Vom Spielplatz in die Notaufnahme – ein Erfahrungsbericht

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Mother And Daughter With Medical Staff In Hospital Room

Ein Gastartikel von Yvonne. So schnell kann es gehen – und ich wünsche es keinem. Da will man die ersten Sonnenstrahlen nutzen und landet mit dem Kind in der Notaufnahme. Aber von vorn: Es war ein herrlicher Vorfrühlingstag, als ich im letzten März mit meiner Tochter, damals 3 ½ Jahre alt, zu einem Spielplatz aufbrach. Es ist ein ganz besonderer Spielplatz, schön gelegen, an einem See, mit tollen Spielgeräten aus Holz und auch einem langen, betonierten Weg, wo man schön Fahrrad fahren kann.

Meine Tochter war zu dieser Zeit total in das Fahrradfahren vernarrt (und ist es inzwischen auch wieder), sie hatte damals noch Stützräder an ihrem Fahrrad. Fast in jeder freien Minute fuhr sie damit und super gern an diesem besagten Spielplatz, den wir stets mit dem Auto ansteuern mussten, weil er nicht direkt in unserem Ort liegt.

Keiner konnte ahnen, dass Tag in Notaufnahme endet

An jenem Tag, schwang sie sich also auf ihr Rad, kaum dass ich es ihr – am Spielplatz angekommen – herausgeholt und ihr den Fahrradhelm aufgesetzt habe.

Ich lief neben ihr und ihrem Gefährt her.

Und dann – auf einmal, trotz dem der Boden eben, die Straße gerade und glatt und kein Mensch oder gar andere Fahrzeuge in der Nähe waren: meine Tochter stürzte. Auch ich konnte sie nicht mehr abfangen, binnen Millisekunden geschah das Ganze.

Das wäre vielleicht alles halb so wild gewesen, wenn sie nicht so gestürzt wäre, dass sie mit der Stirn direkt auf einem Stein am Wegesrand landete. Sie blutete wie verrückt, mein Herz raste – als Mutter fährt einem in so einer Situation der Schreck in alle Glieder! Trotzdem funktionierte ich irgendwie und presste ein frisches Tempo-Taschentuch, aus einer Packung in meiner Jackentasche, auf ihre Stirn. Meine Kleine schrie wie am Spieß, ich nahm sie und hastete mit ihr zurück zum Auto. Das Blut lief nur so an ihr herunter, dass es ein Grauen war. Am Auto angekommen, riss ich die Tür auf und setzte sie auf ihren Kindersitz, während ich immer neuer Taschentücher hervorkramte, um die Blutung in Schach zu halten.

Inzwischen gelang es mir dann auch, Mineralwasser, aus einer Flasche, die ich immer mit mir führe, auf ein Taschentuch zu geben und die Wunde notdürftig zu versorgen. Meine Tochter weinte noch immer sehr stark, ich tröstete sie und versorgte die Blutung, so gut ich eben konnte.

Blitzschnell eine Entscheidung getroffen

Währenddessen überlegte ich fieberhaft, wie ich weiter verfahre. „Rufe ich einen Notarzt oder steuere ich das nächstgelegene Krankenhaus an?“.

Ich war unsicher, wollte nicht riskieren, dass man das Geschehen womöglich als Bagatelle einstuft und dieses vielleicht gar keinen Notarzt-Einsatz erfordert – im Gegensatz zu Menschen, die an der Schwelle zu Leben und Tod stehen. Jetzt im Nachgang weiß ich: ich hätte durchaus den Notarzt rufen können!

Während die Blutung etwas nachließ und auch das Weinen meiner Tochter, entschloss ich mich, in das nächste Krankenhaus zu fahren, in die Notaufnahme. Inzwischen wurde meine Kleine etwas ruhiger, allerdings machte sie mir arg den Eindruck, dass sie etwas „taumelig“, vielleicht auch einige Sekunden „neben sich“ war. Bloß gut, dass wir kürzlich erst einen neuen Kindersitz für mein Kind gekauft hatten! Tagelang hatte ich mich auf einem speziellen Portal schlau gemacht und am Ende dann den Kindersitz Britax Römer gekauft. Das 5-Punkt-Gurt-System und die verstellbare Rückenlehne erwiesen sich jetzt als absolut top, da ich meine Tochter in ihrer misslichen Lage gut platziert wusste!

