Geselliger Alkoholkonsum: Die Sucht nebenbei

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Hände mit Gläsern beim Anstoßen

Aus dem Trinken in geselliger Runde kann schnell ein Glas zuviel werden.

Wenn man sich eine Zigarette anmacht, weiß man, dass man davon mit hoher Wahrscheinlichkeit abhängig wird. Gleiches gilt für Medikamente und für sämtliche harten und weichen Drogen zwischen Marihuana und Heroin. 

Doch Alkohol? Klar, man weiß über Alkoholismus, hat vielleicht im eigenen Umfeld „echte“ Alkoholiker gesehen oder zumindest traurige Fernsehauftritte offenkundlich betrunkener Promis. 

Aber hier ein Sektfrühstück? Da ein Aperol beim Empfang oder eine Flasche Wein beim Filmabend mit den Mädels? Davon wird doch niemand zur Alkoholikerin, oder?

Leider doch – warum das geht und was man tun kann, haben wir für den folgenden Artikel zusammengetragen. 

Die einzige akzeptierte Sucht

Die Dosis macht nicht nur das Gift, sie macht auch die Sucht. Immer damit verbunden ist jedoch, wie gesellschaftlich akzeptiert eine Verhaltensweise ist. 

Stellen wir uns mal kurz vor, wir würden uns in geselliger Runde auf dem Tisch eine Line Kokain zurechtmachen und wegschnupfen – heruntergeklappte Kiefer sämtlicher TeilnehmerInnen wären wohl das mindeste an Reaktion; absolut niemand würde jedoch applaudieren oder gar dazu auffordern. 

Abseits entsprechender Kreise würde sich auch kaum jemand einen Joint drehen, den Kopf einer Bong füllen – und selbst Zigarettenrauchen wird immer häufiger zur schnellen Suchtbefriedigung zwischendurch, weil die Raucherinnenquote nur noch bei mageren 26 Prozent liegt und kaum einer die paar Zigaretten-Anhängerinnen seine Bude vollqualmen lässt. 

Dagegen richten wir nun den Scheinwerfer kurz auf Alkohol. Kommen einem diese Sätze nicht arg vertraut vor, hat man sie vielleicht nicht sogar schon selbst ausgesprochen?

„Wie, du trinkst heute nichts? Bist du krank?“
„Ach, komm schon, ein Glas noch, dann ist wenigstens die Flasche leer“
„Darauf erst mal ein Sektchen“
„Die Arme, die muss heute Auto fahren und kann nichts trinken“
„Noch ein Gläschen, dann stürzen wir uns mal ins Getümmel

Das Problem am Alkohol ist seine Einzigartigkeit, die in jüngster Vergangenheit immer stärker nach vorne tritt, wo die Zigarette als zweite gesellschaftlich akzeptierte Sucht in den Hintergrund gleitet. 

Kein anderes Rauschmittel als Alkohol hat eine derartige kulturelle Verwurzelung. Kein anderes Rauschmittel wird zu so unterschiedlichen Gelegenheiten gereicht und konsumiert oder ist Bestandteil vieler unterschiedlicher Speisen. 

Und das Schlimme daran ist, dass die dazugehörige Sucht längst nicht in solchem Maß erkannt und akzeptiert ist wie bei anderen Drogen. Wer einmal die Woche Marihuana raucht, wird von den meisten Menschen schon relativ negativ als Kiffer angesehen. Gleiches gilt für die meisten anderen Suchtmittel. 

Aber sind wir ehrlich: Selbst, wenn eine enge Bekannte jeden Tag ein Glas Wein tränke, würden wir doch nicht auf die Idee kommen, sie als Alkoholikerin abzustempeln, oder? Das machen wir doch erst dann, wenn jemand wirklich regelmäßig „zu“ ist oder in der Schwangerschaft trinkt. 

Und wir alle wissen ja auch schließlich dass regelmäßiger Weinkonsum ja angeblich gesund ist. 

Damit sind auch schon alle Grundlagen gelegt, die einer Droge Tür und Tor öffnen:

  1. Sie wird erst in hohen Dosen / bei sehr hohem Konsum überhaupt als Droge angesehen
  2. Sie gehört zu vielen gesellschaftlichen Anlässen ganz natürlich dazu
  3. Sie ist spätestens ab 18 frei verkäuflich
  4. Sie hat eine hohe kulturelle Bedeutung

Traurige Aufholjagd der Frauen

Apropos Alkoholiker. Das sind sowieso in den meisten Fällen Männer, schließlich weiß man das ja aus Statistiken. 

