„Gefühlen ist es egal, ob sie sich vor oder hinter Stacheldraht austoben“

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Er spürte von jeher den Freiheitsdrang in sich und wusste schon als Kind, was es bedeutet, eingemauert zu sein: Torsten Preuß (im Bild), der als waschechter Dresdner in DDR-Zeiten viel Zeit bei seiner Oma im Grenzgebiet verbracht hat.

Die dortige Welt im Niemandsland, die aus Stacheldraht, Wachtürmen, stets bellenden Hunden und der berüchtigten Mauer bestand und in der 24 Stunden am Tag  junge Soldaten ihren Dienst versahen, prägte ihn für immer.

Das „nichts-wie-raus-„Gefühl empfand er als Jugendlicher in der DDR immer stärker, bis er eines Tages tatsächlich ausreisen durfte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er mit seiner großen Liebe Katrin – die wie er als „unangepasst“ galt und ebenso wie Preuß mehrfach ins Visier der Stasi geriet – bereits eine kleine Familie gegründet. Ausreisen musste er jedoch allein.

Eine harte Zeit der Trennung begann und Preuß – gelandet in Westberlin – war erneut von den so verhassten Kommunisten abhängig. Denn sie bestimmten, wann und ob auch seine Partnerin und der kleine Sohn den Mauerstaat verlassen durften.

Als die Familie nach einer zermübenden Zeit des Wartens und Hoffens wieder vereint war, prägten Reisen und ein langer Aufenthalt in Australien des Leben der einstigen DDR-Rebellen. Torsten Preuß war zu diesem Zeitpunkt bereits journalistisch tätig, schrieb zunächst für die TAZ, danach kam er zum Stern und zu Spiegel-Special, arbeitete als Reporter bei „Kennzeichen D“ und hat an der ‚Chronik der Wende‘ mitgewirkt, für die es den Grimme-Preis in Gold gab. Immer an seiner Seite: seine Partnerin Katrin, mit der er  wieder in seiner Heimatstadt Dresden lebt, wo er sich nach wie vor politisch engagiert und bis heute freiberuflich als Journalist arbeitet.

Über seine Zeit in der DDR, die Trennung von seiner großen Liebe, die Familienzusammenführung und das Ankommen in der fremden Welt hinter der Mauer hat Torsten Preuß ein Buch geschrieben: Eine Liebe. Zwei Welten (siehe Bild).

Wir haben mit mit dem Autor über die DDR, seine Ausreise und das Leben danach, seine Arbeit sowie über seine große Liebe und das heutige politische Klima im Land gesprochen.

FP: Torsten, Du standest in der DDR politisch auf der anderen Seite, warst immer gegen das System. Was waren die Hauptbeweggründe dafür?

TP: Meine Aversion gegen diesen Staat begann schon ziemlich zeitig. Weil ich das Glück hatte, dass eine Oma von mir im Grenzgebiet wohnte, also dort, wo der Eiserne Vorhang Deutschland, Europa, die ganzen Welt damals teile. Für einen gewöhnlichen DDR-Bürger war das ‚Sperrgebiet‘.

Man musste vorher einen ‚Passierschein‘ beantragen. Den bekam man aber nur, wenn man Verwandte ersten Grades dort hatte. So wie ich, meine Oma, die in Venzka, einem kleinen Dorf in Thüringen, wohnte. Ihr Haus stand etwas oberhalb und immer, wenn ich an ihrem Küchenfenster saß, konnte ich direkt auf den Eisernen Vorhang schauen.

FP: Was sah man da?

Etwas was man nie vergessen wird. In meinen Erinnerungen liest sich das so…..Das legendäre Bauwerk bestand aus zwei Stahlgitterzäunen, die ungefähr dreimal so hoch waren wie ich. Dazwischen standen in regelmäßigen Abständen Wachtürme mir Scheinwerfern, die nachts ihr suchendes Licht zwischen die Zäune warfen. Zum Schichtwechsel konnte ich die Soldaten immer sehen, wie sie die Türme bestiegen. Die Maschinenpistolen auf dem Rücken, die Feldstecher um den Hals. Wir nannten die Jungs immer nur „Grenzer“.

