Handelsblatt – angekommen im „Ga-Ga“-Journalismus“?

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Frau mit Banane

Die Wirtschafts- und Finanzzeitung bespricht ein Buch für „Frauen, die sich mit 40 plus noch nicht erschießen wollen“

Mit dem „Handelsblatt“ hatte ich bisher nicht so viel am Hut, eigentlich gar nichts.

Natürlich kennt FRAU es, aber im Gegensatz zur „Süddeutschen“ oder „Welt“, die ich gern mal am Sonntag lese, habe ich das „Handelsblatt“ bisher nur mit Tabellen und Aktienkursen aus dem Bereich Wirtschaft assoziiert. Weit gefehlt!

Heute bin ich doch glatt auf eine Buchrezension aufmerksam geworden – in genau DIESEM besagten Blatt. Streng genommen natürlich nicht „Blatt“, denn ich habe den Artikel online auf handelsblatt.com gelesen. Bei dem Artikel handelte es sich um eine Buchrezension.

Handelsblatt rezensiert „Goldschnitte“

Aber es ging nicht etwa um ein Buch aus dem Thema „Wirtschaft“ oder „Aktien“ – nein – das „Handelsblatt“ rezensierte – man höre und staune – ein Buch namens „Goldschnitte“.

Ein Ratgeber für Frauen, die sich, so der Originaltitel, „mit 40 plus noch nicht erschießen wollen“.

Die Autorin heißt Sabina Wachtel und wie sie darauf kommt, dass Frauen ab 40 aufwärts sich erschießen wollen, bleibt ihr Geheimnis. Ebenso, wo sie solchen Frauen begegnet. Sie nennt diese Ladies, so ist es der Rezension zu entnehmen, „Goldschnitten“.

Klingt eher wie eine Bezeichnung für eine – etwas unterbelichtete – Darstellerin in „Manta, Manta“? Stimmt!

Und so werden denn auch Tipps gegeben á la „ab 40 braucht Frau ´ne teure, klobige Männeruhr am Handgelenk“. Hm. Was für Frauen kennt die Autorin nur? Zudem: wer möchte als weibliche Zeitgenossin schon eine „Goldschnitte“ sein? Und mit Männeruhren am Handgelenk durchs schon erfahrene Leben gehen? Fragen über Fragen.

Golden Girl?

Die zu beantworten aber wahrscheinlich nur wenige Damen zu dem Buch greifen lassen dürften. Denn schon die Auszüge aus der Rezension im „Handelsblatt“ (!) muten an wie Ratschläge für ein weibliches Publikum, das gern in Shows von Florian Silbereisen sitzt. Wobei wahrscheinlich diesbezüglich der Begriff „Goldschnitte“ eher passen dürfte (vor meinem geistigen Auge taucht – ob ich möchte oder nicht – bei dem Begriff „Goldschnitte“ eine ältere Dame, vom Typ „Golden-Girl“, auf)

Auch kommt das Buch offenbar nicht ohne den unsäglichen (leider sehr in Mode gekommenen) „pseudo-kumpelhaften“ „Wir“-Tenor aus, der bei den allermeisten Damen ab 40 aufwärts so gar nicht angesagt ist. Kostprobe gefällig? 

„Ein Sweatshirt sieht an uns jetzt ziemlich lässig aus, und mit rotem Lippenstift, einer Lederjacke, einer Jeans und einem Männerhemd sind wir sowieso erste Liga! Wir müssen nicht permanent kaschieren, nicht nötig. Wir kultivieren lieber.“ – Quelle: Handelsblatt.com

Aha. Ein Sweatshirt sieht nun bei den „Ü-Vierzigern“ lässig aus… Hm. Sweatshirts sind doch eigentlich von jeher dem Lässig-Look zuzuordnen, oder etwa nicht?! Klingt alles irgendwie „an den Haaren herbeigezogen“. Ich war und bin irritiert über diese Rezension…!

Einmal auf Handelsblatt.com unterwegs, schaute ich auch auf deren Facebook-Seite vorbei. Und erschrak!

Denn das eine oder andere dortige Posting hatte ich bereits auf verschiedenen Seiten diverser Medien gesehen, Boulevardmedien allerdings. „Wo die meisten Schwarzfahrer leben“, „Benimmregeln für das Smartphone“ und auch die Story dieses Jungen, der auf einem Wal turnte und sich von Haien umzingelt sah, präsentierte mir die Facebook-Seite des Handelsblattes. Alles Geschichtchen, die dem geneigten Internet-Surfer eher von den seichteren Medien präsentiert werden.

Ich bin doch arg irritiert, dass nun selbst offenbar ein Medium wie das Handelsblatt im „Ga-Ga“-Journalismus mit zu schwimmen scheint oder gar angekommen ist. Fehlen nur noch die – gefühlt stündlich – veröffentlichten und unsäglichen Listen („Listicles“ wie es so schön heißt, auch so ein „Ga-ga-Ausdruck“!) á la „10 Dinge, die sie tun müssen, bevor…“

Nun ja – ein Buch namens „Goldschnitte“ lesen, stünde bei MIR zumindest nicht auf der Liste….!

Facebook-Kommentare sind eindeutig!

NACHTRAG : Und so fallen denn auch die ersten Reaktionen in meinem Facebook-Kreis auf diesen „Ratgeber“, den wohl keine Frau braucht, aus – neben dem Statement, dass eine Dame meinte, wer ihr solche „Tipps“ geben wollte, bekomme ihre Handtasche zu spüren…- : 

„LOL, mit 40- 50 sollte jede Frau den Revolver nochmal gut nachladen, ein paar Magazine bitte, dann durchladen, dann bereit halten….lach.“

„Da gehts erst richtig los **gg**“

„….es muss sich um einen fatalen Vertipper handeln. Nicht sich erschießen Frauen ab 40 …sondern solche Redakteure….“

„Das Magazin einer Männer dominierten Welt mit dazu passenden Regeln gibt Frauen Tipps? Ahaaaaa!!!!!“

Na – dem ist doch nichts mehr hinzuzufügen!

Bildnachweis: Fotolia, http://de.fotolia.com/id/59784228 – #59784228 – © Fisher Photostudio

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