„Verlust des eigenen Kindes verändert viel im Leben“

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Mit dem Tod des eigenen Kindes konfrontiert zu sein, gehört zum Schlimmsten, was Eltern widerfahren kann. Ganz gleich, ob das Kind im Kleinkindalter verstirbt, im Jugend- oder Erwachsenenalter oder der Nachwuchs als Sternenkind direkt nach der Geburt oder auch bereits im Mutterleib verstirbt.

Trauer, Ohnmacht, Verzweiflung und auch Wut gehören dann zu den Gefühlen, an denen die betroffenen Mamas und Papas meinen  zu ersticken. Die Welt versinkt in Hoffnungslosigkeit und dennoch müssen diese Eltern ihr Leben weiter gestalten. Nicht zuletzt, weil viele Betroffene bereits Kinder haben, für die sie stark und da sein müssen.

So erging es auch Sabrina Loyal (im Bild), für die die Bestätigung der Schwangerschaft mit der Information verbunden war, dass da kein Leben sein wird.

Um nicht in ihren verzweifelten Gefühlen zu versinken, sprach sie darüber immer wieder mit ihrem Mann und ihrer besten Freundin. Um auch ihren Kindern altersgerecht Trost zu spenden, dachte sich Sabrina Loyal die Geschichte dreier kleiner Engel aus, deren Mutter für das dritte Engelchen in den Himmel steigt und wieder zurückkehrt – in dem Wissen noch gebraucht zu werden.

Was als private Gute-Nacht-Geschichte für ihre Kinder, die zum damaligen Zeitpunkt drei und vier Jahre alt waren, begann, ist nunmehr mit „Engelchens Besuch“ in Buchform zu haben (siehe Bild links) und soll Müttern und Vätern mit gleichen und ähnlichen Schicksalen Trost spenden und Hoffnung geben.

Außerdem hat sich Sabrina Loyal seit diesem Schicksalsschlag dem Thema „Sternenkinder“ verschrieben und engagiert sich aktiv dafür, dass die Thematik des frühen Abschiednehmens von einem Kind gesellschaftlich stärker in den Fokus rückt.

Wir haben mit ihr über dieses sensible Thema gesprochen.

FP: Frau Loyal, Sie haben das Buch “ „Engelchens Besuch“, in dem es um das frühe Abschiednehmen eines Kindes geht, geschrieben. Ihre eigene Erfahrung gab dazu den Anstoß, erzählen Sie doch bitte etwas darüber!

SL: Mit „Engelchens Besuch“ konnte ich meinen Schmerz verarbeiten und das Loslassen üben.  Es ging alles so schnell. Der Moment, in dem ich die Bestätigung bekam, schwanger zu sein, war auch der Moment, zu erfahren, dass da kein Leben sein wird.

Die Welt blieb für mich stehen. Vertrauen und Hoffnung schwanden.  Angst und Schuldgefühle säumten die Gefühlslücken.  Und doch musste ich weiter funktionieren. Für meine Familie, für meinen Arbeitgeber… Aber wie sollte ich weiterleben? Ich stellte mir nicht zu sehr die Frage WARUM, sondern WIE. Dies führte dazu, dass ich mit meinem Mann viel über unseren Engel sprach und mich meiner besten Freundin anvertraute. Die Gespräche halfen mir enorm, nicht an all den Gefühlen  zu ersticken, sondern Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut und Trauer anzuschauen und anzunehmen. Akzeptieren, dass ich im Jetzt so fühle, war sehr schwer für mich. Und doch brachte die Akzeptanz des Todes meines Kindes und meiner Gefühle das Vertrauen und die Hoffnung zurück.

FP: Wie lange dauerte es, bis aus Ihrer persönlichen, leidvollen Erfahrung dieses Buch herauskam?

SL: Aus diesem Vertrauen und der Hoffnung  entstand eine Geschichte von drei kleinen Engeln und deren Mutter, die etwas Unbeschreibliches schafft.  Für ihr drittes Engelchen steigt sie bis in den Himmel und kehrt wieder zurück, weil sie weiß, dass sie noch gebraucht wird. Gleich am Abend, als ich aus der Klinik wieder Zuhause war, erzählte ich abends meinen Kindern, damals 4 und 3 Jahre alt, diese Geschichte, spontan, einfach aus mir heraus. All diese Gefühle mussten aus mir heraus.

Kinder sind sehr sensibel. Sie merken, wenn mit ihrer Mutter was nicht stimmt. Also verpackte ich mein Erleben in eine kindgerechte Geschichte, die sich am Ende zum Guten wendet. Ich bezog meine Söhne mit in die Geschichte ein und da erkannte ich plötzlich allen Sinn und alle Liebe, die mich ab diesem Zeitpunkt durchflossen. Meine Kinder waren so begeistert, dass sie die Geschichte jeden Abend erneut hören wollten. Ich schrieb die Geschichte schnell auf und malte binnen drei Tagen 24 Seelenbilder. Ich habe schon immer in Zeiten des seelischen Ungleichgewichts geschrieben und gemalt.