Wenn ich am frühen Morgen die frische Milch in silbernen Kübeln aus dem Stall von Oma die steile Dorfstraße hoch schleppte, lagen sie manchmal die Maschinenpistolen bei Seite und packten mit an. Meistens setzten wir uns danach noch auf den Rand der Rampe und warteten bis der kleine Lebensmittelladen, den alle nur „Konsum“ nannten, um acht Uhr morgens öffnete. Ich glaube, einer von ihnen hat mir dabei sogar meine erste Zigarette gegeben. Ich will sagen, sie waren immer nett, nette Jungs, die mich erschießen würden. Einfach so. Obwohl? Einfach so nicht. Vorm Erschießen hatten sie sogar den gleichen Schiss wie ich. Wie gesagt, sie waren Jungs im schönsten Alter, die alle nur einen Wunsch hatten: ‚Hoffentlich nicht ausgerechnet bei mir! Hoffentlich rennt nicht ausgerechnet mir jemand in meiner Dienstzeit durchs Bild, hoffentlich muss nicht ausgerechnet ich jemanden erschießen. Einen Jungen, ein Mädchen, eine Frau oder einen Mann, jemanden, den ich nicht mal kenne, den ich noch nie gesehen oder von dem ich noch nie gehört habe.‘ Das wollten sie alle nicht, die Milchgesichter in Uniformen, die wir, ihre potentiellen Opfer, freundlich „Grenzer“ nannten.

Wenn ich mit den wenigen Jungs, die in Venzka noch wohnten, am Rande des Dorfes Fußball spielte, mussten wir immer aufpassen, dass der Ball nicht zu weit wegflog. Weil mitten durch Deutschland auch noch Minen im Gras lagen. Manchmal weckten sie mich nachts auf. Zum Glück musste ich aber nie wirklich erleben, dass eine einen Menschen zerfetzte. Meistens war es nur eine „Fehlzündung“ oder eine „dumme Kuh“. Mehr durften die Grenzer ja am nächsten Tag nicht sagen. Und ich? Wollte es gar nicht wissen. Muh? Warum nicht? Als Kind bleibt das Licht lieber an, der Keller lieber zu, das Leben lieber ewig am Fenster über Deutschland. Dort reichte mir schon das, was ich vor mir sah. Und hörte: das Bellen der Schäferhunde:

„Wau! Wau!! Wau!!!Wau…“

Irgendjemand aus dem Dorf hatte mal erzählt, sie bekommen nur alle drei Tage etwas zu fressen. Ich wusste nicht, ob das stimmt, aber sie hörten sich immer so an wie hungrig genug gehalten, um jederzeit – in der Grenzersprache gesagt – einen Menschen zu „stellen“. Mit einem Biss ins Bein oder einem Sprung ins Genick des Jungen, des Mädchens, der Frau, des Mannes, der es mit oder sogar ohne Passierschein bis hinter den ersten Zaun geschafft hat. Danach begann der „Todesstreifen“. Ab da half nur noch rennen … Hunde im Genick? Eine Kugel in den Rücken? In den Bauch? Mitten ins Herz? Oder doch daneben?

Weil ein Milchgesicht in diesem Augenblick vielleicht zum Mann geworden ist? Das alles und noch viel mehr, wusste man erst, wenn man hinter dem zweiten dreimal so hohen Zaun, im Westen Deutschlands, Europas, der Welt oder, einfacher gesagt, frei war. Und das war das Geniale an einer Oma im „Grenzgebiet“. Ich konnte auch ohne gleich erschossen oder erbissen zu werden, hinter den Eisernen Vorhang schauen. Viel sah ich nicht, aber das wichtigste schon: Auf meiner Seite standen Wachtürme, leuchteten mir Scheinwerfer entgegen, explodierten „dumme Kühe“, bellten die Schäferhunde nachts nach Futter. Und auf der anderen Seite? Dort, wo die bösen „Kapitalisten! Imperialisten!! Faschisten!!! und Kriegstreiber!!!!“ Regie führten? Dort stand an einer fernen Landstraße nur eine einsame Straßenlaterne.

