„Im Zweifelsfall muss das Geschäftliche warten“

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Mama und gleichzeitig selbständig sein – ein Modell, das Tausende Frauen im Land leben. Oft führen die eigene kreative Ader und der Wunsch nach zeitlicher Flexibilität zu diesem Lebensmodell.

So auch bei Madlen, die das Label „Ikuri“ führt und aus buntem Wachstuch – unter anderem – fantasievolle Fahrradtaschen in Mexico herstellen lässt.

Wie sie auf diese ungewöhnliche Idee kam und ihr Leben zwischen ihrer halbmexikanischen Familie, dem Alltag und der Firma gestaltet, erzählte sie uns im Interview. Und zeigt damit einmal mehr, was für spannende Frauen im Land wirken!

Lesen Sie mal:

FP: Madlen, euer Label „Ikuri“ steht für – unter anderem – Fahrradtaschen aus Wachstuch. Wie kam es zu dieser Idee, mit diesem Material zu arbeiten?

Ich habe mehrere Jahre in Mexiko gelebt und dort das mexikanische Wachstuch mit seinen farbenfrohen Retromotiven kennen- und lieben gelernt.

In Mexiko bestimmen die bunten Tischtücher das Straßenbild, weil sie an Essenständen allgegenwärtig sind. Und ich fand, man könnte aus diesem tollen Material mal irgendetwas anderes machen als nur Tischdecken…und dann kam mir die Idee mit den Fahrradtaschen.

FP: Hast Du selbst einen Design-Background oder war es ein kreativer Seiteneinstieg? 

Letzteres. Ich bin von Hause aus Kunsthistorikerin und habe viele Jahre im Kunstbetrieb gearbeitet, in Galerien, Kunstvereinen und in der Kulturabteilung des Goethe-Instituts in Mexiko. Ich habe zwar keine Design-Ausbildung, aber ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden, da ich immer mit Kunst, Design und Fotografie zu tun hatte.

FP: Ihr lasst in Mexiko herstellen – hat der Label-Name „Ikuri“ dazu eine Verbindung?

Ja. „Ikuri“ bedeutet in der indigenen Sprache „Huichol“ Mais,  und Mais hat für die Mexikaner eine mythische Bedeutung, er ist nicht nur ihr Grundnahrungsmittel, sondern laut Schöpfungsmythos auch die Materie, aus der sie erschaffen sind. Die Huicholes leben in Mexiko im Bundesstaat Jalisco, wo auch die Taschen produziert werden und wo ich zwei Jahre gelebt habe.

Eigentlich habe ich den Namen aber nicht wegen dem geographischen Bezug gewählt, sondern weil „Ikuri“ der Zweitname meines jüngeren Sohnes ist. Mein älterer Sohn findet sich auch im Ikuri-Logo wieder: sein Zweitname ist „Quetzal“, das ist ein Vogel aus dem mexikanischen Regenwald.

FP: Wie seid ihr auf die Geschäftsbeziehung zu Mexiko gekommen?  

Ich habe sechs Jahre in Mexiko gelebt, meine Kinder sind halbmexikanisch und die Familie meines Mannes lebt in Mexiko. Wir leben zwar schon seit fünf Jahren in Deutschland, haben aber auch beide Elternzeiten teilweise in Mexiko verbracht und während unseres letzten längeren Mexiko-Aufenthalts entstand die Idee zu den Fahrradtaschen. Ich war gerade in einem Prozess der beruflichen Neuorientierung und auf der Suche nach Inspiration. Und als ich eines Tages einen Taco an einem Strassenstand aß und auf mein Essen und die Tischdecke herabschaute…..

FP: Was – außer Fahrradtaschen – habt ihr außerdem im Angebot? Und: was ist der Renner bei den Kunden?

FahrradtascheAußer Fahrradtaschen (im Bild links) gibt es bei Ikuri große Umhängetaschen, die man als Reisetasche oder Sporttasche benutzen kann. Und wir haben auch Shopper, Kulturbeutel und Schultertaschen.

In Kürze wird es auch Fahrradtaschen für Kinder und Kinderrucksäcke geben.

Der Renner sind bis jetzt definitiv die Fahrradtaschen, darauf liegt aber auch unser Schwerpunkt im Marketing. Die großen Umhängetaschen sind auch sehr beliebt, weil sie so vielseitig einsetzbar ist,  vor allem jetzt im Sommer laufen sie gut als Badetaschen.

FP: Welches Produkt war das erste, was ihr entwickelt habt?

 

FP: Thema “Fahrradtaschen“ – seid ihr selbst begeisterte Radler?

Ja. Ich bin immer mit dem Rad und Kinderanhänger unterwegs. Wir haben kein Auto. Und mein großer Sohn, gerade 4 geworden, fährt jetzt auch schon selbst Fahrrad. Deshalb muss ich jetzt auch Kinderfahrradtaschen ins Sortiment einführen…(lacht)

FP:  Wie läuft der Prozess konkret ab – von der Idee zu einem Produkt bis zum Angebot im Online-Shop?

Das ist ein langer, langer Weg von der Idee bis zum Angebot im Online-Shop, der mich schon einiges an Nerven gekostet hat und immer wieder kostet.

