“Wer das Leben beschreibt, darf kein Wort davon tilgen.”

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David Jonathan, Jahrgang 1965, liebt es mit Wörtern zu spielen und der Austausch ist ihm sehr wichtig. Geboren in Hildesheim und aufgewachsen in Bad Salzdetfurth, Niedersachsen, studierte der Autor Rechtswissenschaften, daneben Philosophie und Physik – vor allem aber das Leben.

Nach seinem Abschluss arbeitete er als Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, und bereiste dabei viele Länder. Für ihn ist Heimat – um Ludwig Wittgenstein zu zitieren: ‚Ich bin meine Welt‘ – dort, wo der David Jonathan zuhause ist. „Es ist kein spezifischer Ort. Insoweit bin ich ein Weltbürger, der neugierig umherstreift, um unersättlich Neues kennenzulernen.“

Nach seiner ganz subjektiven Erinnerung waren seine ersten Worte Impressionismus und Relativitätstheorie. Seine Mutter behauptet allerdings etwas anderes. Die Antipathie einer Grundschullehrerin brachte David statt auf das Gymnasium an die örtliche Realschule.

Es folgten sechs Horrorjahre in einem vollkommen unqualifizierten Bildungssystem. Die drei darauffolgenden Jahre bis zum Abitur waren für ihn das reinste Schulparadies. Es ist ein Sonntagmorgen im Januar. Der Roman, an dem David gerade schreibt, nimmt eine überraschende Wendung. Draußen ist es ruhig. Nichts kann ihn stören. Die Welt um ihn herum scheint still zu stehen und das ist die beste Voraussetzung, sie zu hinterfragen.

BuchCover6Veröffentlicht hat er bisher den Roman „Jahrhunderts Spiel“, die Kurzgeschichten „Grandioses Theater“, „Hyde“, ein mehrteiliger Roman, der im Austausch mit Lesern entstand und wovon bisher zwei Teile veröffentlicht wurden.Seine literarischen Auszeichnungen können sich sehen lassen. Seine Werke wurden ausgezeichnet mit dem „Literatur fördert Preis“ des Landes Niedersachsen und dem „Wiener Werkstattpreis“. Sein Hamburg-Thriller “Jahrhundertspiel” wurde zu einem überraschenden Erfolg und brachte ihm die Bezeichnung “deutschte Evolution von Dan Brown” ein. David Jonathan wohnt in Hamburg und ist verheiratet.

Der neue Roman RADIO BIZARR von David Jonathan ist hinreißend lebendiger Thriller, und eine Liebesgeschichte zugleich, in dem der Autor noch weiter in die Psyche und die inneren Beweggründe seiner Protagonisten vordringt. Entstanden ist ein emotionsgeladenes Großstadtabenteuer, bei dem es um Intrige, Liebe, Verrat und das Spiel zwischen Menschen geht.

David Jonathan

Inhalt: Frederik Cervi hat Anfang des neuen Jahrtausends mit dem Verkauf seiner Internetbude viel Geld gemacht. Jetzt kehrt er von London nach Hamburg zurück, um auf der Reeperbahn ein Webradio aufzubauen. Radio Bizarr hat zwar einen holprigen Start, aber mit der Information über den möglichen Rücktritt des Ersten Bürgermeisters will Cervi Quote machen. Da überredet ihn die Journalistin Carola Bergrün, zunächst zu recherchieren. Dabei kommen sich die beiden nicht nur allmählich näher, sondern decken auch ein Netz an Korruption und Verschwörung auf, das sogar Frederik Cervis erfolgreiche Vergangenheit infrage stellt.

„Radio Bizarr“ ist vor allem gute Unterhaltung, interessierte Leser finden darin aber auch philosophische Ansätze. David Jonathan kratzt in seinem Buch ganz behutsam die Fassade ab, die Menschen alltäglich zur Schau stellen, um sich vor ihrer Umwelt und sich selbst zu schützen. Ganz gleich, ob Internetmillionär, Journalistin, Geschäftsmann oder Praktikantin – alle reagieren auf die Anforderungen, Reize und Versprechungen der Gesellschaft. Sie setzen ihren Verstand und ihren Körper ein, um ihre Seele zu verkaufen. Oft merken sie zu spät, dass sie sich damit nicht wohlfühlen und manchmal gibt es eine Wendung, die alles in ein neues Licht rückt.

Viel Vergnügen mit David Jonathan – ein außergewöhnlicher Author.