Und wenn ich die Jungs ab und zu fragte, ob sie wenigstens von ihren Wachtürmen aus schon mal jemand gesehen haben, von denen, die angeblich Gewehr bei Fuß stehen, um uns zu überfallen, feixten die meisten nur stumm vor sich hin. Der Unterschied zwischen „beschützen“ und „bewachen“ wurde mir so schon ziemlich zeitig klar. Aber noch nie so klar, wie an diesem Abend, am Küchenfenster meiner Oma, beim Blick auf das Ende meiner Welt: Bis hierher und nicht weiter! Sonst wirst du gestellt, erbellt, erbissen oder erschossen. Warum? Wieso?? Weshalb??? Weswegen????

Ich war damals gerade zehn, ich wusste nur: So ist es eben, geboren hinter dem Eisernen Vorhang, im „Kommunistischen Lager“, dem größten lebenden Gefängnis das Menschen jemals errichtet hatten. Es erstreckte sich über 4 Kontinente und 12 Zeitzonen. Sogar für immer und ewig, wie es schien. Dass der Eiserne Vorhang jemals wieder fallen würde, glaubte 1973 jedenfalls schon lange niemand mehr…….So war es damals. Keine guten Aussichten, schon gar nicht, wenn man sein ganzes Leben noch vor sich hat. Erst wenn man in Rente ging, durfte man auch lebend ‚rüber‘, wie wir immer sagten.

FP: Trotzdem nahmst du dir schon mit 1o Jahren, vor: Noch bevor der Eiserne Vorhang fällt, bin ich schon auf allen 5 Kontinenten gewesen.

TP: Ja, das war der Traum . Der große Traum von Freiheit.

FP: Aber dazu musstest du erstmal erwachsen werden. Wie war es damals in Dresden? Was prägte den Zeitgeist der Leute in Deinem Alter? 

TP: Also, der Hauptunterschied zwischen den Dresdnern und dem Rest der ‚DDR – Bürger‘ war, dass wir immer nur die Propaganda der Kommunisten empfangen konnten.

FP: Das Tal der Ahnungslosen.

TP: Dafür werden wir heute noch ausgelacht, aber ich glaube, dass hat uns am Ende auch geholfen. So mussten wir uns jeden Tag unsere eigene Meinung bilden. Und die war immer das ganze Gegenteil von der, der wir jeden Tag ausgesetzt waren. So vergeudeten wir unsere Freizeit auch nicht vor dem Fernseher, sondern teilten sie lieber schon ziemlich zeitig mit Freunden auf der Straße. Oder in den Diskos der Stadt. Das waren zwar nur wenige und man kam nur schwer hinein, aber wenn, dann war es immer lustig.

FP: War also doch nicht alles schlecht?

TP: Naja, solange die Musik aus dem Westen kam. Obwohl es eigentlich verboten war, aber die DJ’s hielten sich nie daran. Bonney M, ABBA, Modern Talking, ACDC und später dann auch Punk.

Gab es auch Ost-Bands, die beliebt waren?

TP: Ja, klar. Am beliebtesten wahrscheinlich die Puhdys, und City natürlich, mit ‚Am Fenster‘, dem ersten Hit der aus dem Osten kam. Auch das gehört dazu, wenn man heute zurückblickt. Deshalb sage ich immer: Es war wirklich nicht alles Scheiße. Ich meine, das war unsere Kindheit, unsere Jugend unser ganzes erstes Leben. Und darin war wirklich nicht alles Scheiße. Aber? Scheiße, war es schon. Eingemauert in der ‚DDR‘ für ‚Die Dümmsten Regieren!‘ An manchen Tagen haben es die Kommunisten nicht einmal geschafft, uns ausreichend mit Klopapier zu versorgen. Und wenn doch? War der beste Witz darüber: Warum ist das Klopapier hier so grob? Damit auch der letzte Arsch noch rot wird.

FP: Die Gefahr bestand bei dir nicht mehr.

