…Kerstin Lange geht ihren eigenen Weg.

Astrid Korten interviewt die Autorin  Kerstin Lange

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Kerstin Lange sieht mich bei der Begrüßung an. „Muss ich jetzt besonders achtsam sein?“, fragt sie und lächelt.

(Nein, ich beiße doch nicht, obwohl ….:-) )

Sie ist gut gelaunt, nach 21 Jahren Ehe hat sich das „verliebt sein“ in etwas Beständigeres gewandelt und das Geheimnis einer langjährigen Ehe heißt für sie Vertrauen, über sich selbst lachen können, das Vermeiden von Langeweile, sich nicht für den anderen aufgeben, aber sich auch nicht so wichtig nehmen. (wie wahr)

Die Autorin Kerstin Lange wurde in Bergneustadt, einer Kleinstadt im Oberbergischen Land bei Gummersbach geboren. Aufgewachsen ist sie im Sauerland, danach zog sie einige Male um und hat viele Jahre am Niederrhein gewohnt. Für sie bedeutet Heimat kein Ort, sondern dort, wo sie ihre Lieben um sich hat. Am Meer fühlt sie sich allerdings am wohlsten. Ihr Traum ist es, irgendwann am Atlantik zu leben und zu schreiben. Am liebsten an der Algarve, dort fühlt sie sich immer heimisch. Im Moment lebt die Autorin in Speyer.

AlgarveKerstin Lange hat schon immer lieber gelesen, als draußen mit anderen zu spielen. Allerdings kam ihr der Gedanke Schreiben zum Brotberuf zu wählen nie in den Sinn. Es blieb bei Tagebuchschreiben.

Erlernt hat sie einen klassischen kaufmännischen Beruf, sich weitergebildet und viele Jahre als Bilanzbuchhalterin gearbeitet.

Erst als ihre Tochter aus dem Haus war, beschloss sie eine andere Richtung einzuschlagen. Sie besuchte Kurse für kreatives Schreiben, und begann mit Kurzgeschichten. Bislang sind über 50 Kurzgeschichten veröffentlicht, zwei Niederrhein-Krimis, ein kriminelles Kochbuch, sowie zwei Eifelkrimis und Stromschwimmern, ein Kriminalroman, der sich mit dem Zwangsdoping der ehemaligen DDR beschäftigt.

51EGW3PCuvL._UY250_Das Schreiben von Regionalkrimis findet sie besonders spannend, denn es setzt voraus, dass man sich eingehend mit der Geschichte und den Menschen einer Gegend auseinandersetzt.

Für einige ihrer Kurzgeschichten ist sie ausgezeichnet worden. Zu den schönsten Erlebnissen gehörte der erste Preis der Zeitschrift Maxi und S. Fischer Verlagen für den Wettbewerb „Der schöne Schein“. Der Preis war ein Wochenende für zwei Personen in Dublin, ein Interview mit Tana French, und natürlich die abgedruckte Geschichte (Andersartig) in der Frauenzeitschrift.

51E+zuH7u2L._UY250_Da es ihr mindestens genauso viel Spaß macht Geschichten vorzulesen wie zu schreiben, absolvierte sie eine Ausbildung zur professionellen Sprecherin. Zurzeit arbeitet sie an ihrem Demotape. Ihre beiden Eifelkrimis werden demnächst auch als Hörbuch erscheinen.

Aktuell schreibt sie wieder an einem Regionalkrimi, allerdings wächst eine Idee zu einem Thriller in ihr. Darüber möchte sie noch nicht soviel erzählen, doch das Thema hat wie bei Stromschwimmer einen politischen und sozialkritischen Hintergrund.

Die Ideen zu ihren Geschichten findet sie überall im Alltag. Auf der Straße, an der Kasse im Supermarkt, im Café. Sie beobachtet gerne, hinterfragt menschliches Handeln und ist immer auf der Suche nach dem „Warum“.

Die allererste Geschichte, die veröffentlicht wurde und für die die Autorin ein Honorar erhielt, war „Treffpunkt Gänsemännchenbrunnen“ aus „Nürnberger Morde“ (2009, Wellhöfer Verlag.)

Es folgten die Romane: Schattenspiel in Moll (2011), Aufgetischt und abserviert (2012), Stillleben blutrot (2013), Stromschwimmer (2014), Grasträume (2014) und im März 2015 Rebenfluch.

