Die Geister, die ich niemals rief – Mein Leben mit posttraumatischer Belastungsstörung

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traurige Frau Mein Leben mit posttraumatischer Belastungsstörung – Teil 1

Ein Gastbeitrag von Johanna, die über ihr Leben mit posttraumatischer Belastungsstörung schreibt. November 2017 – ein sonniger, warmer Tag mit 14 Grad Außentemperatur. Ich bastle gerade Gestecke für den Advent, die ich an Freunde verschenken möchte. Mir fehlt Moos, ohne das ich nicht weitermachen kann, darum sollte ich dringend welches holen. Zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt liegt ein kleiner Wald, umgeben von derzeit braunen Wiesen und Feldwegen. Er ist höchstens 800 Quadratmeter groß. Dort werde ich sicher Moos finden, also fahre ich los.
 
Und dann stehe ich unter der warmen Novembersonne, nachmittags um 15:00 Uhr, auf dem Feldweg, und starre auf dicht gewachsene Fichten wie auf eine dunkle, schweigende Wand. Kurzatmig und panisch habe ich gerade die Zentralverriegelung aktiviert. Sicher, ich bin sicher.
 
Vor mir auf dem staubigen Weg liegt ein einzelner Fichtenzapfen. Eine Ewigkeit fixiere ich ihn, während meine Arme sich mittlerweile anfühlen, als wären sie mit Draht an den Körper gefesselt. Mir ist, als ob in meinem Nacken jemand atmet, jemand, der mich vom Rücksitz aus beobachtet. Kälte kriecht in mir hoch, und ich bin stocksteif, außerstande, meine Hände zu bewegen.
 
Aussteigen kann ich nicht, obwohl ich mich dazu zwingen will.
„Los jetzt, es sind nur zwei Meter, schnapp dir den Fichtenzapfen und sprinte zurück ins Auto. Dann bist du nicht ganz umsonst dagewesen“ befiehlt die kleine Stimme in meinem Kopf, die mich auch heute noch – nach all den Jahren – unbarmherzig antreibt und ermahnt, mich endlich zusammenzureißen.  Ihr verdanke ich meine Disziplin, die mir ermöglich hat, weiterzuleben, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen… und morgens überhaupt aus dem Bett zu steigen.
 
Seit Jahrzehnten bin ich die meiste Zeit des Tages angespannt wie eine Stahlfeder, scanne sekündlich meine Umgebung und fühle mich niemals unbefangen. Aber dank meiner Disziplin kann ich so tun als ob und mittlerweile sogar wieder über Weihnachtsmärkte schlendern, während ich aufmerksam, aber unauffällig meine Umgebung beobachte. Ich kann in den Supermarkt zum Einkaufen gehen, Konzerte besuchen oder mir im Kino einen Film ansehen – unter der Voraussetzung, dass der Saal nicht voll besetzt ist.
 
Niemand soll mir jemals wieder wehtun dürfen. Und deshalb muss ich wachsam sein und bleiben. Immer. Überall.
 
„Du bist so jämmerlich“ höhnt die Stimme in meinem Innern, während ich auf den Fichtenzapfen starre, der mich zu verhöhnen scheint. Heute höre ich nicht auf sie. 
 
Mit brennenden Augen, beschämt von meinem Versagen, wütend auf meine Feigheit, starte ich den Wagen und fahre heim. Kaum habe ich vor dem Haus eingeparkt, ist die Stimme wieder da. „Feiges Stück. Es ist helllichter Tag. Kein Mensch draußen. Wer sollte dir was tun? Und du brauchst das Moos. Soll das ewig so weitergehen?“
 
Also mache ich mich nochmals auf den Weg zum Wald. Weil die Stimme meistens gewinnt. Irgendwie hat sie ja recht. Und wieder stehe ich vor dieser schweigenden Wand aus dunklen Bäumen mit verriegeltem Auto und laufendem Motor, an exakt derselben Stelle wie vorhin. Und wieder schaffe ich es nicht, auszusteigen. 
Diesmal bleibe ich nicht so lange stehen wie beim ersten Mal. Erneut fühle ich mich, als säße jemand im Fond und beobachte mich. Jemand oder etwas, das nur darauf wartet, dass ich eine unvorsichtige Bewegung mache, dass ich aussteige und mich in Gefahr begebe. Dann wird es über mich herfallen, mich mit Zähnen und Klauen knurrend und  fauchend zerfetzen.
Also bleibe ich stocksteif im Auto sitzen. Versagt. Im Grunde meines Herzens wusste ich vorher schon, dass ich es nicht über mich bringen werde.
Als ich zum zweiten Mal zuhause frustriert aus dem Auto steige, kommt mir die Nachbarin entgegen und fragt nach dem Grund für meine verdrossene Miene. Ich erkläre ihr, dass ich in den Wald wollte und es nicht geschafft habe wegen der Angst. Manchen Leuten erzähle ich winzige Einzelheiten von mir, immer nur wohldosiert in kleinen Häppchen. Immer nur so viel, dass sie mich nicht schief ansehen können.
 