AK: Vermitteln Deine Romane Einblick in Deine Arbeit oder sind sie ein Spiel mit der Wirklichkeit?

„Jetzt kann ich philosophisch fragen: Was ist Wirklichkeit? Meine Romane sind ein Spiel mit meiner Gedankenwelt und verraten viel über meine Lebenserfahrung, über Recherchen, Gefühle, Miss- und Unverständnis, der Suche nach einer Gesellschaft und einer Welt, die uns immer wieder entgleiten. Meine Texte sollen unterhalten und zum Denken anregen. Was Leser daraus machen, bleibt aber natürlich vollkommen ihnen selbst überlassen. Ich bin gerne zum Austausch zum Beispiel bei Lesungen oder auf Diskussionsveranstaltungen bereit.“

AK: Was macht Lust auf das große Abenteuer des Lebens?

„Das Leben selbst. Denn was ist Leben überhaupt, wie funktioniert es, was bedeutet Zusammenleben? Das Abenteuer besteht darin, sich selbst zu entdecken und die eigene Welt in Relation zu den unzähligen Welten anderer Menschen zu setzen. Oft geht das leider schief und endet in Missverständnissen und Zurückweisungen. Viele Welten passen einfach nicht zusammen – intellektuell, emotional oder auch von der Lebensweise. Aber es lassen sich immer wieder spannende und schöne Entdeckungen machen. So schreibe ich übrigens auch: Ich entdecke die Geschichten hinter meinen Figuren selbst.“

AK: David, dein neuer Roman ist nicht nur ein Thriller, sondern auch eine Liebesgeschichte. Was hältst du vom Dauerzustand verliebt?

„Da zitiere ich Ingeborg Bachmann, die sagte, Liebe werde immer von außen zerstört. Je verliebter ich bin, desto mehr Neid und Missgunst gibt es um mich herum – vielleicht, weil die wenigsten Menschen tatsächlich Liebe kennen, sondern nur eine Vorstellung von Liebe haben. Verliebtsein kann ein Dauerzustand sein, wenn man ihn zulässt: Dazu gehört die Bereitschaft zur ständigen Veränderung und sich dabei selbst immer wieder in Frage zu stellen. Eine weitere Voraussetzung ist, loslassen zu können, um den Menschen, den man liebt, seinen Weg gehen zu lassen – aber auch, um ihn zu kämpfen, wenn sich der Weg, den er einschlägt, als falsch erweist. Verliebt sein bedeutet, oft gegen Windmühlen anzureiten, sich zu verausgaben bis zur vollkommenen Erschöpfung, aber den anderen Menschen dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Verliebt sein heißt manchmal auch, gegen seine Liebe zu handeln, um etwas für sie zu erreichen. Verliebtsein ist eine Vision, von der niemand weiß, wohin sie führt.“

AK: Das Geheimnis einer langjährigen Ehe?

IMG_06387„Um etwas zu kämpfen, von dem niemand weiß, wie es eigentlich funktioniert. Die Ehe an sich ist doch nur ein formaler Akt, um Steuern zu sparen, das Erbrecht anwenden zu können und ähnliches. Es geht um den Menschen, mit dem ich zusammen bin. Dazu muss ich nicht verheiratet sein. Wie schaffe ich es, zu lieben und verliebt zu sein? Meine Ehefrau ist nicht mein Partner, sondern ein besonderer Mensch, auf den ich besonders reagiere und den ich besonders behandle. Eben ein Mensch, wie es ihn für mich nur einmal auf dieser Welt gibt. Das ist doch tatsächlich etwas Besonderes. Ich denke, wenn die Liebe nicht mehr funktioniert, lassen wir diese Besonderheit außer Acht. Vielleicht hat es sie aber auch nie gegeben und war nur eine Vorstellung oder das Ergebnis einer gewissen Zeit. Das Geheimnis einer langjährigen Ehe ist es vielleicht, aus der Zeit zu kommen und gemeinsam in die Zeit zu gehen. Mit anderen Worten: Sich durch Wind und Wetter des Lebens gemeinsam zu verändern und nicht auseinander zu leben.“

AK: Konntest Du etwas vom Geheimnis der Weiblichkeit lüften können?

