„Meine Leidenschaft ist die Arbeit in der Werkstatt“

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Das Ergebnis ihrer Arbeit ist bei Theateraufführungen, in Filmen, in Museen und bei vielen weiteren Gelegenheiten zu bestaunen. Oftmals aber bleibt dem Zuschauer der hohe Aufwand und die viele Arbeit, die dahinter steckt, verborgen.

Die Rede ist von Maskenbildnern, ohne deren künstlerisch-kreative Arbeit Theaterstücke, Filme und Ausstellungen unvorstellbar wären.

Doch meist denkt man gar nicht so groß darüber nach, wie all diese individuellen Gebilde – die Masken –  entstehen. Natürlich kennt man den Beruf des Maskenbildners, aber womit sich die Frauen und Männer, die dieses Handwerk ausüben, wirklich tagtäglich beschäftigen, dürfte vielen Menschen nicht so bekannt sein.

Grund genug, dem einmal nachzugehen und zu erfahren, wie es hinter den Kulissen – im wahrsten Sinne des Wortes! – so zugeht.

Und wer könnte hier besser Auskunft geben, als eine erfahrene Maskenbildnerin?

Katrin Westerhausen (im Bild) übt diesen Beruf in Sachsen aus und gewährte uns im Rahmen eines Interviews spannende Einblicke in ihre Arbeit. Im Gespräch wurde außerdem klar, dass es große Unterschiede zwischen Maskenbildnern und Visagisten gibt.

Das soll deshalb Erwähnung finden, weil nicht wenige junge Mädchen gern den Beruf der Maskenbildnerin ergreifen möchten, sich aber oft nicht darüber bewusst sind, dass sie hier in einem Handwerksberuf  landen, der mit der Arbeit einer Visagistin (die viele Berufsanfängerinnen gern machen würden) eher weniger zu tun hat.

Dies und vieles mehr erfahren Sie im Interview mit Katrin Westerhausen – einer Maskenbildnerin aus Leidenschaft!

FP: Frau Westerhausen, wie sind Sie eigentlich zu dem Beruf der Maskenbildnerin gekommen?

KW: Blauäugig oder wie die Jungfrau zum Kinde…Vor meinem Studium war ich in der Werbeabteilung einer großen Projektierungsfirma beschäftigt und mit einem Tänzer der Semperoper befreundet.

Das Theaterleben habe ich als spannend und gleichzeitig entspannend erlebt. Das war sehr verlockend für eine Zwanzigjährige und so beschloss ich, mich nach einem Beruf am Theater umzusehen. Nachdem ich mir verschiedene Gewerke angeschaut habe, fand ich, die Arbeit des Maskenbildners wäre das Richtige für mich – mit Pinsel und Farbe konnte ich ja ganz gut umgehen.

Ich bewarb mich für das Maskenbildner-Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden und wurde glatt genommen.

FP: Wie muss man sich den Alltag einer Maskenbildnerin vorstellen?

KW: DER Alltag ist vielleicht nicht MEIN Alltag. Ich bin Freiberuflerin, betreibe mein eigenes Atelier und arbeite für Auftraggeber verschiedenster Art. Für Theater-Maskenbildner ist der Spielplan verpflichtend, die Freien leben meistens von Film und Fernsehen.
Ich habe in allen Bereichen gearbeitet und meine Leidenschaft ist inzwischen die Arbeit in der Werkstatt geworden.

FP: Mit welchen Materialien arbeiten Maskenbildner?

KW: Mit fast allem, was es zu finden gibt. Traditionell natürlich mit Pinsel und Schminke, von schön und gruselig. Aber auch Haare und Perücke zählen zum Berufsbild. Hier ist man gleichzeitig Friseur, Stylist und Perückenmacher, knüpft Bärte und näht Haarteile.

Jegliche Veränderungen des Darstellers muss man als Maskenbildner hinbekommen. Im meinem Fundus lagern deshalb auch Federn, Felle, Leder, falsche Zähne, künstliche Augen, Haare, Bärte und und und. In meinen Chemieschränken findet man Gips, Kunststoff und Silikon. Die Anfertigung falscher Nasen oder alter Gesichter ist halt sehr aufwändig und oft stehe ich mit Atemmaske und Kittel im Atelier, um Formen oder Objekte zu gießen.

FP: Dieser Beruf ist sehr vielfältig – was ist denn hier Ihr Lieblingsgebiet?