Die Taschen werden in einer kleinen Nähwerkstatt in Guadalajara genäht. Die Prototypen habe ich vor Ort persönlich entwickelt. Aber solange die Kinder noch klein sind, habe ich nicht die Möglichkeit, für die Produktion immer rüber zu fliegen, also muss alles aus der Ferne gesteuert werden.

Ich habe eine Freundin vor Ort, die quasi meine rechte Hand und Supervisorin für die Produktion ist. Sie ist auch diejenige, die zu dem Wachstuchfabrikanten fährt und mir dann Fotos von den verfügbaren Mustern schickt, so dass ich auswählen kann.

Dann gibt es vor jeder Produktion einen Austausch von Hunderten Emails, WhatsApps und Skype-Sessions zwischen mir und ihr und den Produzenten, in denen alles ganz genau abgesprochen wird, und am Ende bin ich immer wieder überrascht, was ich bekomme. Und es dauert alles viel länger, als ich im Vorfeld dachte.

Die erste Fahrradtaschenproduktion kam am Ende der Fahrradsaison, nach wochenlangen Irrungen und Wirrungen durch den Dschungel der mexikanischen Exportbürokratie, und lag dann den ganzen Winter in meiner Wohnung.

Ich hoffe, das klappt nächstes Jahr  besser.

Außerdem improvisieren die Mexikaner gern und machen immer mal unverhoffte Änderungen. Wenn eine bestimmte Reißverschlussfarbe gerade nicht da ist, nehmen sie halt eine andere. Da ich die Taschen hauptsächlich online verkaufe mit Produktfotos, muss ich jedes Mal neue Fotos machen, weil die Taschen immer wieder anders aussehen, was sehr arbeitsintensiv ist, da ich alles selbst fotografiere und retuschiere.

FP: Auf eurer Homepage schreibt ihr, dass euch ein faires Miteinander mit euren Geschäftspartnern in Mexiko wichtig ist. Wie sieht das genau aus?

Das bezieht sich in erster Linie auf eine faire Bezahlung ihrer Arbeit und auf die Arbeitsbedingungen.

In der Werkstatt wird selbstbestimmt gearbeitet und in einer hierarchiearmen, kollegialen Arbeitsatmosphäre. Und es besteht nicht nur eine geschäftliche, sondern auch eine freundschaftliche Beziehung zwischen uns.

Durch den direkten Kontakt kann ich sicherstellen, dass das Geld in vollem Umfang bei den Produzenten selbst ankommt und nicht bei irgendwelchen Maquiladoras oder Mittelmännern hängen bleibt.

 

FP: Wer kauft bei euch so ein  (Familien, Frauen, Männer)?

Hauptsächlich Frauen. Oder Männer auf der Suche nach Geschenken.

FP: Du bist selbst Mutter, wie händelst Du den geschäftlichen Alltag – klappt es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Es ist schwierig und bringt mich immer wieder an meine Grenzen.

Im Zweifelsfall muss das Geschäftliche warten, die Kinder sind nur einmal klein, und diese Zeit mit ihnen möchte ich auskosten.

Genaugenommen war der Wunsch, mehr Zeit mit ihnen verbringen zu können, ausschlaggebend dafür, mich selbständig zu machen. Ich hatte im Vorfeld die Vorstellung, selbständig zu sein, bedeute flexibel und frei zu sein und habe es völlig unterschätzt, wieviel Zeit und harte Arbeit man hineinstecken muss und wie lange es auch dauert, bis es sich finanziell auszahlt.

FP: Wie sieht ein ganz normaler Tag bei Dir persönlich aus?

Ich arbeite im Homeoffice. Wenn ich die Kinder in die Kita gebracht habe, fahre ich wieder nach Hause und setze mich an den Schreibtisch. Ich persönlich finde es sehr schwierig, mich zu fokussieren und nicht vom Haushalt ablenken zu lassen.

In der Praxis sieht das dann so aus, dass ich irgendwie alles nebeneinander mache. Ich packe Pakete, während ich aufräume. Und telefoniere, während ich die Wäsche in die Maschine werfe. Wenn es zu chaotisch wird, schnappe ich mir meinen Computer und setze mich in ein Café.

Ich versuche meine Woche zu strukturieren, indem ich feste Tage für bestimmte Dinge habe, zum Beispiel jeden Freitag Buchhaltung, jeden Dienstag eine Taschentour zu den Fahrradläden, die mit mir kooperieren, und jeden Mittwoch mein „Mid-Week Retreat“ Yoga.

Die Nachmittage sind für meine Kinder reserviert. Dann gehen wir auf den Spielplatz oder fahren in den „Mauergarten“, das ist ein Gartenkollektiv, wo wir ein Hochbeet pflegen und Gemüse anbauen.

FP: Was für spannende Projekte sind als nächstes bei „Ikuri“ geplant?  

Wir wollen nach und nach unser Sortiment erweitern.

Im Moment sind wir dabei Sattelschoner im passenden Design zu den Fahrradtaschen einzuführen. Und dann – wie schon erwähnt – wollen wir Fahrradtaschen für Kinderräder anbieten.

Und Kinderrucksäcke stehen auch ganz oben auf unserer To do-Liste.

Und, und, und…Ich habe viel mehr Ideen als Zeit, sie umzusetzen.

Aber gut, immer langsam – oder wie man in Mexiko so schön sagt: Hay más tiempo que vida – Es gibt mehr Zeit als Leben.

Bildnachweis: Ikuri

http://ikuri-taschen.de/

 

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