„Die Weiblichkeit ist genauso viel oder wenig geheimnisvoll wie die Männlichkeit. Es ist eine spezifische Sichtweise auf die Welt durch körperliche, hormonelle und damit auch geistige Besonderheiten. Laut wissenschaftlichen Studien lernen Mädchen zum Beispiel ab ihrem vierten Lebensjahr, andere Menschen sozial auszugrenzen. Jungen setzen sich dagegen eher körperlich auseinander. Das sind zwei unterschiedliche Ansätze, in dieser Welt zu bestehen. Der eine ist nicht schlechter als der andere. Frauen sind nicht die besseren Menschen – Männer auch nicht. Problematisch wird es nur, wenn beide mit ihren unterschiedlichen Denkstrukturen aufeinanderprallen. Spätestens, wenn meine Frau anfängt, andere Menschen zu rechtfertigen, die sich mir gegenüber eher fragwürdig verhalten, verzweifle ich an der gesamten Menschheit. Außerdem ist es mir ein Rätsel, wie Frauen die Eiszeiten überstehen konnten, wo sie doch selbst bei gemäßigten Temperaturen stets frieren.“

AK: Was ist wirklich wichtig für das eigene Leben?

Interesse, Neugier, ständige Veränderung, die Fähigkeit, Menschen zu sehen und zu lieben, überhaupt Menschlichkeit. Darüber hinaus eine Vision für das eigene Leben und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, das es zulässt, sich selbst sinnvoll in Frage zu stellen.“

AK: Bildung ist gut, Werte sind besser. Wenn Du die Wahl hättest: Lagerfeuergespräch mit Sean Connery oder Bruno Ganz? Warum?

„Ich kenne beide nicht persönlich. Wenn ich mich unbedingt zwischen diesen Männern entscheiden müsste, dann mit Sean Connery, weil ich wahrscheinlich bei einem guten Glas Whiskey mein Englisch um einige interessante Worte ergänzen könnte. Vorziehen würde ich aber Gespräche mit Vincent van Gogh, Marcel Proust, Ingeborg Bachmann, Richard Feynman, um nur einige zu nennen.“

IMG_04741AK: Keine Angst vor großen Tieren?

„Was sind große Tiere? Im Ernst: Für mich gibt es nur Menschen. Wenn irgendjemand aus irgendeiner Funktion irgendeine Größe ableitet, macht er sich damit schon selbst ziemlich klein, weil er eine scheinbare Größe nötig hat. Ich kann es auch anders ausdrücken: Wirklich große Menschen brauchen keine Titel.“

AK: Wirst Du manchmal missverstanden?

„Natürlich, wie jeder Mensch.“

AK: Drei Begriffe, die Dich beschreiben?

„Freigeist, Leidenschaft, Neugier.“

AK: Was sollte auf deinem Grabstein stehen?

„Ich möchte keinen Grabstein.“

AK: Was treibt dich auf die Palme?

„Wenn ich mich nicht verständlich machen kann.“

AK: Wie geht Du mit einer 1*-Sterne-Kritik um?

„Genauso wie mit einer 5*-Sterne-Kritik. Ich frage mich immer, ob hinter einer Kritik eine ernsthafte und sachliche Auseinandersetzung mit meinem Text steht. Wenn ja, komme ich gerne mit dem Rezensenten ins Gespräch, um mehr über die Beweggründe für die Beurteilung zu erfahren. Im offenen Austausch lerne ich meist viel über den Menschen und über mein Schreiben.“

AK: Schon mal selbst eine kleine Sünde begangen? Ich höre?

„Was soll ich denn dazu sagen? Natürlich nicht. Jedenfalls habe ich nichts getan, was ich als Sünde empfunden hätte. Wenn es allerdings um Regelverstöße geht, wüsste ich nicht, wo ich anfangen sollte zu erzählen. Bei Rot über die Ampel gehen oder fahren kommt beinahe täglich vor. Kurz ohne Fahrkarte in die Bahn springen passiert auch. Natürlich gab es auch Intrigen und Affären in meinem Leben. Aber das ist alles nicht so interessant, weil unsere Gesellschaft doch unter anderem auch auf diesen Regelverstößen aufbaut.“

AK: Hast Du Kinder? Wenn ja, Was sagen sie zum Papa als Autor?

„Einen Sohn, der selbst Filme dreht. Insoweit ist das mit dem Schreiben für ihn schon in Ordnung.“

AK: Lesen sie deine Bücher?

„Nein, da gibt es im Moment ganz andere Interessen.“

AK: Warum schreibst Du Thriller/Kriminalromane?