Sie bietet mir an, mich zu begleiten, und ich fahre tatsächlich ein drittes Mal los, mit ihr auf dem Beifahrersitz. Wir brauchen keine 10 Minuten, bis wir wieder auf dem Rückweg sind. Im Kofferraum liegt – endlich – ein Körbchen mit Moos.
Als ich die Treppe zu meiner Wohnung hochsteige, bin ich einfach nur erleichtert, dass ich bekommen habe, was ich brauchte. Hilfe.  Ohne sie geht es nicht. Viel zu oft.

Seit Jahrzehnten Leben mit posttraumatischer Belastungsstörung

Hallo, darf ich mich vorstellen?

Nein, das möchte ich doch lieber nicht, bitte nehmen Sie es mir nicht übel.

Ich bin Johanna und leide seit Jahrzehnten an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Diese Diagnose erhielt ich im Jahre 2012 von einem Psychiater nach einem jahrzehntelangen Leidensweg. Das gravierendste Trauma mit den signifikantesten Spätfolgen resultiert aus einer Vergewaltigung im Jahre 1982. Ja – Sie lesen schon richtig.

So lange schon gehe ich durch die Hölle, zweifle an mir und allem, das mich umgibt, schwimme durch die Tage – und habe es trotzdem geschafft, ein halbwegs zufriedenstellendes Leben zu führen, wenn die Belastungsstörung, die ich künftig der Einfachheit halber „PTBS“ nennen werde – es zuließ.

Manchmal genügt ein böses Wort, irgendeine Kleinigkeit, über die ein Gesunder lachen würde, um mich in tagelange Depression versinken zu lassen wie in schwarzen, unbarmherzigen, alles verschlingenden Treibsand.

Das weiß aber so gut wie niemand. In meinem Umkreis gelte ich als etwas exzentrisch, aber liebenswert, bescheiden, großzügig, hilfsbereit und freundlich. Ich möchte, dass das so bleibt. Niemand soll wissen, wie aus mir geworden ist, was ich heute bin. Auch würde ich nicht ertragen, dass jemand erführe, wie sehr ich leide, denn dann würden mir Unverständnis und Irritation entgegenschlagen. Und WAS ich bin, weiß ich selbst nicht. Schon lange nicht mehr.

Nichts von dem, das ich schreibe, ist erfunden. Ich habe höchstens Dinge ausgelassen, weil mir erstens mein Unterbewusstsein den Zugang nach wie vor verweigert und Sie zweitens vielleicht verunsichern würde. Lange Zeit brannte ich wie eine Kerze an beiden Enden und litt Höllenqualen, die ich für das wahre Leben, Liebe oder Schicksal hielt.

Wenn es nicht weh tat, dass man fast krepierte, war es meiner Meinung nach nicht „echt“. Von ganz unten, vom Boden der schwarzen Löcher aus, in denen man sitzt und wimmert, ist die Perspektive ziemlich verzerrt. „Freude und Angst sind Vergrößerungsgläser“, sagt ein altes Sprichwort. Angst ist sogar ein Mikroskop.

Trauma greift in so gut wie alle Lebensbereiche ein

Mit diesem wahren Erlebnisbericht möchte ich den immensen Leidensdruck veranschaulichen, dem Frauen nach einer Vergewaltigung ausgesetzt sind, wenn sie anschließend eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Ein Trauma greift in so gut wie alle Bereiche des Lebens ein, legt sich wie Mehltau über eine vormals lebensfrohe Persönlichkeit und erstickt Dinge wie Zuversicht oder Hoffnung im Keim. Schwere Traumata können nicht nur die Psyche, sondern auch die körperliche Gesundheit ruinieren.

Aber zurück zu meiner Person: Ich bin mittlerweile ein sogenannter „best ager“, also aus der werberelevanten Zielgruppe der 15-49jährigen herausgeplumpst wie ein alter Kartoffelsack, und arbeite Vollzeit im Büro einer kleinen Firma.

