(N)Ostalgie im Buchdorf – Ausflugstipp!

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Pile of old antique and yellowed books with a magnifying glassMärchenbücher aus meinen Kindertagen und Kinderbücher aus tiefsten DDR-Zeiten….Es war wie eine kleine Reise in die Vergangenheit, als ich dieser Tage in Deutschlands einzigem Bücherdorf – dem Buchdorf Mühlbeck-Friedersdorf – vorbeischaute. Vorgenommen hatte ich mir das schon lange, irgendwie ergab es sich nie.

Bis vor einigen Tagen, als ich dort in der Nähe zu tun hatte und spontan beschloss, mir diesen kleinen Ort, der lange Zeit schon als „1.Buchdorf Deutschlands“ gilt, einmal anzusehen.

Mühlbeck-Friedersdorf liegt am Rande der Dübener Heide, kurz vor Bitterfeld – der Stadt, die einst die dreckigste Europas war.
Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Wo früher riesige Bagger rund um die Uhr Braunkohle förderten, glitzern heute große Seen und auch sonst erinnert nichts mehr an das einstige stinkende „Chemie-Gebiet“, das diese Gegend früher einmal war.

Vorbei an dem gefluteten Tagebau, der sich heute „Goitzsche“-See nennt, geht es Richtung Mühlbeck-Friedersdorf, eine eher unscheinbare Straße führt direkt hinein in das beschauliche Örtchen, in dem Leseratten das Herz aufgehen dürfte.

Gleich das erste Anitquariat – das Bücherdorf besteht ausschließlich aus Antiquariaten – wartet mit großen, regengeschützten Bücherregalen im Freien, auf einem Hof, auf. Ein Blick dorthinein und alles wirkt wie aus der Zeit gefallen – auch die Videokassetten mit den Kindermärchen, die auf einem separaten Regal platziert wurden.

Wie es sich für Antiquariate gehört, werden hier Bücher aus vergangenen Zeiten gehandelt – neue Ware ist hier nicht angesagt.

Ein großer Teil – so jedenfalls mein Eindruck – entfällt dabei auf DDR-Literatur. Wer sich bereits in Zeiten des kalten Krieges für Literatur interessiert hat, weiß, dass das sozialistische Land durchaus eine beachtenswerte „Bücher-Szene“ (wenn man das mal so ausdrücken darf) vorzuweisen hatte. Nicht selten standen meine Eltern in unserer kleinen Heimatstadt, aber auch bei Kurztrips in andere Städte, in Buchläden nach besonderen Exemplaren lange und geduldig an. Wie es halt so üblich war im damals „anderen Teil Deutschlands“.

Das führte dazu, dass ich schon als Kind sehr viele Bücher geschenkt bekam und mich früh für das Lesen interessierte – bis heute ist das so.

Im Buchdorf Mülbeck-Friedersdorf begegneten sie mir fast alle wieder – die literarischen Begleiter meiner Kindheit, viele davon aus dem Kinderbuchverlag Berlin.

Ich blieb hängen in dem Antiquariat „Alte Schule Gödicke“ und vom „Jan, der Angst vorm Zahnarzt hatte“ über „ Ilja Moremez und der Räuber der Nachtigall“ bis „Dolch Kralle“ waren dort viele literarische Kinderklassiker, die nicht wenige DDR-Kinder seinerzeit liebten und begehrten, vertreten.

Dazu passte, dass das Antiquariat selbst irgendwie auch DDR-Charme ausstrahlte. Das ist jetzt gar nicht negativ gemeint sondern machte das (n)ostalgischeFlair dort nur komplett. Auf eine angenehme Art und Weise.

Ich musste schmunzeln, als ich desweiteren viele Kochbuchklassiker aus der Zeit unter Honecker entdeckte – diese kamen meist aus dem „Verlag für die Frau“ und noch heute stehen einige davon in meinem privaten Kochbuchregal, noch von meiner Mutter.

Wer den Kochkünsten der Frauen in Zeiten des „kalten Krieges“ nachspüren und sich dafür Original-Rezepte besorgen möchte – hier im Buchdorf wird er fündig.

Freilich ist nicht nur DDR-Literatur vorhanden, auch das gesamte Literatur-Spektrum aus West- bzw. dem vereinten Deutschland wartet in Mühlbeck-Friedersdorf auf Leseratten. Vom Krimi über die Biographie bis zum trockenen Sachbuch – alles da! Wer mag, kann sich mit Reiseführern und – im heutigen Zeitalter altbacken wirkenden – Frauen- und Modezeitschriften („Irene“) aus der ehemaligen BRD eindecken.

Mir erging es im Buchdorf so, wie es mir meist auch auf Flohmärkten ergeht: hat man erst mal was Interessantes entdeckt, geht es gleich Schlag auf Schlag weiter und man kommt gar nicht mehr raus aus dem „beiseite legen“ von Dingen – hier: Büchern – die man sich mitnehmen möchte.

Mir hat es an diesem Tag – vielleicht war das (n)ostalgische Flair daran schuld, ich weiß es nicht – Literatur aus den Tagen der unseligen Berliner Mauer und des Wendegeschehens 1989, und darüber hinaus, angetan. Auch ein Sachbuch zum Thema „Mittelalter“ fand mein Interesse und wanderte mit auf den ausgesuchten Stapel.

Bepackt mit sieben Büchern schritt ich zu dem älteren Herrn, der – eingerahmt von vollen Bücherregalen – hinter einem Schreibtisch saß und wohl der Inhaber war. Wohlwollend nickend schaute er meine getroffene Auswahl durch und notierte sich die Preise, die er am Ende in einen Taschenrechner tippte. „Woher ich komme?“ – fragte er mich und als ich „aus Leipzig“ antwortete, sagte er: „das sind die treuesten Besucher des Buchdorfes!“.

Na, das hörte sich doch gut an! Und weil der nette Herr wohl nur gute Erfahrungen mit den Leseratten aus Sachsen gemacht hat, gab er sogar noch einen kleinen Rabatt auf meinen Schwung Bücher….Nun denn – ein schöner, lohnenswerter Ausflug war das!

Sehr zu empfehlen für Bücherwürmer oder die, die es werden wollen! Und wer von weiter her anreist, dem sei der angrenzende Nationalpark „Dübener Heide“ empfohlen. Herrliche Natur und diverse Ausflugsziele locken!

Bei schönem Wetter kann man so seine Ausbeute aus dem Buchdorf ja gleich mal durchschmökern – idyllische Plätze bietet das große Heidegebiet mehr als genug!

http://www.anhalt-bitterfeld.de/de/im_buchdorf_muehlbeckfriedersdorf.html
http://buchdorf.com/

Bildnachweis: Fotolia, https://de.fotolia.com/id/65567639

Datei: #65567639 | Urheber: Spiber.de

 

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