Daher war das mein Weg, zur inneren Ruhe zu finden. Als ich die Geschichte meiner Freundin vorlas, ermutigte sie mich, diese zu veröffentlichen. So vielen Frauen würde es so gehen wie mir, wie vielen Frauen könnte ich damit Trost und Hoffnung schenken.

Nach anfänglichem Zögern, bewarb ich mich mit meinem Manuskript beim Lebensweichen-Verlag, der sich auf Trauerliteratur spezialisiert hat. Frau Düperthal war sofort begeistert – sie meinte, sie würde schon seit zwei Jahren etwas zum Thema Sternenkinder veröffentlichen wollen.  Alles schien Fügung zu sein. Mit der Illustratorin Ulrike Hirsch, klappte es auch auf Anhieb. Ihre Bilder berühren mich ganz tief. Sie sind so einfach und doch so allumfassend. Frau Hirsch`s Illustrationen machen mein Buch zu einem wahren Schatz.  Nach vier Monaten hielt ich mein Buch „Engelchens Besuch“ in den Händen.

Es war, als würde ich eine Mission erfüllen. Als würde mein Engel zu mir sagen: „Super Mama, wir haben es geschafft.“  Ja – ich habe eine große Aufgabe bekommen und ich meistere sie jeden Tag aufs Neue.

FP: Die Thematik der Sternenkinder ist im öffentlichen Bewusstsein eher nur diffus vorhanden – wie kommt das?

SL: Im Allgemeinen ist der Tod eine nicht gern besprochene Tatsache in unserer Gesellschaft.  Viele Menschen wissen nicht, wie sie damit umgehen können, wie sie auf Sterbende und Trauernde reagieren können.  Die eigene Unsicherheit im Umgang mit diesem Thema summiert sich hier zum Schweigen.

Bei Sternenkindern wird dies noch viel deutlicher. Selbst in Fachkreisen wird sehr ungern darüber gesprochen. Denn der Tod des eigenen Kindes ist so schmerzvoll, dass hier anscheinend Nichts trösten kann. Doch gerade das Reden darüber, die Gewissheit, nicht alleine mit seiner Trauer zu sein, kann enorm helfen, Trauer zu verarbeiten.

Mich begleitet der Tod und das Abschiednehmen schon von Kindesbeinen. Auch beruflich werde ich sehr oft mit dem Tod konfrontiert.  Deshalb gehört er für mich persönlich zum Leben dazu. Leben ist Veränderung. Der Verlust eines geliebten Menschen, und schon gar des eigenen Kindes, verändert viel im Leben, sei  es die Emotionen, die Ansichten, Glaubensansätze oder Gewohnheiten.

Der Tod wird seit langer Zeit in unserer Gesellschaft entnaturalisiert. Er wird künstlich hinausgezögert und damit verlängert sich dabei meist nur das Leiden.  Das Sterben ist aus unserer Mitte gelangt. Früher sind die Menschen noch Zuhause gestorben. Heute sterben die meisten im Krankenhaus, Pflegeheim und Hospiz.

Das ist auch berechtigt, denn oft sind Angehörige einfach überfordert und die Sterbenden werden dann in der jeweiligen Einrichtung teilweise besser versorgt. Aber man sollte sich einmal Gedanken darüber machen, was ein sterbender Mensch wirklich braucht. Und das ist meist nicht viel, er braucht oft nur seine Liebsten um sich herum.

FP: Sie haben Kinder im Alter von 6 und 5 Jahren. Wie erklären Sie ihnen das Sterben und Sternenkinder.

SL: Ich beantworte direkte Fragen mit direkten Antworten. Auch spreche ich das Wort „tot/Tod“ direkt aus. Dass dies bedeutet, wenn ein Mensch gestorben ist, er nie wieder kommen wird. Aber ich erkläre ihnen auch, dass ein geliebter Mensch für immer in unserem Herzen bleiben wird. Dass er durch viele Dinge – sei es was wir von ihm gelernt haben oder an hinterlassen Gegenständen – wertschätzen, in uns weiterlebt. Dass wir in kleinen Zeichen, wie in einem Schmetterling, einen lieben Gruß von ihm erkennen können, woher dieser auch immer kommen mag.

FP: Dass es auch für Frauen, die ein Kind tot gebären mussten, spezielle Rückbildungsgymnastik-Kurse gibt, wissen sicherlich nur wenige Menschen, oft erfahren auch betroffene Frauen nur zufällig davon. Was kann/muss getan werden, dass solche Angebote bundesweit ausgebaut werden und wie dicht ist derzeit das Netz solcher Angebote?