TP: Eigentlich bei niemandem. In meinem Freundeskreis, und der war damals groß, war keiner, der für die Kommunisten irgendetwas übrighatte. Außer Hass vielleicht. Wir waren ja die erste Generation die in Deutschland hinter Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen geboren und groß wurde. Das macht uns so einmalig. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatte eine Regierung ihr eigenes Volk bei lebendigem Leib eingemauert und jeden, der rauswollte, auf der Flucht erschossen. Damit musst du erstmal klarkommen.

FP: Wie schafft man das?

TP: In dem man es verdrängt. Man redete sich das Unnormale lieber normal und richtet sich dann darin ein. Am beliebtesten mit Alkohol. Die ‚DDR‘ war ja auch eine große Saufanstalt. Wie in jeder gut funktionierenden Diktatur war ‚Alk‘ immer und billig zu haben.

Zum Glück habe ich mir nie viel aus Schnaps gemacht. Sonst wäre ich heute wohl schon so tot, wie viele aus unserer Generation.

FP: Am Anfang warst du damit noch allein, aber das war schnell vorbei. Schon mit 15 triffst du die Liebe deines Lebens, mit der du deinen Traum von Freiheit zusammen wahrmachen willst.

TP: Katrin war sogar erst 14. Aber bei mir war es Liebe auf den ersten Blick.

FP: Wie lebte es sich damals als so junges Paar, wenn man unangepasst war?

TP: Ich sag mal, Gefühlen ist es relativ egal, ob sie ich vor oder hinter Stacheldraht austoben. Sind sie einmal da, kann man nichts mehr dagegen tun. Wir lebten unsere Liebe und liebten unser Leben so gut es damals ging. Was wirklich nicht so einfach war, im „langweiligsten Land der Welt“, wie die ‚DDR‘ ja auch genannt wurde.

Dort fiel jeder auf, der aus der Reihe fiel. Anfang der Achtziger waren wir noch Hippies, trugen lange Haare, ausgewaschene Jeans und hörten Neil Young oder die Doors. Für die Kommunisten war das alles ‚feindliche Propaganda‘. So gab es immer wieder Ärger mit ihnen und ihrer Stasi.

Die schönsten Abwechslungen waren aber immer die Reisen in die anderen Baracken des Kommunistischen Lagers. Bis durch nach Bulgarien, ans Schwarze Meer. Am beliebtesten war dabei Ungarn. Weil es dort schon am westlichsten zuging. Allerdings war es nie sicher, ob man die Genehmigung bekam. Aber zusammen schafften wir es mal bis Budapest, wie immer damals als Tramper unterwegs und hatten Megaglück, dass dort gerade Kraftwerk spielte. Unser erstes Rockkonzert in einem Stadion. Auch noch mit einer West-Band. Unvergesslich.

FP: Ähnlich wie die Geburt eures Sohnes, Paul. Ihr wart ja damals immer noch jung.

TP: Ja, gerade erst 19. Aber auch das war im ‚langweiligsten Land der Welt‘ normal. Sex war das einzige, was die Kommunisten nicht kontrollieren konnten. Viele unserer Freunde wurden damals so jung Eltern.

FP: Irgendwann stelltet ihr dann einen Ausreiseantrag. Was ging dem voraus?

TP: Es gab immer mehr Schwierigkeiten mit den ‚stattlichen Organen‘. Bis hin zu einem Abend, an dem die Stasi selbst an die Tür klopfte. Es war nur ein guter Zufall, dass ich nicht mitmusste. Danach war klar, wir hauen ab. Auch wegen Paul. Ihm wollten wir eine rote Zukunft erst recht ersparen.

FP: Und mit einem Ausreiseantrag war das möglich?

TP: Er war die einzige Chance, lebend rauszukommen. Wir wussten es, weil Ende 1983 immer mehr Menschen in Ostdeutschland einen ‚Ausreiseantrag‘ bei den zuständigen Stellen der Abteilung Inneres abgaben.

Es ging das Gerücht herum, dass die Kommunisten wieder knapp bei Kasse sind. Sie brauchten dringend ‚Valuta‘, wie sie das Geld des ‚Klassenfeindes‘ am liebsten nannten. Um es zu bekommen, sollte Honecker dem Westen versprochen haben, alle aus der ‚DDR‘ rauszulassen, die einen Ausreiseantrag stellen würden. Ob das stimmte, oder nicht? Auch das wusste, wie immer, keiner.