Freuen sie sich auf die Autorin Kerstin Lange.

AK: Bildung ist gut, Werte sind besser. Wenn Du die Wahl hättest: Lagerfeuergespräch mit Cindy von Marzahn oder Astrid Korten(ja, ich weiß, das ist gemein)? Warum?

„Ich möchte mit euch beiden am Lagerfeuer sitzen. Könnte ich mir interessant vorstellen. Außerdem bin ich neugierig, wie weit die private Cindy von der öffentlichen abweicht.“

AK: KeKerstin_lange_dublin_maxiine Angst vor der Konkurrenz?

„Nein. Ich finde den Begriff Konkurrenz auch nicht passend, zumindest nicht für mich. Wir sind alle Kollegen.“

AK: Wirst Du manchmal missverstanden?

„Häufig. Ich neige aber auch dazu, nicht alle meine Gedanken auszusprechen, weil ich glaube mein Gegenüber weiß ohnehin, was ich meine. Einfach weil es für mich selbstverständlich ist. Bin gespannt, wie es mit diesen Fragen so läuft.“

AK: Drei Begriffe, die Dich beschreiben?

„Ein wenig verrückt. Zielstrebig. Kompliziert. Herzlich. Unvorhersehbar. Neugierig. Huch, sind schon mehr als drei.“

AK: Was sollte auf deinem Grabstein stehen?

„Mein Geburts- und Sterbedatum. Das reicht. Alles andere fände ich unpassend.“

AK: Was treibt dich auf die Palme?

„Ungerechtigkeit und Dummheit.“

IMG_0161AK: Dein aktuelles Buch?

„Meine letzte Romanveröffentlichung war Rebenfluch, ein Eifel-Krimi (März 2015, Wurdack Verlag). Mein Protagonist Christof Maria Breuckmann will eigentlich mit seinem Wohnmobil an die französische Atlantikküste und stoppt nur kurz auf einem Campingplatz in der Eifel. Er gerät dort unverschuldet, und das zum zweiten Mal, in einen Kriminalfall.“

AK: Wie geht Du mit einer 1*-Sterne-Kritik um?

„Ich hinterfrage sie. Wenn es eine begründete Kritik ist, nehme ich sie an und versuche es beim nächsten Mal besser zu machen. Wenn es einfach nur ein Verriss ist, versuche ich, es nicht an mich heranzulassen. Dummerweise bleibt eine negative Kritik viel präsenter als zehn positive.“

AK: Vermitteln Deine Romane Einblick in Deine Arbeit oder sind sie ein Spiel mit der Wirklichkeit?

„Es ist immer ein Spiel mit der Realität. Was wäre, wenn … “

AK: Was macht Lust auf das große Abenteuer des Lebens?

„Die Ungewissheit. Man weiß nie, was als nächstes kommt.“

AK: Schon mal selbst eine kleine Sünde begangen? Ich höre?

„Jetzt erinnere ich mich an meine erste Beichte. Ich habe tagelang überlegt, was ich dem Pastor sagen könnte…“

AK: Hast Du Kinder? Wenn ja, Was sagen sie zur Mama als Autorin?

„Ja, eine Tochter, mittlerweile auch ein Enkelkind. Ich glaube, sie ist stolz.“

AK: Lesen sie deine Bücher?

„Die Tochter ja, das Enkelkind ist noch zu klein.“

51EGW3PCuvL._AA160_AK: Warum schreibst Du (Thriller, Romane, Kurzgeschichten)?

„Ich schreibe das, was ich am liebsten lese. Deshalb gibt es von mir auch keine Vampirbücher oder SF.“

AK: Dein Plädoyer für den deutschlandweit längst totgesagten Begriff Multikulti?

„Vielfalt statt Einfalt “

AK: Wird ein Ausländer einen andern Ausländer jemals wirklich verstehen, wenn die Seelen ihrer Kulturen sich gravierend unterscheiden?

„Mit Toleranz und Respekt lässt sich viel erreichen. Und man muss natürlich wollen.“

AK: Was glaubst Du, welche Formen der Orientierung brauchen wir heute?

„Toleranz und Respekt. Mehr Miteinander als Gegeneinander.“

AK: Welche Illusion lässt Du Dir nicht nehmen?

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“

AK: Definition von Leidenschaft?

