Ein brillantes Ausnahmetalent: Leveret Pale

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„Lasset die Spiele beginnen“, sagt Nikodem Skrobisz, als wir mit dem Interview starten. Ich habe Nikodem Skrobisz, der seine Bücher unter dem Pseudonym „Leveret Pale“ veröffentlicht, anlässlich der langen Lesenacht in Billerbeck kennengelernt und wollte mehr über diesen achtzehnjährigen Autor herausfinden, der von sich behauptet, dass sein Leben einem sehr verrückten Roman gleicht. Allerdings in letzter Zeit immer öfters wie ein Sachbuch. „Ich befürchte, ich werde erwachsen“, begründet er seine Aussage, aber vielleicht ist es auch nur die Q12.“

Geboren wurde Nikodem Skrobisz in München, aufgewachsen ist er in Unterhaching und Krakau, aber Großteils in Münchens Vororten und auf dem Internat Schloss Neubeuern. Die vielen Schulwechsel und auch die Zeit auf dem Internat haben den Autor sehr geprägt; sie zeigten ihm nicht nur die vielen        Perspektiven, die man auf das Leben und die Gesellschaft haben kann, sie brachten ihn mit vielen interessanten Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftsschichten und Konzepten in Berührung.

Seine beeindruckenden Erstlingswerke über Horror, Wahn und Crackrauchende Hühner werden hier kurz vorgestellt. Viel Freude beim Lesen des Interviews mit diesem brillanten Autor und aussergewöhnlichen Menschen.

Ihnen allen einen schönen dritten Advent.

Ihre

Astrid Korten

AK: Der Klassiker zum Aufwärmen und eine erste wohlwollende Geste. Wie geht‘s Dir gerade?

LP: Die klassische Antwort wäre gut, und es fällt mir einfach diese Frage genauso zu beantworten, denn ich kann zurzeit über nichts großartig klagen …

AK: Welche Bücher befinden sich gerade auf Deinem Nachttisch?

LP: Ich schiele mal vorsichtig hinüber, aber es sind definitiv zu viele. Ich sehe da einen Stapel Gedichtbände von Poe, Benn, Brecht, Goethe und Nietzsche; den sehr spannenden Wälzer von Dr. Rick Strassmann über seine Studien mit dem endogenen Halluzinogen Dimethyltryptamin; das monumentale, postmoderne Meisterwerk »Unendlicher Spaß« von David Foster Wallace; eine Kurzgeschichtenanthologie von Stephen King, ein Handbuch übers Geldverdienen für Bohémien. Daneben stapelt sich auf dem Boden noch ein Buch über Schwarze Magie auf den Annährungen an den Drogenrausch von Ernst Jünger. Ich schlafe zu wenig und lese zu viel.

AK: Geboren und aufgewachsen in?

LP: Das zu beantworten ist schon etwas kniffliger. Geboren wurde ich in München, aufgewachsen allerdings zuerst drei Jahre lang in Unterhaching, dann zwei Jahre lang in Krakau, den Rest dann Großteils in Münchens Vororten und ein Jahr habe ich zusammen mit meinem Bruder auf dem Internat Schloss Neubeuern verbracht. Vor allem meine vielen Schulwechsel und auch die Zeit auf dem Internat haben mich dabei sehr geprägt; sie zeigten mir nicht nur die vielen Perspektiven, die man auf das Leben und die Gesellschaft haben kann, sie brachten mich mit vielen interessanten Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftsschichten und Konzepten in Berührung.

AK: Gab’s in Deiner Jugend unerfreuliche Überraschungen?

