Psychiater: „Armut macht dumm“ – Kinder aus finanziell schwachen Familien betroffen

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Was manche Forscher, Nervenheilkundler, Psychiater und Ärzte lange schon ahnten, scheint nun bestätigt: Armut macht dumm.

Das formuliert so drastisch der Psychiater Manfred Spitzer aus Ulm gegenüber dem Nachrichtenmagazin SPIEGEL.

Das Medium brachte dieser Tage eine große Reportage über den Zusammenhang von Stress in der Schwangerschaft und Intelligenz der Kinder, die aus Schwangerschaften, die belastend waren, entbunden worden.

Die Ergebnisse sind äußerst bestürzend. Fest steht, dass sich eine stressige Schwangerschaft sehr negativ auf die weitere Entwicklung des Kindes – ist es erstmal auf der Welt – auswirken kann.

Dazu schreibt der SPIEGEL:

„Im Dunkel des Mutterleibs, haben Forscher herausgefunden, durchläuft jeder Mensch eine folgenreiche Geburtsvorbereitung. Aus den biochemischen Informationen, die ihn über Plazenta, Nabelschnur und die heranreifenden Sinnesorgane erreichen, macht er sich ein Bild von der Umwelt, die ihn erwartet. Herrscht da draußen Überfluss, oder muss er ums Überleben kämpfen? Wird seine Welt voll Liebe sein oder bestimmt von Streit, Lärm und Gewalt?“

Diese sogenannte „pränatale Prägung“ wird – laut SPIEGEL – von immer mehr Neurowissenschaftlern und Psychologen als Forschungsgebiet entdeckt. Dabei sind es vor allem Hirnforscher, die umfangreich erforschen, was für Einflüsse es sind, die auf ein Kind schon im Bauch der Mutter wirken?

Natürlich dürfte es den meisten Schwangeren bekannt sein, dass eine relaxte Schwangerschaft das Beste ist, was Mutter und Kind passieren kann. Viele Frauen, die ein Kind erwarten, richten sich danach und sind Stammgäste in Entspannungs- und Yoga-Kursen in diesen aufregenden neun Monaten.

Alltagssorgen können sehr belasten

Natürlich kann nicht jede Schwangere ihr Leben vor der Geburt extrem entspannend einrichten, aber sofern die jeweilige Frau nicht durch irgendwelche Sorgen (Finanzen, Partnerschaft, Trennung usw.) belastet ist, ist alles gut, weil man dann zumindest kein seelisches Ungleichgewicht in sich trägt, das sich unter Umständen schlecht auf das zu erwartende Kind auswirkt.

Und dass alltägliche Sorgen – vor allem die, die zu Gast sind, wenn man arm ist – einen beträchtlichen Anteil an der Entwicklung des Babys haben, das legen nun neueste Erkenntnisse von Neurowissenschaftlern nahe.

Diese Erkenntnisse lassen zudem die stetig vorgelegten Studien zur deutschen Kinderarmut in einem anderen Licht erscheinen, denn: dass diese Kinder arm sind, hat sich womöglich schon vor ihrer Geburt – im Bauch der Mama – entschieden. So schreibt es der SPIEGEL in dem besagten Artikel.

Und verweist auf die Entdeckungen der Psychologin Sonja Entringer vom Klinikum Charité in Berlin. Die hat nämlich junge Erwachsene, deren Mütter in der Schwangerschaft mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert waren, mit anderen jungen Leuten, deren Mütter diese Erlebnisse nicht hatten, verglichen.

Heraus kam, dass es tatsächlich so ist, dass Babys, die schon im Mutterlieb mitgestresst sind, auch in ihrem späteren Leben mit Auswirkungen davon konfrontiert sind – so spielen Übergewicht eine Rolle und auch eine geringere Funktion des Arbeitsgedächtnis nach Stressbelastung.

Krankheitsrisiko von Kindern gestresster Schwangerer ist höher

Auch wenn Mütter während der Schwangerschaft beispielsweise beruflichen Stress hatten, neigten deren Kinder eher zu Erkrankungen der Atemwege sowie zu Krankheiten in Verbindung mit der Haut und den Verdauungsorganen. Dies hat laut SPIEGEL Guenther Meinlschmidt von der Universtität Basel herausgefunden.

Warum mütterlicher Stress so immense Auswirkungen auf den Nachwuchs hat, ist noch nicht ganz klar, aber derzeit sind diverse Forscher, Ärzte und Psychologen damit beschäftigt, das herauszufinden.

Allerdings sind solche Studien zeitaufwändig, bislang wird niemand voraussagen können, ab wann es hierzu gesicherte Erkenntnisse gibt.

Allerdings stehen zum jetzigen Zeitpunkt bereits einige Fakten fest.

Der SPIEGEL schreibt dazu:

„Fest steht aber schon  jetzt, dass Stresshormone wie Kortisol, die im Körper der Schwangeren ausgeschüttet werden, über die Plazenta zum Ungeborenen gelangen können. Auch der kindliche Organismus reagiert wohl mit Hormonausschüttung auf Stress: Meinlschmidt und seine Kollegen fanden in den Fingernägeln von Säuglingen, deren Mütter stark gestresst waren, ehöhte Konzentrationen eines Hormons aus dem Stresssystem“

Laut dem Nachrichtenmagazin hat die Neurowissenschaftlerin Claudia Buß von der Berlinder Charité sogar herausgefunden, dass Stress in der Schwangerschaft die Anatomie des kindlichen Gehirns verändern kann.