Aber seitdem das Gerücht herumging, wurden es nicht nur in Dresden immer mehr, die sich die Chance nicht entgehen lassen wollten, noch vor der Rente lebend ‚rüber‘ zu kommen.

‚Lieber von den Kommunisten verkauft als erschossen‘, so war die Meinung vieler.

FP: Wie sah euer Alltag in der DDR nach der Beantragung der Ausreise aus?

TP: Wie alle ‚Antragsteller‘ auch, waren wir danach Freiwild. Oder ‚Verräter‘, wie sie am liebsten sagten. Sie konnten uns jeder Zeit abholen und einsperren. Meistens verlor man dann seine Arbeit, oder, wenn man schon gekündigt hatte, die Ausreise aber geplatzt war, fand man nur ganz schwer wieder eine neue. Die brauchte man aber.

Sonst konnte man jederzeit verhaftet werden. Ich kann deshalb in meine Biographie auch eine Zeit als Friedhofsgärtner schreiben.

FP: Als die Aufforderung der Ausreise für Dich kam, war die Lage für Dich ziemlich dramatisch – wie hast Du diese Stunden erlebt?

TP: Die haben wir ja zusammen erlebt. Wir wollten ja nur zusammen raus. Aber die Kommunisten hatten damals andere Pläne. Sie trennten die Familien um für jeden einzeln abzukassieren. Ich hatte noch um einen Aufschub gebeten, weil Paul drei Tage später seinen ersten Geburtstag hatte, aber sie sagten nur: „Wenn Sie bis 0 Uhr nicht raus sind, kommen wir Sie holen.„

FP: Du bist dann direkt nach Westberlin ausgereist. Wie erlebtest Du die erste Zeit in Freiheit?

TP: Völlig zerrissen. Einerseits endlich frei, anderseits sogar noch abhängiger von den Kommunisten als bisher. Wie lange die Zeit der Trennung dauern würde, wusste damals ja niemand. Auch „Für Immer“ war möglich. Die Genossen konnten machen was sie wollten, man hatte keinen Einfluss.

FP: Wie meistert man so eine Ausnahmesituation, zumal in einer völlig neuen Welt?

TP: Man geht erstmal zum Doktor.

FP: Welcher Doktor kann da denn helfen?

TP: Naja, ich sage immer: ‚Deutschland war ein Irrenhaus und wir kamen aus der geschlossenen Abteilung‘. Da blieb nur der Nervenarzt.

In Westberlin gab es damals zwei, die sich den Job, die ‚Ausreiser‘ zu behandeln, teilten. Ihre Namen kannte jeder unter uns.

Die meisten freuten sich immer auf die Termine. Bei ihnen konnte man sich seine Probleme mit der plötzlichen Freiheit vom Herzen reden. Die Diagnose danach war immer die gleiche: ‚Ostkoller.‘ Das hatte auch den Vorteil, dass man damit erst mal arbeitsunfähig geschrieben war. Das brachte etwas Ruhe in die schwierigen Phasen der Eingewöhnung.

FP: Wie hat sich in dieser Zeit der Kontakt zu deiner Familie gestaltet und wie lange wart ihr getrennt?

TP: Zum Glück hatten meine Eltern in Dresden Telefon. So haben wir jeden Sonnabend 16 Uhr telefoniert. Wie lange, entschied die Stasi, die jedes Gespräch mithörte. Immer solange, bis es plötzlich ‚Klick‘ machte und es beendet war. Blieben noch Briefe. Die landeten auch bei der Stasi.

Allerdings waren es längst zu viele. Getrennte Familien wie uns gab es damals hunderttausende. Manche kamen an, andere bleiben für immer verschwunden.

FP: Sehen konntet ihr euch in dieser Zeit nicht?