LP: Da ich erst achtzehn bin, befürchte ich, dass die unerfreulichen Überraschungen der Jugend noch nicht zu Ende sind. Das Schlimmste ist, glaube ich, aber bereits hinter mir. In meinen Augen ist das Leben stets voller unerfreulicher Überraschungen und Wendungen, aber das macht es ja auch spannend. Als ich herausgefunden habe, dass der Weihnachtsmann auch nur mein Vater mit einem falschen Bart war, war ich sicherlich auch unerfreulich überrascht; aber im Vergleich zu der versehentlichen Kodeinüberdosis, die ich mir mit sechzehn auf einem Flug nach Bangkok, unmittelbar nach einer OP, verabreichte, war das noch irgendwo angenehm. Als mir beide Kniegelenke durch Übertraining den Dienst versagten, als ich mit fünfzehn eine Kickboxerkarriere beginnen wollte, war hingegen sehr unangenehm; aber im Gegensatz zu der Scheidung meiner Eltern noch leicht zu verkraften. Und damit haben wir gerade mal die Spitze des Eisbergs der unerwarteten Wendungen angekratzt und noch nicht mal die tiefgreifenden angesprochen. Ich werde von allen berichten, sobald ich mir sicher bin, was davon relevant und wirklich ausschlaggebend war. Ich nutze das Interview an dieser Stelle, um für meine Autobiographie zu werben, die hoffentlich irgendwann gegen Ende dieses Jahrhunderts erscheinen wird.

AK: Dauerzustand verliebt?

LP: Zum Glück nicht. Der Dauerzustand geht bei mir schon lange über Verliebtheit hinaus und ist die beständige Liebe zu meiner Freundin Vivienne.

AK: Das Geheimnis der Literatur?

LP: In einem Roman, an dem ich zurzeit arbeite und der den Arbeitstitel »Der Apfelsmoothie der Erkenntnis« trägt, sagt einer der Charaktere über die Notwendigkeit des Schreibens: »Nur was wir aufschreiben, ist wirklich passiert, alles andere verschwindet im bodenlosen Nichts. Wir wandeln flüchtige Existenz in kodifizierte Essenz um; wir speichern die Ereignisse, ob real oder fiktiv spielt dabei keine Rolle, in den Symbolen der Sprache als Information ab und speisen sie in den Informationsstrom namens Kultur ein. Damit formen wir die Realität, denn daraus besteht die menschliche Welt: eine Fluktuation konservierter Information in Schrift, Stein, Sprache und Bild.« Das ist jetzt etwas hochgestochen formuliert, aber ich denke, dass das Geheimnis der Literatur darin besteht, dass sie uns die Möglichkeit gibt, komplexe Gefühle, Erfahrungen und Ideen von dem Verstand des Autors in den Verstand des Lesers zu übertragen und so dessen Bewusstsein zu erweitern.

AK: Was ist wirklich wichtig für das eigene Leben?

LP: Ich denke, dass das Wichtigste ist, dass man bewusst und empfänglich für seine eigenen Wünsche, und für die Ideen um einen herum bleibt, in sich selbst und in die Welt hineinhorcht, und dann für sich selbst herausfindet, was einem wirklich wichtig ist. Für mich sind es definitiv meine Freundin, das Schreiben, Freiheit und Wissen. Je mehr ich weiß, je mehr ich verstehe, desto weiser kann ich handeln und desto besser urteilen und leben, aber Erfüllung finde ich nur im Schreiben, und Glück vor allem durch die Liebe und die Freiheit.

AK: Bildung ist gut, Werte sind besser. Mit wem wünscht Du Dir ein Lagerfeuergespräch? Warum?

LP: Jetzt mit dir, denn ich bin nicht überzeugt, dass Werte zwangsläufig besser sind, als Bildung und ich liebe philosophische Debatten.

AK: Keine Angst vor hohen Tieren?

LP: Meinst du damit Menschen mit großer Autorität? Nein. Ich habe mir schon immer damit schwergetan, Autorität einfach so anzuerkennen, was vor allem für meine Lehrer, als ich jünger war, ein Graus war. Für mich sind Menschen irgendwie alle nicht mehr als menschlich. Ich habe vor allen Respekt, aber es fällt mir schwer zu ihnen hinaufzusehen. Als ich im Internat war, hatte ich, vor allem bei Elternbällen, dann auch viel Kontakt zu hohen Tieren und deren Kindern, und nun, sie sind auch nur Menschen, also keine Grund Angst zu haben. Menschen beißen meistens nicht.

AK: Wirst Du manchmal missverstanden?