„Mit dieser Textform lassen sich gut die untergründigen Verstrickungen unserer Gesellschaft hinterfragen. Wer betrügt eigentlich wen? Wie viele politische und wirtschaftliche Ebenen gibt es eigentlich, beziehungsweise wer hat wen warum im Griff? Konstruierte Wirklichkeiten haben den Anschein, real zu sein. Werden sie damit nicht tatsächlich Teil unserer Gedankenwelt und irgendwie auch zur gesellschaftlichen Wahrheit?“

AK: Dein Plädoyer für den deutschlandweit längst totgesagten Begriff Multikulti?

„Ehrlich gesagt, halte ich von dem Begriff „Multikulti“ nicht viel. Er suggeriert ein großes Mischmasch, bei dem niemand mehr eine eigene Identität hat. Wir können doch als Menschheit gerade von den Unterschiedlichkeiten verschiedener Ethnien und Denkrichtungen profitieren. Wichtig ist, dass wir jeden Menschen auch wirklich als Menschen sehen, ganz gleich welche Hautfarbe jemand hat, wie er sich kleidet oder spricht. Ich möchte mit einem Afrikaner oder Asiaten in jedem Land der Erde genauso in einer Bar sitzen können wie mit einem Europäer. Wenn ich mit einem Menschen jüdischen Glaubens diskutiere, möchte ich nicht als Antisemit bezeichnet werden, nur weil ich nicht seine Meinung teile. Natürlich möchte ich mich auch nicht von Migranten als Rassist beschimpfen lassen, wenn ich sie nicht auf ein Bier einlade. Wir sollten uns als Menschen respektieren und entsprechend zusammenleben. Das heißt nicht, dass ich jeden gleichermaßen mögen muss. Schließlich mag ich auch nicht alle Deutschen. Ich möchte das Recht auf Sympathie und Antipathie jedem Menschen gegenüber haben. Aber ich werde niemanden wegen seines von mir verschiedenen Aussehens oder anders gearteter Traditionen ablehnen.“

AK: Wird ein Ausländer einen andern Ausländer jemals wirklich verstehen, wenn die Seelen ihrer Kulturen sich gravierend unterscheiden?

„Der menschliche Zusammenhalt basiert auf Symbolen. Die gibt es schon innerhalb von Familien, Orten, Regionen, Ländern, Kontinenten. Wir brauchen gar nicht an Ausländer zu denken, wenn wir über Abgrenzung sprechen. Auch einzelne Familien im selben Land, derselben Kultur grenzen sich gegeneinander ab. Das fällt uns nur nicht so auf, weil es mit diesen Menschen dennoch eine nationale Identität gibt. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass wir auf allen gesellschaftlichen Ebenen von Abgrenzungen betroffen sind. Wie ist es, wenn ich zum Beispiel nicht zu einem Club gehöre? Dann darf ich die Einrichtungen des Clubs nicht benutzen. Auch das ist eine Ausgrenzung – aber eine gesellschaftliche akzeptierte. Um auf die Frage einzugehen: Manchmal verstehen sich schon Nachbarn in einer Kleingartenanlage nicht. Das liegt an unterschiedlichen Symbolen, beziehungsweise ihrer unterschiedlichen Verwendung. Nicht anders, als wenn Menschen verschiedener Kulturen aufeinander treffen. Verständnis basiert auf Verstehen – das heißt: Wenn Menschen aufeinander zugehen, ihre Kulturen erklären, vielleicht ihre Sprachen lernen, die unterschiedlichen Denkweisen analysieren, kann es eine Annäherung geben. Aber genauso wie die wenigsten Menschen eine fremde Sprache irgendwann akzentfrei sprechen, werden sie auch eine andere Kultur nicht vollkommen verstehen. Dazu fehlt die gemeinsame Lebenserfahrung. Das ist in einem Land oft genug schon zwischen den Generationen zu beobachten. Alle zur ungefähr gleichen Zeit aufgewachsenen Menschen verbinden zum Beispiel ähnliche Erinnerungen an Fernsehwerbung, Kleidung, Gewohnheiten, Musik. Oft genügt ein Stichwort und sie erkennen sich als ihresgleichen. Diesen Erfahrungsvorsprung kann niemand aufholen, der von außen hinzukommt. Das gilt zwischen unterschiedlichen Kulturen natürlich umso mehr. Ich denke, wir alle sollten sehr neugierig auf andere Kulturen sein und sie kennenlernen, soweit es uns möglich ist. Eine Annäherung ist schon viel wert. Damit erweitern wir unseren eigenen Horizont und tragen viel zum Gesamtverständnis in dieser Welt bei.“

AK: Für Heraklit ist der „Streit“ der Vater aller Dinge. Konfuzius lehrte Tugenden wie Liebe, Rechtschaffenheit, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit, Gegenseitigkeit und drei soziale Pflichten wie Loyalität, kindliche Pietät, Wahrung von Anstand und Sitte. Was glaubst Du, welche Formen der Orientierung brauchen wir heute?