„Herzblut.“

Mein HundAK: Ganovin oder Edelfrau? Warum?

„Ganovin. Ist doch viel aufregender …“ (Kerstins Hund ist Geheimnisträger? 🙂 )

AK: Ist Dein Leben eher ein Roman- oder ein Sachbuch?

„Definitiv Roman.…“

AK: Wie dürfen wir uns Deinen Schreibtisch vorstellen?

„Kommt darauf an, in welcher Schreibphase ich mich befinde. Wenn ich ein Projekt beginne, muss er sehr aufgeräumt sein. Währenddessen sieht er sehr chaotisch aus, was aber auch zum Entstehen des Romans dazu gehört. Es stapeln sich Fachbücher, bunte Post-its liegen herum, Zettel, auf denen ich mal eben einen Einfall notiert habe. Mein Mann wundert sich häufig, dass überhaupt etwas dabei herauskommt.“

Schreibtisch2AK: Wo auf Deinem Schreibtisch liegen die Büroklammern?

„Ich habe keine.“ (Wieso bekomme ich nie eine Aussage zu den Büroklammern? Ob das Foto fürs Interview gemacht wurde, kann ich nicht sagen, aber meine Hochachtung.)

AK: Dein Mittel gegen Müdigkeit?

„Powernapping. Wenn ich müde bin, muss ich nur kurz die Augen schließen, dann schlafe ich vielleicht fünf bis zehn Minuten und fühle mich danach wieder voller Energie.“ (muss ich mir mal merken)

AK: Entwickelt sich das Autorendasein zum Showgeschäft oder war das schon immer so? Wie geht man damit um?

„Bei Lesungen wünschen sich die Zuhörer Unterhaltung. Es reicht nicht, seinen Namen zu sagen, den Text vorzulesen und sich zu verabschieden. Man sollte mit dem Publikum in Kontakt zu sein. Aber ich denke, das war schon immer so.“ (so ist es, deshalb gibt’s bei mir keine stupiden Interviews)

AK: Heute werden Lesungen inszeniert. Würdest Du auf einer Lesung im Kampfanzug oder Dienstkleidung erscheinen?

„Klar komme ich, wenn es das Thema hergibt, auch verkleidet.“ (Das will ich sehen)

AK: Peinlich oder Erfahrungen sammeln?

„Ich trete oft in Fettnäpfen. Das ist manchmal sehr peinlich. Ich packe die Erlebnisse in den großen Ordner „Erfahrungen“ und verwende es irgendwann in einer meiner Geschichten.“

AK: Was darf ein Autor unbedingt nicht können?

„Keine Ahnung. Ich bin ein Mensch, der von allem ein bisschen versteht. Was ich allerdings gar nicht kann, und in diesem Leben auch nicht begreifen werde, ist alles rund ums Programmieren. Mit meiner Unkenntnis treibe ich regelmäßig die, die das für mich machen, in den Wahnsinn.“ (Hey Sister!)

51dNsFsiJrL._UY250_AK: Gott oder Teufel?

„Beides. Das eine kann nicht ohne das andere. Gut und Böse — der Grundgedanke unserer Arbeit. :-)“

AK: Die beste Entscheidung Deines Lebens?

„Meine Tochter, meine Ehe, mein Entschluss den Bürojob aufzugeben und stattdessen zu schreiben…“

AK: Wann wurdest Du das letzte Mal hinterhältig reingelegt?

„Weiß ich nicht. Natürlich ist mir das auch schon passiert. Aber das verdränge ich sehr schnell und versuche nicht weiter daran zu denken.“

AK: Wann angenehm überrascht?

„Vor Kurzem hat mir eine Kollegin ihre Hilfe angeboten. Das war eine überraschend positive Erfahrung.“ (AK: Ja, das ist toll, denn Loyalität ist für manche ein Fremdwort)

kerstin_mikro.jpgAK: Was hältst Du von der Entwicklung des Buchmarktes?

„Ich kenne viele Buchhandlungen, die um ihre Existenz kämpfen müssen. Als Mitglied der Bücherfrauen (www. Buecherfrauen.de) sehe ich, dass gerade die weiblichen Mitarbeiter in der Branche benachteiligt werden. Ich hoffe von Herzen, dass die Entwicklung hier nicht den gleichen Verlauf nimmt wie in Amerika.

AK: Magst Du E-Books? Warum?