Aufgrund meiner belastenden Biographie und der daraus resultierenden seelischen und körperlichen Schäden hätte ich mich ohne Weiteres verrenten lassen können, ziehe aber Lohnarbeit einer EU-Rente vor, die mich nötigen würde, vor irgendeiner blutjungen Sachbearbeiterin in einer Behörde oder fremden, distanzierten Ärzten, quasi „die Hosen herunterzulassen.“ Noch was, das ich nicht (mehr) kann. Ich habe feine Antennen für jede Art der Erniedrigung, und sei sie noch so subtil. Und ich definiere „Erniedrigung“ nach eigenem Ermessen. Wenn Sie meinen Bericht bis zu Ende gelesen haben, verstehen Sie auch, warum.

Meine Scheu vor Ämtern, Behörden und Ärzten gehört gleichfalls zum sogenannten „Vermeidungsverhalten“ – nicht nur meine latente Furcht vor belebten Plätzen, dunklen Orten, aufdringlichen oder aggressiven Männern, Spaziergängen im Wald, oder Konzerten, Kinobesuchen und Zahnarzt. Die Liste ist noch länger, aber ich arbeite daran, sie zu verkürzen.

Jede Situation, die Erniedrigung, Ohnmacht oder Hilflosigkeit hervorrufen könnte, verursacht massive Panikattacken. Immerhin bin ich mittlerweile – nach einer dreijährigen Traumatherapie – imstande, sie als solche zu erkennen und mit ihnen umzugehen.

Trotz Posttraumatischer Belastungsstörung: Einfach weitermachen

Bei Facebook las ich vor Monaten den Spruch: „Manchmal kann man gar nichts machen, außer weiter.“

Darin bin ich ganz gut.

Laut Wikipedia müssen für die Diagnose einer PBS nach ICD-10 folgende Kriterien erfüllt sein:

Der Betroffene war (kurz oder lang anhaltend) einem belastenden Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.

Und:

Es müssen anhaltende Erinnerungen an das traumatische Erlebnis oder das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks, Träumen oder Albträumen) oder eine innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ähneln oder damit in Zusammenhang stehen, vorhanden sein.

Weiterhin:

Der Betroffene vermeidet (tatsächlich oder möglichst) Umstände, die der Belastung ähneln.

Mindestens eines der folgenden Kriterien (1. oder 2.) ist erfüllt:

Eine teilweise oder vollständige Unfähigkeit, sich an einige wichtige Aspekte des belastenden Erlebnisses zu erinnern;
oder:
annhaltende Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität und Erregung, wobei mindestens zwei der folgenden Merkmale erfüllt sein müssen:

·      erhöhte Schreckhaftigkeit

.      Ein- und  Durchschlafstörungen

·      Hypervigilanz

·      Konzentrationsschwierigkeiten

·      Reizbarkeit und Wutausbrüche

·      Symptome müssen binnen 6 Monaten nach belastendem Ereignis aufgetreten sein.

Häufig sind zudem sozialer Rückzug, ein Gefühl von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit, Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen sowie eine Beeinträchtigung der Stimmung.

Persönlichkeitsänderung durch Extrembelastung

Nimmt die Störung über viele Jahre einen chronischen Verlauf, ist eine Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.0) zu diagnostizieren. Quelle: wikipedia.de

Manchmal – in meinem früheren Leben – behaupteten Freunde öfter lachend, ich würde so viel und so schnell reden, dass sie Mühe hätten, mir zu folgen. Heute gehe ich öfter am Wochenende abends ins Bett und habe den ganzen Tag über kein Wort gesprochen. Während der Arbeitszeit vermeide ich bei geschäftlichen Telefonaten Plaudereien und komme immer sofort auf den Punkt. Gartenzaun-Smalltalk ist mir verhasst, da zu oberflächlich. Ich kann das nicht mehr.

Die anderen – sie schwimmen oben auf der Suppe, haben Spaß, spielen Karten, besuchen Konzerte und laden sich gegenseitig zu ihren Geburtstagen ein. Ich hingegen paddle verzweifelt ganz unten in dieser trüben Brühe namens Leben, zwischen knorpeligen Brocken, die keiner mehr will und verkrusteter Hoffnungslosigkeit.

Uns trennen Welten. Ich habe ihnen nichts mehr zu sagen.