LP: Oft, leider. Oft können Menschen mir in meinen Gedanken nicht folgen, oder sie verstehen nicht, wenn ich sarkastisch bin, und wann ernst – aber ich glaube, davon ist niemand ausgenommen. Die perfekte Kommunikation zwischen Menschen wurde noch immer nicht erfunden – vielleicht wird Telepathie in einigen Jahren über Neuralink möglich, aber bis dahin müssen wir uns der Sprache bedienen, und die ist nun mal als Medium sehr unsicher. Man siehe sich allein an, wie viele tausende verschiedene Interpretationen es zu manchen literarischen Texten gibt. Die wenigsten davon entsprechen dem, was der Autor bewusst übermitteln wollte. Ich selber werde durch Leserbriefe und Rezensionen immer wieder mit Interpretationen meiner Texte konfrontiert, die logisch sind, aber nicht hundert Prozent dem entsprechen, was ich den Lesern vermitteln wollte.

AK: Was sollte auf Deinem Grabstein stehen?

LP: Knifflige Frage, über die ich oft nachdenke. Der Tod – oder der Terror, wie man die Angst vor dem Tod in der Sozialpsychologie nennt – ist in meinem Verstand immer sehr präsent. Ich bin zwar körperlich gesund, aber eine Art paranoide Angst vor einem plötzlichen Ableben ist wohl ein Merkmal, welches bei sehr produktiven Menschen sehr oft auftritt und als Triebfeder dient. Ich habe vor kurzem sogar eine Seminararbeit geschrieben, die sich um die Terror-Management-Theorie dreht, die erklärt, wie das Bewusstsein der Sterblichkeit sich auf das Denken und Handeln auswirkt. Ich habe auch immer ein aktuelles und unterschriebenes Testament in der Schublade liegen und Instruktionen für den Todesfall, aber eine genaue Grabinschrift, darauf kann ich mich noch immer nicht festlegen. Soll doch darüber die Nachwelt urteilen.

AK: Was treibt dich auf die Palme?

LP: Zwei Dinge: Wenn man Menschen nicht in Ruhe lässt, und wenn man unehrlich ist. Meiner Meinung nach, darf jeder mit seinem Leben machen, was er will, solange er niemand anderen damit schadet oder belügt.

AK: Deine Bücher?

LP: Mittlerweile habe ich neun veröffentlicht, davon drei Romane (Die Rückkehr der Götter, Crackrauchende Hühner, Königsgambit), zwei Sachbücher (Kratom, Hawaiianische Baby Holzrose), drei Anthologien (Wahnsinn, Wahn, Wenn Soziopathen träumen) und eine Novelle (Das Erwachen des letzten Menschen). Alle Bücher sind überall im Buchhandel als eBook und Taschenbuch erhältlich. Thematisch variieren die Bücher sehr. Obwohl gewisse Motive immer wieder auftauchen, bedienen ich eine breite Palette an Genres: Horror, Surrealismus, Darkfantasy, Thriller, Drogenliteratur, Gesellschaftsroman, Psychedelismus, Postmodernismus, Satire. Zu Beginn meiner Schreibkarriere habe ich aber fast ausschließlich Horror und Darkfantasy geschrieben und die beiden Genres dominieren auch meine Anthologien. Zunehmend schreibe ich seit meinem Roman »Crackrauchende Hühner« vor allem viel psychedelische und surrealistische Gegenwartsliteratur. Einen guten Überblick über meine Bücher findet man auf meiner Amazon-Autorenseite oder auf meiner Website.

 Crackrauchende Hühner: Covertext: Nihilismus. Romantik. Drogen. Chaos. Kratom. Karl Marx beim Monopolyspielen. Zwei Hühner auf Crack. Der totale Wahnsinn.
Der 17-jährige Schüler Nathan ist ein psychopathischer Freak mit der exotischen Lieblingsdroge Kratom. Von den meisten seiner Klassenkameraden wird er gemieden, so auch von Daniel, der sogar Angst vor Nathan hat. Doch bei der Berlinklassenfahrt am Ende der zehnten Klasse kommen Nathan und Daniel in dasselbe Hotelzimmer und damit wird die Konfrontation unausweichlich. Bald schlagen Daniels Ängste vor Nathan jedoch in eine morbide Faszination für den exzentrischen Außenseiter, dem eine prophetische Macht innezuwohnen scheint, um. Je länger Daniel aber Nathan folgt, desto mehr beginnt die Realität zu zerbröckeln. Bald vollführt Nathan biblische Wunder und hält nihilistische Predigten. Es tauchen sonderbare Gestalten auf, wie Schwarze in Einhornkostümen, sprechende, cracksüchtige Hühner und suizidale Zombies. Zunehmend beginnen Traum und Realität immer mehr ineinander zu kollabieren. Bald steht Daniel vor der Frage: Was ist real? Und wen interessiert das eigentlich?