Doch wie so häufig hat sich auch hier, weitestgehend unbemerkt von der Gesellschaft, vieles in jüngster Zeit verändert.  

Es war der offizielle Drogen- und Suchtbericht 2017, der es ans Licht brachte: Frauen haben nicht nur generell beim Pro-Kopf-Konsum stark aufgeholt, sie sind auch bei echtem Suchttrinken nur noch wenige Prozente hinter den Männern angesiedelt. 

Der Grund ist nach Ansicht vieler Experten ziemlich lapidar. Für die meisten Männer war Alkoholkonsum immer mit „öffentlicher“ Geselligkeit verbunden. Wo jedoch immer mehr Kneipen sterben, immer weniger Vereine existieren, ging automatisch der Konsum zurück.

Umgekehrt war es bei Frauen meist eher eine privat-gesellige Angelegenheit, zu trinken. Daran hat sich nie wirklich etwas geändert. Und überdies ist „mit den Mädels weggehen“ heute eine quer durch alle Altersschichten beliebte und akzeptierte weibliche Freizeitbeschäftigung.

Gleichermaßen zielen auch die Herstellerfirmen seit wenigen Jahrzehnten immer stärker auf die Frauenschaft, lancieren frauenfreundliche Alkoholika, drehen entsprechende Spots. 

Gegensteuern, bevor es zu spät ist. 

Für viele Menschen beiderlei Geschlechts kommt deshalb die Offenbarung, dass sie ein Alkoholproblem haben, erst, wenn sie ein sehr deutliches „Absturzerlebnis“ hatten. Aufwachen, ohne zu wissen, wie man heimkam, peinliches Kollegengetuschel nach einer Weihnachtsfeier.

Tatsächlich beginnt Alkoholmissbrauch jedoch schon viel früher. Doch um ihn zu erkennen, muss man sich selbst prüfen: 

  • Alkohol steht häufig auf dem Einkaufszettel
  • Alkohol wird konkret für bestimmte Ereignisse eingeplant – je lapidarer diese Ereignisse („Feierabend“), desto schlechter
  • Es gibt weniger als drei alkoholfreie Tage wöchentlich. Egal wie gering die Tagesdosis auch ist
  • Man merkt, dass man unwillig reagiert, wenn man weiß, dass man in einer Situation nichts trinken darf (etwa, weil man zur Fahrerin für diesen Abend gewählt wird)

Wer hier häufig mit Ja antwortet, ist zumindest eine Risikoperson. Allerdings empfiehlt es sich, den Fragebogen der BZGA zu konsultieren, um genauere Erkenntnisse zu bekommen. 

Und sollte man zu der Ansicht kommen, dass man ein Problem hat oder auch nur auf dem allerbesten Weg dorthin ist, sollte man nicht zögern, einen Entzug zu beginnen – solche Maßnahmen sind nicht nur für „echte Alkis“, sondern besonders Personen, die den Tiefpunkt noch nicht erlangt haben. 

Doch wenn es soweit ist, gilt: Auf Profis vertrauen. Bedeutet, nicht irgendwelche obskuren Kuren, sondern einen anerkannten Experten wie die Betty Ford Klinik – keine andere Institution kann auf eine so lange Erfahrung in der Abhängigkeitsbehandlung blicken. 

Helfer für den Alltag

Alkohol kann ein Genussmittel sein, wenn man weiß, wie man ihn niedrigschwellig einsetzt. In diesem Sinne kann man, lange bevor harte Maßnahmen notwendig sind, bewusster damit umgehen:

  • Maximal zweimal Alkohol pro Woche
  • Bewusst ausgehen/feiern, ohne zu trinken
  • Keine Automatismen einschleifen lassen (Wein zum Abendessen usw.)
  • Grundsätzlich nicht alleine trinken
  • Alkohol nur anlassbezogen in geringen Mengen kaufen, keine Vorratshaltung
  • Auf hochwertige Getränke achten, die man mit echtem Genuss trinkt

Der Trick besteht darin, Alkohol wieder als Genussmittel anzusehen und zu nutzen, nicht als etwas das „einfach dazugehört“.

Bildnachweis: pexels.com

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