„Neugier, Interesse, Menschlichkeit. Gesellschaftlich ist uns heute die Freude an Entdeckung und Veränderung verloren gegangen. Wir streben nach immer mehr materiellem Wohlstand, vernachlässigen dabei aber den geistigen und seelischen Wohlstand. Es geht zuviel um Zahlen, viel zu wenig um Ideen und Visionen. Das Ziel heißt für allzu viel Geld – der Weg ist ihnen egal. Das führt zu Beliebigkeit, Ausbeutung, Gleichgültigkeit, Intoleranz, Hass, Unmenschlichkeit. Ich erlebe unsere Gesellschaft derzeit als gelangweilt: Jeder erfüllt seine Aufgaben und erhält dafür seinen Lohn. Doch rechte Freude und Begeisterung kommt nicht auf. Es ist ein selbstverständliches Abarbeiten, bei dem von vornherein die zu erbringende Leistung und die zu erwartende Bezahlung feststehen. Da liegt keine Spannung in der Luft, es gibt keine gesellschaftliche Auseinandersetzung um eine Vision und den besten Weg, sie zu erreichen. Wir leben so vor uns hin und wundern uns kaum, wenn um uns herum etwas passiert. Irgendwer wird es schon richten. Derzeit verkümmert unsere Gesellschaft geistig und emotional. Deshalb sind die oben aufgelisteten Werte augenblicklich am allerwichtigsten.“

AK: Wie schätzt Du die terroristische Gefahr ein, die uns bedroht?

„Als sehr hoch – und zwar nicht, weil irgendwelche Terroristen so stark sind, sondern weil wir uns gehen lassen. Wir leben in einer großen gesellschaftlichen Gleichgültigkeit, weil wir im Moment keine Ideen und Visionen haben. Wir wissen nichts mehr mit uns anzufangen. Im übrigen muss der heutige Terrorismus natürlich historisch betrachtet werden. Was wir aktuell erleben, ist zum großen Teil von der westlichen Welt beispielsweise durch den Kampf um Ressourcen wie Öl verursacht. Andererseits sind viele junge Menschen auf der Suche nach Werten, die unsere Gesellschaft ihnen derzeit nicht bietet. Insoweit ist der Terrorismus auch eine direkte Folge unserer Selbstgefälligkeit.“

AK: Welche Illusion lässt Du Dir nicht nehmen?

„Dass Schokolade eigentlich gar nicht dick macht.“

AK: Definition von Leidenschaft?

Die emotionale Fähigkeit, Himmel und Hölle für das komplizierte Leben zu ertragen, das aus Liebe entsteht.“

AK: Schurke oder Edelmann?

„Natürlich beides, weil es auf dieser Welt keinen einzigen Menschen geben kann, der nur gut ist.“

AK: Ist Dein Leben eher ein Roman- oder ein Sachbuch?

„Entweder ein spannender und interessanter Roman oder ein ziemlich chaotisches Sachbuch.“

AK: Wie dürfen wir uns Deinen Schreibtisch vorstellen?

„Wie die Büchse der Pandora – also erst gar nicht anschauen, wenn Ihr nicht augenblicklich zu Stein erstarren wollt.“

AK: Wo auf Deinem Schreibtisch liegen die Büroklammern?

„Nirgends, denn das würde ja Ordnung bedeuten.“

AK: Beste Schreibzeit: Highnoon oder Mitternacht?

„Immer dann, wenn Gedanken fließen. Aber bevorzugt schreibe ich tatsächlich nachts, weil die Welt dann zur Ruhe kommt und nichts mehr stört.“

AK: Dein Mittel gegen die berühmte 17-Uhr-Müdigkeit?

„Nicht auf die Uhr schauen, denn dann hat dieses Phänomen keinen Namen mehr und ich darf müde werden, wann immer ich eben müde werde.“

David Jonathan Foto Lesung3AK: Entwickelt sich das Autorendasein zum Showgeschäft oder war das schon immer so? Wie geht man damit um?