TP: Doch. Alle ‚Ausgereisten‘ hatten zwar Einreiseverbot in ihre alte Heimat, aber sie konnten in die anderen Länder des Ostens zu einem Treffen mit ihren Liebsten reisen. Am einfachsten in die CSSR. Dafür brauchten die Ostdeutschen kein Visum. Trotzdem war es nie sicher, ob Katrin auch aus dem Zug stieg.

Ich habe mir so manches Mal allein im Doppelbett eines Prager Hotels die Trauer und die Ohnmacht von der Seele saufen müssen.

FB: Am Ende wolltest du sogar eine große Entführungsaktion für deine Familie machen.

TP: Ja, das hätten die Kommunisten verdient. Es stand ja gerade wieder der Geburtstag ihrer Republik bevor. Die zwei Typen waren schon ausspioniert, das Versteck schon vorbereitet. Aber dann kam mal wieder alles ganz anders.

FP: Kannst Du Deine damaligen Emotionen schildern – in dem Moment, als die Nachricht kam, dass Katrin und Paul ausreisen durften?    

TP: Mir ging es damals wie ihr. Es ist nicht zu beschreiben. 2 Jahre, 2 Monate und 28 Tage und Nächte waren so plötzlich zu Ende als wären sie nie passiert. Ich muss immer noch heulen sobald ich daran denke.

FP: Irgendwann bist Du zum Schreiben gekommen und hast Dich in Deiner journalistischen Arbeit immer weiterentwickelt. Von der TAZ kamst du zum Stern und zu Spiegel-Special, du warst Reporter bei dem damals bekannten Politmagazin „Kennzeichen D“ und du hast die ‚Chronik der Wende‘ mitgemacht, die den Grimme-Preis in Gold bekommen hat. Wie kam es zu all dem?

TP: Ich wollte immer schon wissen woran das alles lag, wie konnte es soweit kommen? Dass andere Menschen so viel Macht über einen selbst haben können? Also wollte ich Journalist werden. Obwohl ich damals schon einen sicheren Job hatte. Als Bühnentechniker an der Berliner Schaubühne. Aber als die Wende losging kündigte ich und wurde quasi über Nacht TAZ-Reporter.

Die waren damals froh, dass sie mich gefunden hatten, weil sie keine Ahnung vom Osten hatten. Von dort aus startete ich dann meine Karriere vom Friedhofsgärtner zum Grimme-Preis-Autor. Aber trotzdem war ich nicht glücklich dabei. Ich meine, nach all dem, was man mit ihnen so erlebt hatte, hätte ich die Genossen eigentlich nur mit der Maschinenpistole interviewen dürfen. Sie hatten sich ja nicht mal aufgelöst. Nur umbenannt.

Von SED in PDS, die heute die Linke heißt. Ich glaube, ich habe Gysi damals sogar als erster ins Fernsehen gebracht. Statt ins Gefängnis. Wo er und seine ganze rote Bande eigentlich hätten landen müssen. Aber anders als nach 1945 mit der Entnazifizierung hat es nach 1989 eben keine Entkommunistisierung in Deutschland gegeben.

Obwohl ich mir als Journalist wirklich Mühe gegeben habe, aber am Ende war die Zeit wohl noch nicht reif. Außerdem, tief in mir drin ahnte ich immer schon, dass ich das alles eines Tages mal aufschreiben werde. Ich musste nur den richtigen Platz dafür finden. Am besten ganz weit weg von allem.

FP: Der wurde dann Australien. Wie hat Dich diese Zeit geprägt?

TP: Sehr. Ähnlich wie die Zeit im Osten. Nur andersherum. Das ist wirklich eine andere Welt.

FP: Was würdest du sagen, welcher der größte Unterschied ist?

TP: Ich glaube, das ist der Unterschied in der Art, das Leben zu betrachten. Für einen Aussi ist das wichtigste im Leben seine Freiheit. Die ist das letzte, was er aufgeben würde. Und für einen Deutschen? Ist das letzte, was er aufgeben würde, seine Sicherheit.

Das macht uns so verklemmt. Deshalb war ich froh, dass ich in Australien auch das Gegenteil davon als Lebenserfahrung mit auf den Weg bekam.