Gelegentlich ruft jemand aus meinem Bekanntenkreis an, dann hole ich tief Luft und verwandle mich in etwas, von dem ich glaube, dass es soziopsychologischen Anforderungen genügt. Auf Fragen nach meinem Befinden antworte ich knapp mit „Prima, und wie geht’s dir so?“ Das genügt meistens, um alle Schleusen zu öffnen. Dann fangen sie an, von sich zu erzählen. Was die meisten von ihnen für Elend oder Leid halten, ist für mich die Aufwärmphase gewesen. Im Unglück kenne ich mich nämlich aus – ich schwimme darin wie ein Fisch im Wasser.

Zu sagen habe ich nichts mehr

Zuhören kann ich. Zu sagen habe ich nichts mehr. Es interessiert ohnehin keinen.

2009

Ratlos stehe ich in der Waschküche und starre auf das Häufchen Blusen, das noch aufgehängt werden muss, denn mir sind die weißen Wäscheklammern ausgegangen. Ich habe ein genaues System entwickelt, wie ich mit verschiedenfarbigen Wäscheklammern zu verfahren habe. Alle Kleidungsstücke meines Lebensgefährten müssen mit roten aufgehängt werden, denn Rot ist die Liebe. Meine Klamotten hingegen mit grünen, wegen der Hoffnung. Im allerschlimmsten Notfall gehen bei der Wäsche meines Lebensgefährten auch weiße, denn Weiß ist die chinesische Farbe der Trauer. Besser, er ist traurig, als ich. Und die hölzernen Klammern benütze ich nie. Keine Ahnung, warum ich sie nicht weggeworfen habe. Die darf ich nicht nehmen, denn aus Holz werden Särge gemacht. Holz = Sarg = Tod. Ich bin tot.

In jeder freien Minute schreibe ich Bücher, die niemand kauft. Das liegt teilweise auch daran, dass ich kein Talent darin habe, mich zu vermarkten. Wie sollte ich meine Arbeitskraft oder meine Literatur verkaufen, wenn ich selbst nicht glaube, dass ich etwas tauge?

Aber mit Schreiben kann ich den Druck in meiner Seele ausgleichen. Ehe ich damit begann, hatte ich öfter das Gefühl, dass demnächst mein Kopf explodiert. Jetzt ist es besser. Wenn ich schreibe, habe ich die Kontrolle, indem ich ganze Welten schaffe und Herr über Leben und Tod bin.

Wenn ich Charaktere erfinde und mir stringente Handlungsabläufe ausdenke, ist das Gefühl, ein fremdbestimmtes Leben zu führen, das von unsichtbaren, mir nicht wohlwollend gesinnten Mächten bestimmt wird, nicht ganz so stark. Manchmal fühle ich mich nämlich wie ein sogenannter „NPC“ – ein „non playing character“ in einem Computerspiel, der jederzeit durch Drücken der „Delete“-Taste von irgendeinem übergeordneten Wesen gelöscht werden kann.

Nicht zu fröhlich oder zu ausgelassen sein

Also bin ich lieber nicht zu hoffnungsvoll, zu fröhlich oder zu ausgelassen. Dankbarkeit geht immer, dagegen kann keine Macht im Universum etwas haben. Wenn Sie jahrzehntelang wie eine Flipperkugel rotiert sind und so viele blaue Flecken auf der Seele haben wie ich, vergeht Ihnen das Hoffen. Immer schön den Kopf einziehen und ducken. Nur nicht auffallen. Vielleicht hat diese Macht, die mich dazu verdammt hat, in jener Nacht in meine Einzelteile zu zerbrechen, mich gerade nicht auf dem Schirm. Wenn ich unsichtbar bleibe.

Während ich das hier verfasse, hangle ich mich von einer Panikattacke zur nächsten. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig werden würde, endlich alles aufzuschreiben. Meine Seele will – nach all den Jahren – immer noch nicht, dass ich mich darüber auslasse. Kunststück, habe ich es doch großartig geschafft, es die ganze Zeit zu bagatellisieren, es gelegentlich ins Gespräch einzustreuen wie ein Bonmot.

„Ich bin schon mal vergewaltigt worden, du glaubst gar nicht, was man alles aushalten kann. Gibt Schlimmeres.“

Sieg nach Punkten. Ich hab mehr erlebt als du und mehr ausgehalten.

Ist Ihnen mal aufgefallen, wie oft sich Gespräche darum drehen, wer mehr Schlimmes erlebt hat? Oder lerne nur immer ich solche Menschen kennen? Es gibt viele grausame Geschichten. Es gibt furchtbar viele Frauen, die schrecklich leiden und wesentlich mehr durchgemacht haben als ich. Und mein Leben verläuft so viel besser, seitdem ich mich selbst nicht mehr so wichtig nehme. Tut ja sonst auch keiner.