Die Forscherin geht deshalb davon aus, dass Kinder von Müttern, die in der Schwangerschaft gestresst waren ihr genetisches Potenzial nicht voll ausschöpfen können.

Allerdings ist – laut der Wissenschaftlerin – das Gehirn recht lange formbar. Als einziges Organ unseres menschlichen Körpers!

Man darf davon ausgehen, dass mütterliche Liebe und Wärme nach der Geburt vieles kompensieren kann, aber was, wenn einem Säugling auch nach der Geburt nur eine stressgeplagte Umgebung  geboten werden kann?

Auswirkungen von Stress in der Schwangerschaft werden erforscht

Hier kommt wieder die Armut ins Spiel. Der SPIEGEL berichtet von einem eigenen Forschungsgebiet, dem man sich in den USA widmet.

Zitat:

„Die Rede ist von der „Neurowissenschaft der Armut“. Vorreiter sind Forscherinnen wie Joan Luby von der Washington University School of Medicine in St. Louis. Durch Messungen hat sie nachgewiesen, dass der Hippocampus von Kindern aus armen Familien kleiner ist als der ihrer Altersgenossen aus einkommensstarken Familien. Die seepferdchenförmige Struktur spielt eine große Rolle bei Lernprozessen. Armut, argumentieren Luby und ihre Mitstreiter, bedeute ständige Sorgen ums Geld, ungünstige Wohnbedingungen, Lärm und Enge, schlechtere Ernährung und unzureichende medizinische Versorgung; nicht selten gehe sie einher mit häuslicher Gewalt und Suchtkrankheiten. Armut, so die Schlussfolgerung, versetze Familien in Dauerstress“

Die Forscherin Luby sagt denn auch: „Es gibt vielleicht keine wichtigere Aufgabe für eine Gesellschaft, als die Hirnentwicklung unserer Kinder zu fördern und zu schützen“.

Das Statement des Ulmer Psychaters Manfred Spitzer klingt drastischer, er sagt im SPIEGEL: „Armut macht dumm“.

Verwiesen wird in dem Magazin auch auf eine Studie von Kimberly Noble, eine Kinderärztin aus den USA. Diese untersuchte mithilfe von Magnetresonanztomografen die Gehirne von mehreren tausend jungen Leuten.

Das Ergebnis erschreckt, Zitat SPIEGEL:

„In den Denkorganen der ärmeren Kinder fand sich eine bis zu sechs Prozent kleinere Großhirnrindenoberfläche als bei den wohhabenden. Besonders auffällig waren die Unterschiede in Großhirnrinde und Hippocampus. Die größten Hirne fand Noble bei Kindern aus Haushalten mit rund 150 000 Dollar Jahreseinkommen – die kleinsten bei denen mit etwa 25 000 Dollar“

Der SPIEGEL mutmaßt, dass es solche ähnlichen Befunden wohl auch in Deutschland geben dürfte und verweist darauf, dass bei uns Kinder von Alleinerziehenden und Kinder mit zwei oder mehr Geschwistern sowie Kinder in großen Städten ein hohes Armutsrisiko haben.

Zusammenhang zwischen Stress in Schwangerschaft und Kinderarmut

Viele Schwangere hierzulande dürften also während der aufregenden neun Monate ziemlich viel Stress haben – sei es, weil man nicht weiß, wovon man die Stromnachzahlung berappen soll oder weil schon ab Mitte des Monats das Haushaltsbudget fast aufgebraucht ist. Stress pur – logisch!

Und genauso logisch ist es auch, dass Kinder von Müttern, die solchem Stress ausgesetzt sind, auch wenn sie auf der Welt sind, eine gestresste Mama haben. Die Lebensumstände, die in der Schwangerschaft gegeben waren, hören ja mit der Entbindung nicht auf.

Im SPIEGEL werden deshalb Initiativen und Maßnahmen beleuchtet, die (werdenden) Müttern hierzulande zur Verfügung stehen.

Porträtiert wurde beispielsweise eine Frau, die Leistungen vom Jobcenter bezog und nach der Geburt ihres Kindes ein Jahr lang von einer Familienhelferin betreut wurde. Zudem kamen in dem Artikel Verantwortliche von „Babylotsen“-Projekten und Kinder- und Familienzentren zu Wort.

Der Tenor: Frauen, die vor, während oder nach der Schwangerschaft Hilfe benötigen, sollten sich nicht scheuen, diese auch wahrzunehmen – sei es in finanzieller oder emotionaler Angelegenheit.

Hilfsangebote für (werdende) Mütter vielfältig

Der Hilfsangebote und Initiativen gibt es viele, oft aber finden die, die Hilfe benötigen und die, die sie geben, nicht so ohne weiteres zusammen. Googlen, sich durchfragen und etwas recherchieren sollte aber Abhilfe schaffen. Und: niemand muss sich scheuen oder gar dafür schämen, wenn er solche Hilfen annimmt. Dazu sind sie ja da.

Wir haben übrigens vor einiger Zeit einen Artikel über die Initiative 1000plus gemacht – auch hier wird Schwangeren, die sich in einer nicht so guten Situation befinden, geholfen, mehr dazu hier:  https://frauenpanorama.de/willkommenskultur-fuer-schwangere-erwuenscht/

Und mal ehrlich: alles ist doch besser, als dem (ungeborenen) Kind schon so zeitig Stress angedeihen zu lassen!

Bildnachweis: pexels.com

 

 

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