„Das ist schon seit Goethes Zeiten so. Die Menschen suchen nach sogenannten Stars, die ja nur Synonym für ein Traumleben sind, das sich Fans besser als ihr eigenes vorstellen. Da heute viele Menschen zu Stars werden wollen – und unter anderem durch die Casting-Shows sich auch einbilden können, das zu schaffen, macht das natürlich auch das Autorendasein verstärkt zum Showgeschäft. Um Bücher zu verkaufen, benötigt jeder Autor zumindest eine gewisse Bekanntheit. Dafür muss er aber in der Masse der Autoren irgendwie auffallen. So beginnt die Marketingspirale, die dazu führt, dass Menschen in der Öffentlichkeit alles Mögliche machen, nur um aufzufallen. Eine fatale Entwicklung, weil es dabei immer weniger um Inhalte geht. Ich gebe mir deshalb große Mühe, authentisch zu bleiben und meine Bücher in den Vordergrund zu stellen. Jedenfalls werde ich mir nicht meine Haare rot färben oder einen gezwirbelten Bart tragen, um bekannt zu werden.“

AK: Was glaubst Du, wie sieht es denn nun wirklich in den Köpfen der Verlagsspitzen aus?

„Wie in jedem Unternehmen. Bücher sind eine Ware und werden entsprechend behandelt. Manager in den Verlagen sind ihrem Unternehmen verpflichtet und arbeiten für Gewinnmaximierung. Natürlich wird es auch dort Menschen geben, die für Inhalte einstehen. Es werden auch immer wieder Bücher veröffentlicht, die nicht das große Geld einspielen. Das bleibt aber die Ausnahme und ist meines Erachtens weniger verbreitet als noch vor vielleicht dreißig Jahren.“

AK: Heute werden Lesungen inszeniert. Würdest Du auf einer Lesung im Kampfanzug oder Dienstkleidung erscheinen?

„Ich erscheine auf einer Lesung nach heftiger Diskussion mit meiner Frau, die sich meist durchsetzt, im legeren Jeans- und Jackett-Look. Das passt zu mir und betont mich nicht als Person. Wie ich schon oben sagte: Es geht nicht um mich, sondern um Inhalte, meine Bücher.“

AK: Verliert der Schriftsteller nicht seine Balance zwischen den zahlreichen Verlagsanforderungen und der Wahrung einer stabilen Autorenidentität, wenn er den Clown mimt?

„Das muss jeder für sich selbst beantworten. Ich mime nicht den Clown, jedenfalls nicht mehr, als ich vor mir selbst verantworten kann. Zu meiner eigenen Identität gehört es, dass ich mich als Person weitgehend zurücknehme, um auch anderen Menschen zuzuhören und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Der Austausch ist mir wichtig, nicht, dass nach einer Lesung alle mit meiner Meinung nach Hause gehen.“

AK: Peinlich oder Erfahrungen sammeln?

„Es kann nichts so peinlich sein, dass es nicht eine Erfahrung wert ist.“

AK: Was darf ein Autor unbedingt nicht können?

„Schreiben, wahrscheinlich. Klingt paradox, ist aber ernst gemeint. Die eigentliche Aufgabe eines Autors ist es, interessante neue Gedanken zu entwickeln und zu äußern. Es geht darum, Geschichten zu erzählen und mit den Gedanken eine Welt zu erschaffen. Die Sprache ist das Medium dazu und die Schriftform der Speicher, der die Gedanken für alle sichtbar macht. Je besser ich als Autor mit Sprache und Schrift umgehen kann, desto eher werde ich selbst meine Gedanken verfälschen und einfach in schöne Worte gießen. Gut zu sehen ist das bei vielen Statements in Politik und Wirtschaft. Da werden wohlklingende Worte in eine klinisch saubere und durchaus klingende Sprache gepresst, um am Ende wenig bis nichts zu sagen. Die PR-Abteilungen können schreiben, aber sie haben keine interessanten neuen Gedanken, sondern missbrauchen Sprache als Hülle. Autoren sollten eine unverfälschte Sprache haben, die auch holprig sein darf, manchmal sogar ungeschliffen, aber aus ihr muss Leidenschaft sprechen, das unbedingte Verlangen zum Ausdruck, die Ernsthaftigkeit der Idee. Deshalb sollten Autoren zumindest im gesellschaftlich konformen Sinne nicht schreiben können.“

AK: Dein allererstes Buch? Hat es Dir gefallen?