FP: Brillant, erfrischend, klug und ausgetüfftelt, ein hochintelligenter Roman!  

AK: Vermitteln Deine Romane Einblick in Dein Leben oder sind sie ein Spiel mit der Wirklichkeit?

LP: Beides. Vor allem mit dem Konzept der Realität und des Verhältnisses zwischen Autor und Charaktere habe ich in meinem psychedelischen Roman »Crackrauchende Hühner« sehr intensiv auseinandergesetzt. Die wenigsten meiner Texte sind autobiographisch, aber kein Autor ist davor gefeit Persönliches in seine Schriften einzubringen.

AK: Was macht Lust auf das große Abenteuer des Lebens?

LP: Neurologisch gesehen Acetylcholin, Serotonin und Dopamin. Menschlich betrachtet Neugier, Hoffnung und Glück.

AK: Schon mal selbst eine kleine Sünde begangen? Ich höre?

LP: Definiere Sünde? Im christlichen Sinne? Im allgemeinen, gesellschaftlichen Sinne? Nun, ich bin grundsätzliche eine sehr ehrliche und direkte Person; ich helfe Menschen gern, ich bin aber auch sehr eigenwillig, weshalb ich mich auch oft über gesellschaftliche Regeln hinwegsetze. Ich bin auch sehr indiskret und sag Menschen es meistens direkt ins Gesicht, wenn mich etwas stört, weshalb ich manchmal als respektlos wahrgenommen werde. Ich habe bereits im Kindergarten meinen Gleichaltrigen gepredigt, dass ich an Gott nicht glaube, weil er unlogisch ist – sehr zu Freuden meiner katholischen Familie. Zwischendurch habe ich natürlich wie wahrscheinlich jeder testosterongetriebene Jugendliche die ein oder andere kleine Sünde begangen. Mit so sechzehn habe ich viel mit psychotropen Substanzen, vor allem LSD-Analoga, experimentiert, was dazu führte, dass ich während einer polytoxen Überdosis eine Art Epiphanie hatte. Daraufhin beschloss ich mein Leben auf die Reihe zu kriegen. Heute bin ich weitestgehend abstinent, habe zurzeit einen 1er-Notenschnitt und gebe mein Bestes ein guter und gerechter Mensch zu sein. Aber rückblickend würde ich auch nichts an meinen »Sünden« ändern. Ich habe durch sie sehr viel gelernt und sie haben mich zu einem besseren Menschen gemacht – Carl Jung würde dazu sagen, dass ich durch diese Erfahrungen weite Teile meines Schattens sehr gut integrieren konnte.

AK: Für Heraklit ist der „Streit“ der Vater aller Dinge. Konfuzius lehrte Tugenden wie Liebe, Rechtschaffenheit, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit, Gegenseitigkeit und drei soziale Pflichten wie Loyalität, kindliche Pietät, Wahrung von Anstand und Sitte. Was glaubst Du, welche Formen der Orientierung brauchen wir heute?