Immer diese Angst, nicht genug auf mich aufgepasst zu haben

Während dieser Zeit, in der ich noch alles heruntergespielt habe, achtete ich auf jeden Pickel an meinem Hals und war häufiger beim Hausarzt als im Kino. Immer diese Angst, nicht gut genug auf mich aufgepasst zu haben.

Dabei habe ich allerdings großzügig übersehen, dass ich mich schon lange Zeit fühlte wie ein mit giftigen Gasen gefüllter Ballon, der von jedem bösen Wort, einer gehässigen Bemerkung oder einem herablassenden Schnauber meines Gegenübers angepiekt wurde wie mit heißer Nadel und dann zischend zu einem unansehnlichen Nichts zusammenschrumpfte.

Patienten mit PTBS sind notgedrungen Empathen – dazu imstande, feinste Schwingungen aufzuspüren, denn sie sind darauf angewiesen, Stimmungsänderungen ihres Gegenübers, die zu ihrem Nachteil gereichen könnten, sofort zu registrieren, um notfalls mit Rückzug oder Aggressivität („Angstbeißen“) reagieren zu können.

Unter Panikattacken leide ich seit ungefähr 30 Jahren. Allerdings dachte ich früher immer, ich bekäme lediglich eine Grippe, die sich auf den Kreislauf schlägt, wenn mir die Luft wegblieb oder Arme und Beine taub wurden. Ich wurde geröntgt, es wurde Blut genommen, ich hing am EKG. Nichts.

Nie brachte ich Atemnot, Schweißausbrüche, Kribbeln in den Extremitäten und Todesangst in Verbindung mit einem sogenannten „Trigger“ – einer Situation, einem Wort, einem Geruch oder Gefühl, das mein Unterbewusstsein mit einer durchlebten Gefahrensituation assoziierte. So gut hatte ich alles in mir versteckt.

Furchtbar lange her

Heute kann ich sagen: „Es ist furchtbar lange her.“ Ja. Furchtbar war es. Und es dauert schon lange.

Ich lebe sehr zurückgezogen in einem kleinen Ort, und gäbe es in meiner Nähe einen Supermarkt, der Lebensmittel liefert, ginge ich gar nicht mehr vor die Tür. So allerdings bin ich gezwungen, mindestens einmal wöchentlich das Haus zu verlassen, mein anderes Ich überzustreifen wie einen gebrauchten Handschuh, und mich unter Leute zu mischen, mit denen mich nichts mehr verbindet. Die Normalen. Die mit den Bausparverträgen, den Sonntags-Besuchen, den Kinokarten, den Kindern, den Familien. Es strengt mich sehr an, und ich bin immer froh, wenn ich wieder zurück bin.

Dieses andauernde Gefühl der Entfremdung, also anders als andere zu sein, zum Teil verbunden mit dem Gefühl emotionaler Betäubung, ist ein weiteres Symptom, das bei der PTBS-Diagnostik angewandt wird.

Wenn ich meinen Wagen durch den Supermarkt schiebe, fühle ich mich wie in einem interaktiven Theaterstück, als trüge ich eine zu enge Silikonmaske auf dem Gesicht, die schmerzhaft an meinen Mundwinkeln zerrt, wenn ich zu lange reden muss.

Das hier ist mein ganz eigener Broadway, mein Stück läuft schon im 30ten Jahr. Nur Applaus gibt es nie. Vielleicht tanze ich deshalb immer noch. Ich kann einfach nicht mehr damit aufhören. Und jedes Jahr verlängert mein Unterbewusstsein die Vertragslaufzeit.

Ich wollte nie ein Star sein – lasst mich doch endlich raus.

Das alles ist schleichend passiert. Fast wie Schwarzschimmel im Haus, der zuerst nur eine Ecke befällt und irgendwann die gesamten Innenräume verseucht hat. Ich habe quasi „drüber tapeziert“. Alles hübsch angestrichen, mit Lachen übertüncht und mit hektischer Aktivität kaschiert. Und noch eine Party geschmissen. Und noch eine.

Bis zur Reaktivierung meines Traumas lebte ich mehr schlecht als recht vor mich hin, hatte einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und fühlte mich die meiste Zeit wohl. Fuhr ich gelegentlich aus der Haut, schrieb ich das schlimmem PMS zu. Fühlte ich mich von einer spitzen Bemerkung tagelang gekränkt, dachte ich, es sei die Summe aller schlechten Lebenserfahrungen und meine aggressive Reaktion darauf einfach nur gerechte Empörung. Hatte ich Angst, wenn mir jemand im Dunkeln begegnete, schalt ich mich schreckhaft, verschroben und unwissend. Vielleicht las ich einfach zu viele Zeitungen, dachte ich oft.