„Herrje, das ist schon so lange her. Abgesehen von Kinder- und Jugendbüchern war es, glaube ich, mit zwölf die Blechtrommel von Grass. Damals hat mich das Buch beeindruckt, es hatte eine andere Sprache, als ich sie bis dahin kannte. Heute distanziere ich mich von Grass und halte ihn für keinen guten Schriftsteller.“

IMG_06864AK: Gott oder Teufel?

„Nochmals Ludwig Wittgenstein: „Worüber ich nicht sprechen kann, darüber muss ich schweigen.“ Über so etwas wie Gott oder Teufel kann ich logisch keine Aussage treffen, also schweige ich.“

AK: Schicksal oder Bestimmung?

„Das Schreiben? Das kann ich mit nur zwei Worten sagen: Es ist oder auch: Es geschieht. Unabhängig von allen Lesern, von jedem Erfolg, von allen gesellschaftlichen Strömungen.“

AK: Die beste Entscheidung Deines Lebens?

„Meine Frau schaut mir gerade kritisch über die Schulter – also natürlich, meine große Liebe geheiratet zu haben.“

AK: Wann wurdest Du das letzte Mal hinterhältig reingelegt?

Beim Schachspiel. Herrje, war das eine listige Falle.“

AK: Wann angenehm überrascht?

„Nach Erscheinen meines Romans „Jahrhundertspiel“ über die positive Aufnahme.“

AK: Stimmst Du zu, dass Männer insgesamt – seitdem der Durchschnittsmann in Europa vor dem Zubettgehen eine Gesichtscreme aufträgt – heute wesentlich besser aussehen als noch vor zehn Jahren?

„Ein gutes Aussehen entsteht für mich durch einen interessanten Ausdruck. Den trägt keine Gesichtscreme auf. Übrigens bei Männern wie bei Frauen. Nachdem, wie ich oben den Stand unserer Gesellschaft beschrieben habe, würde ich sagen, das Aussehen des Durchschnittsmenschen hat sich eher verschlechtert. Daran ändert keine Kosmetik etwas.“

AK: Wie findest Du E-Books?

„Platzsparend. Umzüge werden dadurch angenehmer. Sie sind ein neues Medium, wie vor ein paar hundert Jahren Bücher. Natürlich vermitteln sie nicht den sinnlichen Eindruck von Büchern, den Geruch zum Beispiel. Aber solange der Inhalt stimmt, gehören E-Books für mich heute dazu.“

AK: Welche Bücher befinden sich gerade auf Deinem Nachttisch?

„John Steinbeck, Früchte des Zorns und Jim Holt, Gibt es Alles oder Nichts.“

AK: Wie riechen Bücher?

„Ich könnte jetzt sagen, nach aufregendem Abenteuer und nach dem Versprechen neuer Welten. Aber das ist natürlich nur eine subjektive Illusion. Eigentlich riechen sie nach Papier und Druckerschwärze, aber das rieche in beides unheimlich gerne.“

AK: Welches Buch ist schon mal gegen die Wand geflogen?

„Keines. Bücher sind zu wertvoll, um mit ihnen zu werfen.“

AK: Dein Hobby?

„Dafür bleibt mir keine Zeit.“

AK: Musik beim Schreiben?

„Gelegentlich, um eine gewisse Atmosphäre herzustellen. Alles, was dann gerade passt – von Klassik über Jazz und Musical bis Pop. Es muss mir halt gefallen.“

AK: Essen oder Trinken zur Lektüre?

„Wenn überhaupt, einen Tee.“

AK: Sekt oder Selters?

„Zum Frühstück gerne Sekt. (Da fällt mir ein, ich muss schnell noch eine Flasche kaltstellen.) Selters kaum, eher Tee (gelegentlich mit Rumkirschen, äußerst lecker).“

AK: Gibt es einen Klassiker, der Dich völlig kalt gelassen hat?

„Zum Beispiel habe ich nie einen Zugang zu Böll und Lenz gefunden.“

AK: Lieblingsname aus einem Deiner Romane?

Immer der aktuelle, derzeit also Frederik Cervi.

AK: Deine Lieblingsautoren?

„Ingeborg Bachmann, Marcel Proust, Jack Kerouac, Franz Kafka, Robert Musil, Vincent van Gogh (ja ich weiß, er hat vor allem gemalt – aber auch wunderbare Briefe an seinen Bruder geschrieben), Isaac Asimov, Tom Wolfe (wenn auch nicht alle seine Bücher immer gelungen sind, gibt es doch viele ergreifende Szenen), Ernest Hemingway, Fjodor Dostojevski, Lew Tolstoi, Boris Pilnjak und viele mehr.“ – Uff, wir haben ja denselben Geschmack.