SL: Das Netz um all die Angebote für Sternenkindeltern ist noch nicht sehr dicht. Ja es fehlt noch an Informationen und an Menschen, die diese Informationen weitertragen. Wir müssen alle zusammenarbeiten, uns mehr vernetzen und nicht als Einzelkämpfer unterwegs sein.

Wir müssen Kliniken, Praxen und Hebammen aufklären und unterstützen. Es gibt Hebammen, die sich zu Sterbeammen fortbilden lassen. Nichts ist dem Tod so nahe wie eine Geburt. Wir kommen auf beiden Seiten in eine andere Welt. Ich sage immer: Der Tod ist wie eine Geburt, schmerzvoll und erleichternd zugleich. Körper trennen sich, aber Seelen bleiben für immer verbunden.

FP: Da Sie sich dieser Thematik des frühen Abschiednehmens von einem Kind verschrieben haben, kommen Sie viel in Kontakt mit Betroffenen – wie stützend sind bei so einem Verlust enge Familienangehörige?

SL: Ich selber habe das Glück, einen liebevollen Partner an meiner Seite zu haben, mit dem ich immer offen reden kann. Mein Mann und ich hatten einen Code vereinbart. Wenn ich sehr wehmütig schaue, weiß er sofort um meine Gedanken und Gefühle und sagt: „Alles ist gut.“ Das hilft mir unwahrscheinlich und ruft sofort die Dankbarkeit in mir hervor für alles, was ich zu schätzen weiß.

Wir dürfen keine Angst vor Gesprächen haben, weil das Vermissen unserer Kinder so schmerzt. Das Sprechen hilft uns, wahrgenommen zu werden. Wir erfahren, dass wir und unser Sternkind nicht egal sind. Es braucht etwas Mut, aber die Betroffenen werden sicher dankbar dafür sein. Es ist sehr wichtig, dass enge Familienangehörige stützend zur Seite stehen, offen sprechen, nicht ignorieren, nichts herunterspielen oder beschönigen und keine Floskeln wie „Wer weiß, für was es gut ist“ oder „Du wirst sicher noch andere Kinder bekommen“ äußern.

Eventuell besucht man das Grab gemeinsam, zündet eine Kerze an oder betet zusammen.

Familienangehörige können bei Behördengängen begleiten, sich über Selbsthilfegruppen informieren. Es gibt sicher viele Wege, die man mit Betroffenen gehen kann.

FP: Da viele betroffene Eltern Gleichgesinnte eher in anderen betroffenen Müttern und Vätern finden, hat sich – vor allem durch das Internet – auch ein Netzwerk mit Hilfs- und Beratungsangeboten entwickelt, das in Anspruch genommen werden kann, wenn man mit dem Verlust des eigenen Kindes konfrontiert ist. Was gibt es derzeit konkret für Angebote?  

SL: Birgit Rutz vom Netzwerk Hope’s Angel ist Sterbe-Und Trauerbegleiterin und hat sich auf die Begleitung von Familien bei Fehlgeburt, Stillgeburt, Schwangerschaftsabbruch und Neugeborenentod spezialisiert. Sie bietet Fortbildungen in eben diesen Bereichen an, organisiert Trauergruppen und Rückbildungskurse speziell für Sternenkindmamas.

Desweiteren bildet sie Sternenkindfotografen aus. Die Sternenkindfotografen können jeder Zeit über eine Zentrale alarmiert werden. So findet sich immer jemand im jeweiligen Umkreis der Fotos von den Eltern und Ihrem Kind machen kann.  Die Fotos sind sehr würdevoll. Entgegen mancher Erwartung entstehen hier wirklich wunderschöne Erinnerungen, die sehr viel zur Trauerbewältigung beitragen können.

Sterneneltern Achim Informieren zu Bestattungsmöglichkeiten, Hilfsangeboten außerhalb der eigenen Gruppen und Schaffen von Erinnerungen. Sie begleiten Eltern vor und nach der Entbindung eines Sternenkindes, begleiten ebenso die Angehörigen, so wie medizinisches Fachpersonal, Bestatter, Fotografen, etc. Sie bieten einen geschützten Raum für Betroffene, Austausch mit Gleichgesinnten und Vorträge für Interessierte.

Angels in Heaven fertigt liebevoll gestaltete Erdenbettchen und Sternenstaubtöpfchen, die es ermöglichen, das Kindes würdevoll und liebenden Eltern gerecht zu bestatten.