Ich klemmte mich danach – auch selbst noch mit klopfendem Herzen! – hinter das Steuer und fuhr los. Zwischendurch bemerkte ich, dass ich das Fahrrad ja noch am Spielplatz liegen gelassen habe. Ich rief Freunde an (mein Mann befand sich zu dieser Zeit auf einer Dienstreise) und bat sie, nachdem ich kurz berichtet habe, was passiert ist, es von dort abzuholen.

Inzwischen war ich schon fast am Krankenhaus angelangt und ich konnte wieder etwas ruhiger denken. Meine Tochter weinte nur noch leise, es tat mir natürlich in der Seele weh, aber Rettung nahte ja nun.

Kurze Zeit später saßen wir schon in der Notaufnahme, glücklicherweise war niemand vor uns, so dass wir sofort dran kamen. Ich schilderte, was vorgefallen war, man sah sich die Wunde an und mir fiel ein Stein vom Herzen, als es hieß, dass man diese nicht klammern, sondern nur mit einem entsprechenden Pflaster fixieren würde.

Als Mama im Krankenhaus einchecken

Allerdings hatte man die Befürchtung, dass meine Tochter eine Gehirnerschütterung gehabt haben könnte, wenn auch nur eine leichte. „Über`s Wochenende müssten wir sie schon hier auf Station behalten“ hieß es. „Kann ich denn mit einchecken?“ fragte ich sofort – wie aus der Pistole geschossen. Das konnte ich. Puh – diese Info hatte mich ziemlich erleichtert, denn ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, mein kleines Mäuschen ein ganzes Wochenende lang allein in einem Krankenhaus zu lassen.

Sicher – „früher“ hat es das vielleicht nicht gegeben, aber heutzutage ist das möglich – es wird wohl kaum Mamas oder Papas geben, die das nicht nutzen würden. Dachte ich zumindest. Hier sollte ich allerdings noch eines Besseren belehrt werden!

Zunächst zeigte man uns die Station und meine Tochter und ich bekamen ein leeres 3-Bett-Zimmer zugewiesen. Mittlerweile waren wir beide ruhiger geworden – sowohl meine Tochter als auch ich. Ich überlegte, was als nächstes zu tun sei, denn wir brauchten ja für diesen unverhofften Krankenhaus-Aufenthalt Klamotten.

Da mein Mann – wie erwähnt – auf Dienstreise war und ich auch nicht unbedingt erst Freunde anleiten wollte, wo was liegt, beschloss ich, mich gleich auf den Weg zu machen, um für meine Kleine und mich ein paar Wechselsachen von daheim zu holen.

Ich verständigte mich mit einer Krankenschwester der Station, sie ließ mich wissen, dass man sich um meine Tochter kümmern würde, erklärte der Kleinen die Situation mit den Worten, dass ich gleich wieder da bin, verabschiedete mich und brach in unser – ca. 15 km entferntes – Zuhause auf. Dort angekommen raffte ich von der Wechselwäsche über ein wenig Spielzeug bis zur Waschtasche alles schnell zusammen, denn mir war durchaus bewusst, dass der fremde Ort und die ungewohnte Situation – alles ohne Mama – meine Tochter ganz bestimmt stressen würden. Rückzu hielt ich noch an einem Supermarkt, kaufte mir ein paar Zeitungen und eine Kinderzeitung für den „kranken Star“, wie man so sagt. Ich beeilte mich bei all dem, aber im Endeffekt war ich fast 1 /12 Stunde unterwegs, nicht zuletzt weil ja bekanntlich an Samstagen – es war ein Samstag – Massen von Leuten sämtliche Supermärkte bevölkerten.

Personal hatte zum Kümmern keine Zeit

Wieder am Krankenhaus und auf der Station angekommen, kam mir meine Kleine – herzzerreißend weinend – entgegen, vom Stationspersonal war nur von weitem jemand zu sehen und ich realisierte: „gekümmert hat sich hier niemand großartig um sie“.