„In anderen Ländern gehen Frauen gelassener damit um. Da machen die nicht so einen Bohei drum.“

Eigene Welt scheint oft wie mit Klarsichtfolie überzogen

Ätzend klingt die Stimme meines Bekannten, als ich mich mit ihm über eine Vergewaltigungs-Serie unterhalte, die vor kurzem in meiner unmittelbaren Umgebung stattgefunden hat.

Wir telefonieren gelegentlich. Er lebt im europäischen Ausland und ist ein lupenreiner Soziopath. Bitte glauben Sie mir: Mit Soziopathen kenne ich mich aus, ich war lange mit einem zusammen.

Trotzdem schätze ich die Gespräche mit diesem Bekannten, gerade über Politik. Sein mitleidsfreier, analytischer Blick, vor dem mich einerseits graust, und den ich doch andererseits gleichzeitig bewundere, weil meine eigene Welt oft mit undurchdringlicher Klarsichtfolie überzogen scheint, hilft mir, bestimmte Situationen klar zu sehen und richig zu reagieren. Ich muss ja nicht mit ihm schlafen. Das überlasse ich den blutjungen Osteuropäerinnen, mit denen er sich so gern abgibt, und die er auch dafür bezahlt. Noch einer, der glaubt, alle Frauen seien Huren.

„Weißt du überhaupt, was du da sagst?“ fahre ich hoch. Sonst verlaufen unsere Gespräche angenehm, oft mit sarkastischem Unterton. Jetzt ist mein rotglühendes Wutmonster aufgewacht und bahnt sich den Weg nach draußen.

„Hast du eine Ahnung, was einer Frau damit angetan wird, wenn sie in ihrer innersten Autonomie verletzt wird? Weißt du, dass die Seele stirbt? Was glaubst du, wer du bist?“

Sinnlos. Ich werde nicht durchdringen. Er ist ein Kerl – einer mit eingebauter Vorfahrt. So hat man es ihm in den 60er-Jahren beigebracht.

Wutmonster ist Bodyguard

Das rotglühende Wutmonster ist mein unsichtbarer Bodyguard, meine letzte Rettung, geboren in jener dunklen Mainacht 1982 auf nassem Gras und unter wütenden, ohnmächtigen Tränen. Wenn ich es rufe, kommt es nicht, denn es lässt sich nicht dressieren oder zähmen. Willkürlich schießt es in mir hoch, und dann Gnade Gott jedem, der sich mit mir anlegt.

„Wir werden das Gespräch an dieser Stelle beenden“ sage ich. „Das bringt jetzt nichts mehr. Ich würde dich beleidigen. Du kapierst es ohnehin nicht.“ Deutlich kann ich seine Verachtung spüren, seine Herablassung, seine Unfähigkeit, zu verstehen. Und ich wünsche mir, er könnte am eigenen Leib einmal erfahren, wie es ist, wenn einem so etwas passiert. Ich will, dass er wimmert, bettelt, schreit, fleht, heult.

Sie merken: Ich bin nicht wirklich ein guter Mensch, dafür hat mich das Schicksal einmal zu oft mit der Nase in den Schmutz gedrückt. Zwar habe ich Mitgefühl für leidende Seelen, ich spende viel, wenn es mir möglich ist, aber bei solche Kotzbrocken wie meinem Gesprächspartner versagt meine Empathie völlig.

Es tötet

Er ist ein Frauenfeind. Die Welt ist voll mit denen. Vielleicht hat er es sogar auch schon einmal getan und es als Kavaliersdelikt betrachtet.

Es tötet. Eine Vergewaltigung tötet die Seele, wenn man Pech hat. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, würde mein Gesprächspartner sagen. Beim nächsten Mal werde nicht ich es sein, die umkommt. Das schwöre ich.

Niemals wieder.

Lesen Sie nächste Woche die Fortsetzung: Wie alles begann – Mai 1982 – die ewige Nacht.

„Dabei wollte ich doch nur ins Hotel“.

Einen weiteren Bericht einer Frau, die Gewalt erlebt hat, finden Sie hier.

 

*Name von der Redaktion geändert

 

Bildnachweis (Symbolbild): pexels.com

 

 

 

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