FP: Der hat dich inzwischen wieder zurück in deine alte Heimat Dresden geführt – eine Stadt, die seit wenigen Jahren in allermunde ist, aufgrund der politischen Situation im Land. Wie siehst Du heute, mit deinen Erfahrungen in den Medien wie der Politik, die aktuelle Lage?

TP: Es musste alles so kommen. Obwohl ich eigentlich dachte, wenn ich zurückkomme, wäre das meiste schon passiert. Aber im Gegenteil. Politisch wie medial hatte sich nicht viel verändert. So sind in Deutschland auch nicht die Ausländer das größte Problem, sondern immer noch wir Deutschen.

Und warum? Weil wir schon lange keine mehr sind. Und warum sind wie keine mehr? Weil jeder Versuch darüber nachzudenken, was Deutsch sein eigentlich bedeutet, sofort von den Üblichen mit dem Üblichen abgewürgt wird. Deshalb sagen ja vor allem die Menschen im Osten, sie sind nur von einer Ein Parteien – Diktatur in eine Mehrparteien -Diktatur gewendet.

In der eine Minderheit der Mehrheit schon wieder vorschreiben will, wie sie denken und reden soll. Vor allem, wenn es um uns, also Deutschland und unsere Rolle in Europa und der Welt geht. Pegida war da nur der Funke, der den Widerstand in Bewegung brachte. Den einen macht das seitdem Angst, den anderen Mut.

FP: Und dir?

TP: Wohl beides. Mut, weil es immer mehr werden, die in Deutschland etwas ändern wollen. Angst, weil wir darüber immer noch so zerstritten sind.

FP: Bist du auch deshalb in die Politik eingestiegen?

TP: Ja. Um uns endlich zu vereinen. Unter einem Dach: Deutschland. Das ist unsere Heimat, ob wir wollen oder nicht. Sogar in Australien konnte man das nie vergessen. Deshalb habe ich bei Pegida meinen ‚Dresdner Brief an alle Deutschen‘ vorgelesen.

FP: Seitdem bist du geächtet.

TP: Das stimmt. Auf der Straße habe ich damit nur Freunde gefunden, aber in den Medien nur Feinde.

FP: Trotzdem bist du weiter journalistisch tätig. Wie sieht ein typischer Arbeitstag heute bei Dir aus?

TP: Ich war und bin ja immer selbstständig unterwegs. Und wie jeder Selbstständige, mache auch ich alles selbst und das ständig. Erst ein Thema suchen, dann das Thema recherchieren, dann daraus eine Geschichte machen und dann die Geschichte verkaufen. Als Journalist geht dein Arbeitstag eigentlich 24 Stunden.

FP: Also keine Zeit für Hobbys?

TP: Doch, doch. Als Selbstständiger ist man ja auch sein eigener Chef. Und wenn DY-NA-MO! ruft, kann er schon mal freigeben. Dann geht es ab in den ‚K-Block‘ und das Leben ist nur noch ein Fußballspiel. Das war damals so und hat sich bis heute nicht geändert.

FP: Gibt es in der nächsten Zeit Projekte oder Pläne, über die Du schon etwas verraten kannst? 

TP: Vielleicht versuche ich es doch noch mal in der Politik. Aber das darf jetzt nicht Katrin hören. Da sagt sie gleich wieder: Scheidungsgrund.

FP: Dabei seid ihr doch immer noch nicht verheiratet. Nach fast 40 Jahren. Stimmt das?

TP: Naja, ich sag mal so: Heiraten war mir immer so egal, dass ich jeder Zeit auch ‚Ja‘ sagen würde. Aber bis dahin? Sagt Katrin immer: Ich habe wirklich einen Freiheitsfanatiker als Mann. Also vertrauen wir weiter auf die Kraft der Liebe. Nach 40 Jahren weißt du damit umzugehen: Wenn du sie nicht im Stich lässt, lässt sie dich nicht im Stich. Und wirklich wahr, es funktioniert.

FP: Danke für das Gespräch!

Hier der Link zum Buch. Das perfekte Weihnachtsgeschenk. Zum Fest der Liebe. Die Geschichte einer Liebe. http://www.1liebe2welten.de/

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