„Ich finde E-Books als Erfindung toll und kann alle Vorteile gegenüber einem Buch nachvollziehen. Allerdings ziehe ich Bücher einem E-Book-Reader jederzeit vor.

AK: Welche Bücher befinden sich gerade auf Deinem Nachttisch?

„Denise Mina, Das Vergessen. Ich habe die Autorin auf einer gemeinsamen Lesung erlebt und sie und das Buch haben mir sehr gut gefallen.“

AK: Dein Hobby?

„Kochen. Musik hören. Menschen beobachten.“

AK: Musik beim Schreiben?

„Nein. Ich brauche absolute Ruhe…

AK: Essen oder Trinken zur Lektüre?

„Nein, nichts. Ich vergesse beim Schreiben zu trinken oder zu essen. Außerdem neige ich zu Schusseligkeit. Mir ist mal ein Glas Apfelsaft über die Tastatur gelaufen. War nicht gut. …“

AK: Prosecco oder Selters?

„Ich liebe alles was prickelt.“ (Aha)

AK: Currywurst, Austern oder Sushi?

„In dieser Reihenfolge …“

AK: Gibt es einen Klassiker, der Dich völlig kalt gelassen hat?

„Im Essen oder in der Literatur? Ich bin ein Viel- und Allesesser und liebe die Klassiker der deutschen, französischen und mediterranen Küche. In der Literatur fand ich „Tod in Venedig“ schrecklich zu lesen.

AK: Lieblingsname aus einem Deiner Romane?

„Christof Maria Breuckmann aus Grasträume und Rebenfluch. Der Name spiegelt für mich zu 100 Prozent den Charakter wider.“

AK: Deine Lieblingsautoren?

„Hakan Nesser, Jan Costin Wagner, Tana French, Agatha Christie, Ingrid Noll, John Irving, Val Mc Dermid, Dürenmatt, Hemingway… (Kerstin, da fehlt doch was ….) 🙂

AK: Gibt es ein gutes Lesen im schlechten Leben?

„Als Teenager fand ich das Leben nicht so toll. Ich habe mich mit einem Buch in die Nähe der Heizung zurückgezogen und mich in andere Welten hineingelesen. Beantwortet das deine Frage?“

AK: Führt gutes Lesen automatisch zu einem besseren Leben?

„Es erweitert auf jeden Fall den Horizont. Ob es ein besseres Leben wird, liegt in der Definition von „besser“.

AK: Jetzt aber! Ist Facebook eher männlich oder weiblich?

„Fühlt sich für mich irgendwie männlich an. Vielleicht liegt es daran, dass mir Facebook nicht logisch erscheint.“ (Ist es auch nicht!)

AK: Twitter?

„Beides.“

AK: Google?

„Auch beides.“

AK: Braucht man diese Portale tatsächlich? Warum?

„Brauchen? Es ist eine schöne Möglichkeit mit Lesern in Kontakt zu bleiben.“

AK: Alternative zum Kriminalroman: Liebesgeflüster oder Kinderbuch?

„Kinderbuch. Für meinen Enkel.

AK: Wann gibt es etwas Neues aus Deiner Feder?

„Im Herbst. Allerdings kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viel darüber sagen.“

AK: Magst Du Abschiede?

„Nein, überhaupt nicht. Weder im realen Leben noch von meinen Manuskripten.“

AK: Worüber könntest Du locker eine Nacht mit mir und einer Flasche Rotwein am Kamin sitzend, diskutieren? Wie wär’s mit einem Beispiel?

„Also erst einmal ich würde einen guten Pfälzer Weißwein mitbringen und dann würde ich dich fragen was Glück und Erfolg für dich ausmachen und bedeuten.“ (AK: Familie und Freu(n)de. Punkt)

AK: Welche Vorsätze hast Du für 2015?

„Meine Sprecherausbildung ist beendet. Es stehen ein paar Aufträge in dem Bereich an. Das möchte ich neben dem Schreiben weiter ausbauen. Ansonsten habe ich mir vorgenommen, mehr auf mich achten. Sport treiben, gesünder essen und öfter bewusste Pausen einlegen.“

AK: Was würdest du deinen Lesern gerne einmal sagen?

„Merci.“

Vielen Dank für das Interview. Mehr Infos zur Autorin: www.kerstinlange.com

Das Interview führte Astrid Korten

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