Ich gab meiner Tochter rasch das mitgebrachte Kinderheft und sie beruhigte sich wieder. Ich selbst holte mir erst mal einen Kaffee aus dem Automaten im Gang und versuchte durchzuatmen. Es hieß nun, das Beste aus der Situation zu machen. Wir saßen zwar nun das ganze Wochenende fest, aber es nützte ja nichts. Das Zimmer war okay, die Wunde versorgt – wir hatten zu lesen und zu spielen. Nun ja.

Meiner Kleinen ging es zunehmend besser – durch die mitgebrachten Spielsachen war sie abgelenkt und ich war ja auch mit da. Ich telefonierte dann erst mal mit meinem Mann, um ihm mitzuteilen, wohin es uns verschlagen hat. Er erschrak natürlich, aber ich konnte ihm ja glaubhaft versichern, dass es den Umständen entsprechend okay ist. Danach sah ich mich mit meiner Tochter auf der Station um, mir fiel auf, dass sich der Großteil der anderen Kinder (alle so im Alter von 2 ½ bis ca. 5 Jahre alt), die auch auf Station waren, nicht in Begleitung eines Elternteils befand.

Einige wenige Kinder hatten – auch das fiel mir auf – eher etwas abgetragene, eigentlich schon fast schäbige, Kleidung an. Lediglich im Zimmer neben uns befand sich ein Elternpaar, das – ebenso wie ich – gemeinsam mit seinem Kind eingecheckt hatte.

Viele Eltern begleiten Klinik-Aufenthalt ihres Kindes nicht

Ich kam mit einer Schwester der Station ins Gespräch und diese sagte mir, dass doch sehr viele Eltern NICHT bei ihrem Kind bleiben. Mir tat das total leid und obwohl diese Eltern sicher ihre Gründe dafür haben, war ich doch ein wenig fassungslos. Denn immerhin waren die Kinder dort in einem Alter, in dem sie schon noch beschäftigt und angeleitet werden müssen. Und so ganz allein, ohne eine Mama oder einen Papa, auf einer Krankenstation – nicht schön!

Gerade auch vor dem Hintergrund, dass ich im Laufe des Aufenthalts mitbekam, dass die Krankenschwestern sich den Kindern freizeittechnisch eher nicht widmen konnten.

Was natürlich auch logisch ist, bei dem Pensum, das eine Krankenschwester zu bewältigen hat – ganz klar.

Aber mal ehrlich: könnten nicht hierfür – vielleicht sogar vom Staat – separate Stellen geschaffen werden? Man hat ja sicher Erfahrungswerte, wie viele Kinder im Schnitt den Krankenhausaufenthalt ohne Eltern absolvieren – warum nicht entsprechend Personal vorhalten, dass sich mit den Kindern beschäftigt und ihnen Nähe gibt, in dem für Kinder allgemein so ungewohntem Umfeld eines Krankenhauses? Das wären doch sinnvoll angelegte Gelder! Sinnvoller jedenfalls als Diätenerhöhungen von Politikern oder/und Waffendeals.

Finde ich zumindest.

Clown hellte Kindergesichter auf

Ach ja: am Tag darauf, am Sonntag, wurde etwas zur Belustigung der Kinder getan:

ein Klinik-Clown kam und alberte, bastelte und spielte mit den Kindern – diese waren hellauf begeistert. Und ich auch, fand das eine schöne Idee! Ich hatte bis dato zwar immer mal von so Klinik-Clowns gehört, war aber selbst noch nie mit ihnen in Berührung gekommen.

Der Clown zauberte wirklich das sprichwörtliche Strahlen in die Augen der Kinder und auch meine Tochter war riesig angetan! Ein schönes Erlebnis während eines unfreiwilligen Aufenthalts! Am Tag darauf, Montagmorgen, wurde meine Tochter nach einer Untersuchung dann entlassen, wir durften wieder heimfahren und sind bei diesem Erlebnis noch mal mit dem Schrecken davon gekommen.

Update: mittlerweile hat man für Kinder, deren Eltern sie in der Klinik nicht besuchen kommen können, eine Babykuschlerin engagiert. In Hamburg. Mehr dazu hier.

Bildnachweis: (Symbolbild): Fotolia, https://de.fotolia.com/id/59160641

Datei: #59160641 | Urheber: Monkey Business

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