KW: Masken, Perücken und Figuren. Silikon ist mein Lieblingsmaterial. Nichts ist so flexibel und vielfältig einsetzbar, wie dieses. Es erzeugt die perfekte Illusion fast lebendiger Objekte.

FP: Welche Rolle spielt handwerkliches Geschick in Ihrem Beruf – sollte man dies schon mitbringen oder ist das auch erlernbar?

KW: Maskenbild ist Handwerk, dafür sollte man Leidenschaft und Ausdauer mitbringen, Kreativität ist Voraussetzung. An manchen Perücken habe ich 120 Stunden geknüpft, Haar für Haar. Ich benutze Bohr- und Schleifmaschinen und an meiner Werkzeugwand hängen Hämmer, Feilen und Zangen.

Wer sich davor fürchtet und ausschließlich mit Make-up und Lippenstift arbeiten möchte, sollte eine Ausbildung zur Visagistin ins Auge fassen. Fast alle Maskenbildner, die ich kenne, lieben ihr Handwerk. In 3 bis 4 Jahren Ausbildung kann man sich aber auch überlegen, welchen Weg man einschlagen möchte. Da gibt es so viele Möglichkeiten.

FP: An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

KW: Am 1. Februar hatte der wunderschöne Kinofilm „Die kleine Hexe“ nach dem Roman von Otfried Preußler Premiere, bei dem ich als Chefmaskenbildnerin tätig war. Gerade stand auch eine meiner Filmperücken in Vietnam vor der Kamera.

Bis Ende März arbeite ich mit Kollegen der Theaterplastik an hyperrealistischen Figuren für eine Ausstellung. Im April werde ich Airbrush – Kurse für Orthopädietechniker geben. Dazwischen restauriere ich historische Film-Masken. Und immer wieder überraschen mich neue Aufgaben.

FP: Der Beruf, den Sie ausüben ist gemeinhin sehr beliebt, viele Mädchen und junge Frauen würden gern Maskenbildnerin werden. Was raten Sie?   

KW: Schaut Euch den Alltag an! Versucht ein Praktikum am Theater zu ergattern, dann wisst ihr, welche Aufgaben und welche Zeiten euch erwarten. Informationen über das wirklich umfangreiche Berufsbild des Maskenbildners findet ihr im Internet, auch auf der Seite der Bundesvereinigung Maskenbild.

Wer viel Geld in kurzer Zeit verdienen möchte, ist hier falsch. Der Beruf verlangt Idealismus und viel Zeit. In Stoßzeiten bringe ich es auf 100 Stunden pro Woche.

FP: Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

KW: Ich stehe recht früh auf und erledige Dinge wie Bank, Emails und Zeitung lesen gern morgens. 10:00 ist Arbeitsbeginn im Atelier. Ab da gibt es ein Ende oft erst nach 22:00. Ruhige Wochenenden ohne Telefon verbringe ich natürlich auch ganz gern im Atelier. Dafür gönne ich mir ab und zu einen Tag mit Zettel sortieren oder mähe den Rasen.

Wenn ich am Set stehe, beginnt mein Arbeitstag gern 5:00. 10 Stunden pro Tag sind Standard beim Film, Arbeitszeiten bis 15 Stunden leider nicht die Ausnahme. Am Theater sind 40 Stunden pro Woche natürlich reguläre Arbeitszeit, das heißt aber auch, vormittags Werkstatt, abends Vorstellung. Flexibel muss man in diesem Beruf unbedingt sein. Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, ist hier vielleicht etwas komplizierter.

FP: Da Sie selbständig sind, gilt bei Ihnen sicher das Motto „selbst und ständig“. Was machen Sie, wenn Sie aber doch mal genügend freie Zeit haben, gibt es Hobbies?

KW: Ich zupfe beim Telefonieren gern im Garten Unkraut und nenne das Hobby (es gibt inzwischen weder Klee noch  Löwenzahn im Rasen).

Wenn ich mir frei nehme, baue ich meistens irgend etwas anderes. Dann nehme ich mir Zeit für Planung und Kalkulation und bin unheimlich stolz, wenn der Rollrasen liegt oder die Möbel verschraubt sind. Außerdem laufen mir ständig irgendwelche Vierbeiner zu, die dann viel Aufmerksam und Pflege fordern.

Nichtstun fällt mir schwer, aber ich würde es gern einmal probieren.

Mehr zur Arbeit von Katrin Westerhausen finden Sie hier. 

Bildnachweis / Copyright: Katrin Westerhausen

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