LP: Wir brauchen Orientierung, das ist klar, aber die Form zu finden wird in einer so vielseitigen und komplexen Welt wie unserer immer schwerer. Ich befürchte, dass der Westen in unserer postmodernen Gesellschaft an der Geisel des Nihilismus, des Relativismus und der Egozentrik leidet und es vielen Menschen an wirklichen Werten und Orientierungspunkten in ihrem Leben fehlt, was nicht nur zu blinden Hedonismus und Selbstzerstörung, aber viel unnötigen Leid und Einsamkeit führt. »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht«, steht bereits bei Matthäus. Und auch wenn ich selber nicht an Gott glaube, glaube ich daran, dass wir Menschen, um zu funktionieren, das Transzendente brauchen, egal ob es real ist oder nicht, und genau das fehlt in unserer materialistischen und aufgeklärten Gesellschaft. Deshalb verfallen auch die Tugenden, wie Konfuzius und Aristoteles sie sich erdachten. Ich sehe es jeden Tag und ich habe für einige Essays Statistiken dazu recherchiert und es ist erschreckend, wie vereinsamt und depressive weite Teile meiner Generation sind. Was uns fehlt, und was Nietzsche, aber auch Carl Jung und vor allem Ernest Becker, und dann auch die Philosophen der Gegenkultur, wie Alan Watts, bemerkt haben, ist Spiritualismus. Seitdem das Christentum an Macht eingebüßt hat, irren wir recht ziellos herum, haben keine Grundlagen für Werte und Ziele und keine Maßstäbe für unser Handeln, was auch radikale Positionen, wie Kommunismus, Faschismus oder Islamismus für viele so verlockend macht. Ich glaube aber, dass eine neue Art Religion früher oder später entstehen wird und diese Lücken füllt; der Existentialismus der Franzosen war bereits ein guter Ansatz, genauso wie der Spiritualismus von Alan Watts oder Nietzsches Idee des neuerschaffenden Übermenschen a la Goethe, aber am Ende wird das wahrscheinlich eher wie das Mercertum in »Träumen Androiden von elektrischen Schafen?«, aussehen, ein Spiritualismus, der den Menschen Empathie und Hoffnung gibt, unterstützt durch die globale Vernetzung von Gefühlen und Gedanken.

AK: Was bedeutet für Dich Erfolg?

LP: Erfolg ist sehr vielseitig und setzt sich für mich aus vielen Faktoren zusammen. Für mich bedeutet Erfolg, wenn ich nicht nur Spaß an meiner Arbeit habe, sondern Menschen auch zum Nachdenken bringen und den weltweiten Informations- und Wissenspool positiv erweitern und so die Welt verbessern kann. Deswegen schreibe ich neben Romanen und Kurzgeschichten, die sehr oft philosophische Motive aufgreifen, auch sehr gerne Essays, Sachbücher und Artikel. Und natürlich bedeutet Erfolg für mich auch, wenn ich glücklich bin, wenn ich genug Zeit zum Schreiben und vor allem für meine Freundin und meine Freunde habe, wenn ich genug Geld habe, um mir keine Sorgen machen zu müssen, und wenn ich weiß, dass ich mein Potential voll auslebe. Und vor allem ist Erfolg, wenn ich die Gegenwart genieße, und niemals in Rente gehen will, weil mich meine Tätigkeit so sehr erfüllt.

AK: Welche Illusion lässt Du Dir nicht nehmen?

LP: Ich glaube an die monogame, romantische Liebe. Auch wenn das gegen den Trend der Zeit geht – ich werde nie an dem Wert von wahrer Liebe zweifeln. Auch wenn Promiskuität, Untreue und Scheidungen auf dem Vormarsch sind und die Paarbeziehung oft angegriffen wird; glaube ich zu wissen, dass wahre Liebe möglich ist und glücklicher macht. Vor allem seitdem ich bei Verwandten und Freunden gesehen habe, zu welchen emotionalen Schmerzen Untreue und Promiskuität geführt haben. Ich sehe die aktuellen Bewegungen nicht als rationale Fortsetzungen des Liberalismus, sondern als ein Symptom der pathologischen Dekonstruktion und des Nihilismus, die die Welt zunehmend befallen. Vielleicht sind meine Freundin und ich damit irgendwie Sonderfälle; oder ich habe an einem kritischen Punkt in meiner Pubertät zu viel von Eichendorff und Opium konsumiert – so oder so, ich bin glücklich in dieser „Illusion“.

AK: Definition von Leidenschaft?

LP: Der leidenschaftliche Mensch ist eine Flamme, die immer höher brennt, bis sie sich selbst verschlingt, wenn sie kein Brennmaterial finden kann.

 

AK: Wie dürfen wir uns Deinen Schreibtisch vorstellen?

LP: Wozu vorstellen, wenn ich euch auch ein Foto von dem Chaos zeigen kann?

AK: Wo auf Deinem Schreibtisch liegen die Büroklammern?

LP: Gute Frage. Ich benutze glaube ich gar keine.

AK: Beste Schreibzeit: Highnoon oder Mitternacht?

LP: Wann immer mich die Muse tritt. Das macht sie leider und zum Glück rund und um die Uhr, aber prinzipiell bin ich doch ein Nachtmensch.

AK: Dein Mittel gegen Müdigkeit?