AK: Gibt es ein gutes Lesen im schlechten Leben?

„Nein, da sich das Denken aller Autoren immer auf unsere Welt bezieht – auch das der Science Fiction Autoren. Denn wir kennen keine andere Welt und stellen uns deshalb sogar Aliens als irgendwie menschenähnlich, wenn auch stark abgewandelt vor. Gute Literatur lässt ihre Leser nicht aus der Welt entfliehen, auch wenn sie ihr Publikum in eine Fiktion entführt. Es geht ihr doch immer um neue Blickwinkel und Sichtweisen in dieser Welt, um Veränderung unseres Lebens mehr als um Bestätigung. Der Anker für uns alle liegt in dieser Welt, daraus können wir nicht entfliehen, selbst wenn wir unsere Gedanken manchmal auf andere Schicksale als das unsere richten, hat es doch immer mit uns zu tun. Wir haben eben nur dieses eine Leben und das können wir durch Lesen ergänzen, aber nicht austauschen.“

AK: Führt gutes Lesen automatisch zu einem besseren Leben?

„Lesen kann zum Nachdenken führen und Nachdenken zu Veränderungen im eigenen Leben. Aber was heißt „gutes Lesen“? Wer entscheidet darüber? Für manch einen mögen Gewaltszenen gute Literatur sein, die er verschlingt, um anschließend Menschen auf der Straße anzugreifen. Führt für diesen Menschen sein „gutes Lesen“ zu einem besseren Leben? Subjektiv vielleicht, gesellschaftlich gesehen eher nicht. Die Einordnung in Schemata oder Kategorien ist also schwierig. Wonach bemisst sich „gut“ und „böse“? Moral ist wandelbar, im privaten, wie im gesellschaftlichen Umfeld. Lesen kann zu einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Ansichten beitragen. Doch jeder wird etwas anderes raus machen.“

AK: Jetzt aber! Ist Facebook eher männlich oder weiblich?

„Weder noch. Facebook ist ein Phänomen unserer Zeit, wie es in den 1970er Jahren vielleicht der Kassettenrekorder und die Diskotheken waren. Es wird von Menschen beiderlei Geschlechts genutzt. Entsprechend seiner Prägung gebraucht es natürlich jeder anders. Irgendwann wird Facebook durch das nächste Phänomen ersetzt. Menschen benötigen Plattformen, auf denen sie sich treffen, austauschen und miteinander agieren können – und die sehen eben in jeder Generation anders aus.“

AK: Alternative zum Kriminalroman?

„Science Fiction, weil gute Science Fiction die eigene Vorstellungskraft sprengt und das Bewusstsein für die Dinge der Welt erweitert.“

AK: Wann gibt es etwas Neues aus Deiner Feder?

„Voraussichtlich im Frühling. Ich arbeite mit Hochdruck an meinem neuen Roman und im Moment sieht es so aus, als ob ich Ende März den letzten Punkt setzen könnte.“

AK: Magst Du Abschiede?

„Es kommt darauf an, von wem. Manchmal ist es ganz gut, sich für eine Zeit oder für immer voneinander zu verabschieden. Dann kann ich den Abschied kaum erwarten. Meist machen mich Abschiede aber traurig.“

AK: Worüber könntest Du locker eine Nacht mit einer Flasche Rotwein am Kamin sitzend, diskutieren? Wie wär’s mit einem Beispiel?

„Ich kann über alles nächtelang diskutieren. Im Ernst, gute Gespräche sind für mich geistige Nahrung und Meditation in einem. Sie ermüden mich selten und speisen meinen fortwährenden Gedankenfluss.“

AK: Welche Vorsätze hast Du für die zweite Jahreshälfte 2015?

Keine.

AK: Was würdest du deinen Lesern gerne einmal sagen?

„Danke für Ihre Geduld mit meinem wortreichen Weg zu Erkenntnis.“

 

Auf seinem Blog “David Jonathan” schreibt der Autor unter dem Kürzel “davijonath” über seine Arbeit, veröffentlicht Kurzgeschichten, Gedanken und Impressionen.

David Jonathan, Radio Bizarr ISBN 978-3-7380-1958–2, € 3,99 (eBook), ISBN 978-3-7375-3800-8, € 7,99 (Print)

Weitere Infos unter: http://www.davijonath.de

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