Wir sind nicht „die Amerikaner“, „die Chinesen“, „die Russen“ oder die … (bitte passenden Begriff einsetzen). Auf Kohlenstoff basierende Lebensformen sind wir, die sich auf einer mit irrwitziger Geschwindigkeit durchs Weltall rasenden Kugel bekämpfen und gegenseitig kategorisieren, als hätten wir noch einen zweiten Planeten auf Vorrat und jede Menge Sonderleben übrig.

Der Mensch als solches ist ein störanfälliger Metabolismus mit mehr oder weniger ausgeprägtem Bewusstsein, nur durch eine 8 – 18 Kilometer dicke Atmosphärenschicht vor dem eisigen Vakuum des Weltalls geschützt  – einer quasi hauchdünnen Hülle aus gasförmigen Molekülen.

Etwas ungeschickt ausgedrückt: Jeder von uns ist nur ein einzelner Baum in einem schrecklich großen Wald, der sich im Wind der Alltäglichkeiten wiegt. Manche Bäume überragen andere und recken gierig die Äste  ins Licht, andere kümmern in Bodennähe vor sich hin und gehen jämmerlich ein, weil sie nie die Sonne sehen dürfen. Und irgendwann kommt die große Kettensäge.

Wir vergessen das nur täglich wieder. Das Video mit den aus dem Fenster flatternden Geldscheinen zeigt, wie schnell sich Prioritäten ändern.

Unheil ist allgegenwärtig

„Mir passiert so etwas nicht. Es betrifft immer die anderen.“ Echt jetzt? Unheil und Schmerz sind  nicht abstrakt, sondern allgegenwärtig. Sie sitzen in der Wohnung nebenan, wo jemand einsam vor sich hin weint, laufen an einem vorbei auf dem Rückweg vom Internisten mit einer beschissenen Diagnose in der Tasche oder veröffentlichen einen Abschiedsbrief bei Facebook, den kein Schwein liest, weil manche Menschen tatsächlich absolut allein und wir eine Gesellschaft von soziophoben Hedonisten geworden sind. Zumindest ein Großteil von uns.

Auf die eine oder andere  Art und Weise gehören wir aber irgendwie alle zusammen, ob uns das gefällt oder nicht, können einander nicht auf die Dauer ausweichen. Nicht heutzutage. Nicht auf diesen läppischen 29,3 % Landmasse.

Wir alle lieben, sind traurig, glücklich oder ängstlich. Wir alle wünschen uns ein Leben, sei es auch nur ein kleines. Die wenigsten von uns möchten berühmt werden oder stinkreich. Nur dasein möchten wir. Genug zu essen wollen wir, warm und trocken wäre schön. Verdammt viele haben nicht mal das. Leben wollen wir. Einfach nur leben. So frei, gesund und sorglos wie möglich, wenn’s geht, natürlich.

All diese Toten in China – sie waren Menschen wie wir. Auch sie hatten ein Leben. Vielleicht war es klein und bestand hauptsächlich aus Arbeiten, Einkaufen und Fernsehen. Vielleicht hatten sie Haustiere oder Kinder,  eventuell schon einen Urlaub für den Herbst gebucht, für den sie lange gespart hatten, Pläne geschmiedet, gerade jemandem im Internet kennengelernt oder sich verliebt?

Das Sterben bekam ein Gesicht

Wie müssen sie sich gefühlt haben in ihren letzten Minuten? Wie einsam und verzweifelt müssen sie gestorben sein? Wird jemand an sie denken?

Wir wissen es nicht. Nichts bleibt außer Staub und der Hoffnung, dass jemand sich an sie erinnert. Da draußen in der Welt geht es schlimm zu.
Ich hätte nicht gedacht, wie es einen mitnehmen kann, wenn das Sterben ein Gesicht bekommt.

Unser aller Geschichten ähneln sich mehr, als wir zuzugeben bereit sind, nur weil wir als durch Sozialisierung und Konditionierung geprägte Lebewesen in dieser amorphen wimmelnden Masse auf einer überbevölkerten Welt immer weniger dazu imstande sind, andere als Individuen zu akzeptieren. Solange wir nicht begreifen, dass wir uns  diesen Planeten, versehen mit einer äußerst knapp befristeten „Aufenthaltserlaubnis“, mit Milliarden anderer teilen, dass uns mehr verbindet als trennt, solange wird sich nichts, aber auch gar nichts, zum Besseren wenden.

Auf welchem Weg befinden wir uns? Wo wird er hinführen? Wollen wir ihn wirklich weiter beschreiten?

Wir sind zerbrechliche Existenzen, die am seidenen Faden hängen und alles tun, um diese Tatsache zu verdrängen, indem wir die schwarzen Löcher in unseren Herzen mit Konsumgütern füllen, als wären sie Schutz-Amulette gegen unsere Sterblichkeit. Ich persönlich habe aber noch keinen Sarg mit Anhängerkupplung gesehen.

Zusammenhalten!

Lassen Sie uns zusammenhalten, auch wenn es schwierig wird und Ihr Nachbar ein Idiot ist. Lassen Sie uns begreifen, dass niemand, kein Land, kein Volk, lediglich  aus einer gesichtslosen Masse an fremden Gesichtern besteht, sondern aus Millionen von Hoffnungen, Wünschen und Erfahrungen.

Lassen Sie uns endlich realisieren, dass es keine Chance für eine friedliche, allen zuträgliche Koexistenz geben wird, wenn wir nicht endlich aufeinander zugehen und uns die Hand reichen. Lassen Sie uns das Individuum sehen, nicht das Ganze.

Das wünsche ich mir mehr als alles andere, auch wenn es ein langer, steiniger Weg sein wird. Und: Lassen Sie uns bitte Mensch sein. Wir haben nämlich nur uns.

Bildnachweis (Symbolbild): stock.adobe.com / leszekglasner

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