LP: Ich bin selten wirklich müde. Bei mir wurde als Kind ADHS, also das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, festgestellt. Vor allem die Hyperaktivität ist bei mir stark ausgeprägt. Es kann sein, dass ich manchmal tagelang nicht schlafe, einfach weil in meinem Kopf zu viele Gedanken kreisen und ich einfach nicht müde werde. Das war in der Zeit, als ich mit vierzehn im Internat war, am schlimmsten. Ich wanderte stundenlangen durch die Gänge. Retrospektiv war das allerdings etwas unklug, denn wie ich mittlerweile bemerkte habe, macht mich kaum etwas so wach, wie ein Spaziergang, weshalb ich vor dem Schreiben immer einen mache. Bei einem Mangel an geistiger Klarheit hilft dann natürlich auch ein Kaffee, oder jegliche andere Art von Stimulanz. Eine Zeit lang nahm ich sehr gerne Amphetamine, die ich gegen das ADHS verschrieben bekam, allerdings haben sie neben der geistigen Luzidität leider sehr viele Nebenwirkungen mit sich gebracht, weshalb ich sie mittlerweile nicht mehr nehme.

AK: Wo siehst Du Dich in 10 Jahren?

LP: Wenn ich nicht im 27er Club lande, dann hoffentlich weiterhin an der Seite meiner Freundin, mit meinen Büchern auf der Bestsellerliste, und bereits mit einer Promotion in der Psychologie. Ich würde sehr gerne in die Forschung gehen, um noch mehr über die menschliche Psyche und das Gehirn in Erfahrung zu bringen; gleichzeitig werde ich nie aufhören Romane und Kurzgeschichten zu schreiben, und auch nie aufhören mit meinem Texten und meinem Leben die dunklen Seiten und Peripherien der Menschheit zu untersuchen.

AK: Was sagen Deine Eltern zu Deinem Schreibtalent?

LP: Sie freuen sich darüber und fördern es. Als Kleinkind haben sie mir oft vorgelesen, und seitdem ich angefangen habe professionell zu schreiben, mischen sie sich zwar nicht aktiv in mein Schreiben und Publizieren ein, aber sie finanzieren mir zum Beispiel die Reisen zu Messen und unterstützen mich emotional. Ich habe bereits mit vier Jahren meiner Mutter erste Kurzgeschichten diktiert, die sie dann für mich abtippte und ausdruckte, sodass ich sie zusammenheften und illustrieren konnte. Ich denke, ich verdanke meinen Eltern und ihrer sehr liberalen Erziehung, sehr viel, vor allem im Hinblick auf mein Schreiben.

AK: Lesen sie deine Bücher?

LP: Mein Vater ist immer mein erster Leser, gefolgt von meiner Mutter. Sie mögen nicht immer, was sie da lesen, aber sie haben nie aufgehört mich zu unterstützen und mir hilfreiche Ratschläge zu geben.

AK: Was muss ein guter Autor/In können?

LP: Schreiben. Erzählen. Heutzutage sich selbst auch noch Vermarkten, aber für all das braucht er vor allem zwei Dinge: Kreativität und Selbstdisziplin. Chaos und Ordnung. Dionysisches und Apollinisches. Wenn ich den ganzen Tag nur vor meinem Rechner sitze, werden meine Text langweiliger und lebensferner Kram, falls ich überhaupt Ideen bekomme; wenn ich allerdings nicht meinen Hintern vor den Rechner zwinge und mich dazu verdonnere jeden Tag mein Schreibpensum zu erfüllen, dann wird selbst aus der besten Idee niemals ein Roman. Wenn ich auch nicht zu Lesungen fahre und mich um meine Leserschaft kümmere, wird auch niemand mein Buch entdecken und lesen; wenn ich allerdings nur auf Events bin, dann werde ich nicht mehr zu schreiben kommen. Professionelles Schreiben ist die Kunst auf einem Drahtseil zwischen kreativen Chaos und notwendigen Übeln zu tanzen.

 

AK: Letzte Frage: Magst Du Abschiede?

LP: Hängt ganz von der Person ab, von der ich mich verabschieden muss. An dieser Stelle bedauere ich es, dass dieses Interview nun zu Ende ist und ich mich von dir verabschieden muss.

Vielen Dank für das Interview

 

 

 

 

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