Der Verein Herzenssache spricht Kliniken in ganz Deutschland an, verteilt an diese Kleidung und Trostgeschenke für Sternenkinder oder Frühchen und deren Eltern. Die Mini-Sachen werden von vielen fleißigen Frauen ehrenamtlich genäht. Herkömmliche Kleidung  ist den Sternchen oder Frühchen einfach zu groß. Vor allem die Schiffchen rühren mich an. Sie sind teilweise so winzig, doch ist ihre Wirkung so groß. Vor Jahren landete ein im Mutterleib verstorbenes Kind im Klinikmüll. Heute dürfen auch Kinder unter 500g bestattet werden. Hierzu gehört eine würdevolle Bekleidung oder eine kleine Einschlagdecke.

Im Verein Herzenssache kann jeder Mitglied werden und diesen unterstützen, sei es durch Näh- und Bastelarbeiten, durch Spenden (Stoffe , Gelder) oder als Klinikansprechpartner.  Unser Ziel ist es, deutschlandweit die Kliniken mit den Paketen zu versorgen, um Eltern ein Stück weit zu zeigen, dass sie ernstgenommen werden und nicht allein sind.

Solche Vereine gibt es noch einige mehr in Deutschland, hier nur ein paar davon:

http://www.sternchennaehen.de/

https://www.facebook.com/sternchenundfruehchen/

www.Sternkinder-Eltern.de

www.Leben-ohne-Dich.de

Bundesverband verwaister Eltern – http://www.veid.de/

www.Schmetterlingskinder.de

Verein Pusteblume in Österreich – https://www.verein-pusteblume.at/

Über all diese Netzwerke, ist es möglich, Unterstützung zu finden. Sie bieten die richtigen Kontakte an, in denen man Beistand und Halt finden kann.

Dies alles wusste ich früher nicht. Erst, als ich selber Sternenkindmama war, Kontakt zu ebenfalls Betroffen suchte und viel zum Thema recherchierte, bekam ich all diese Informationen, die ich hiermit weitertragen möchte.

FP: Mit dem Thema „Engel“ beschäftigen sich viele Menschen, wenn ein geliebtes Familienmitglied (vorzeitig) geht, unabhängig davon, ob sie gläubig sind oder nicht. Was hat es mit dieser Faszination auf sich und wie beeinflusst diese Materie die Trauerarbeit und das „Trost finden“? 

SL: Beruflich wie privat muss/darf ich Sterbende begleiten. Vor zwei Wochen hatte ich eine Fortbildung zum Thema Sterben. Wir waren alle der Meinung, dass am Ende des Lebens jeder Mensch an irgendetwas glaubt, auch wenn er sich Zeit seines Lebens nie im Glauben finden wollte oder konnte. Jedoch wird oft gesagt: „Du bist ein Engel“, selbst wenn vielleicht nur im richtigen Moment eine Briefmarke zur Hand ist.

Wenn das Richtige zum richtigen Zeitpunkt geschieht, empfinden wir dies wie eine überirdische Gnade, wie ein Geschenk des Himmels, wie ein Engelereignis.

Engel erscheinen immer dann, wenn Menschen in Grenzsituationen kommen, in Augenblicken höchster innerer oder äußerer Not. In solchen Augenblicken werden sie auch am ehesten wahrgenommen und erkannt. Das Sterben ist so eine Grenzsituation. An der Schwelle des Todes brauchen wir alle Halt, ob der Sterbende oder die Angehörigen. Keiner von uns Lebenden weiß, was nach dem Tod kommt. Unbekanntes macht Angst. Der Glaube an Engel, die den Sterbenden zu sich nehmen oder der selbst zu einem Engel wird(zu einem immateriellen Wesen) lässt uns unbesorgter sein. Lässt uns glauben, mit dem Verstorbenen in Kontakt bleiben und einst Ihn wieder sehen zu können.

Engel bedeuten für mich absolute Reinheit. Freiheit von allem Materiellen. Engel bedeuten für mich die reine Liebe. Liebe ist am Ende das Einzige, was uns bleibt, wenn wir uns von einem nahestehenden Menschen verabschieden müssen. Liebe verbindet für mich alles, ist Lebensenergie und Energie über das irdische Leben hinaus. Und aus dieser Liebe entwächst für mich persönlich ein besonderer Schutz. Wer sich selber liebt und lieben kann, der fühlt sich sicher, der findet auch Trost.

FP: Sie lassen in Thüringen – in einer traditionsreichen Plüschfabrik – sogar Engel-Puppen fertigen – erzählen Sie doch bitte auch dazu etwas. 

SL: Der Gedanke an die Puppen (siehe Bild) war schon zur Zeit der Buchentstehung in mir. Mir fehlte meine Lene. Ja, ich habe meinem Sternenkind diesen Namen gegeben. Das klingt für Außenstehende vielleicht blöd. Aber mein noch ungeborenes Kind, welches ich nie in den Armen halten durfte, wollte ich herzen und festhalten. Ich kann das gar nicht beschreiben. Meine Lene war fort und ich war noch da.

Sie ist zwar immer in meinem Herzen, aber ich kann sie nicht anfassen, riechen, spüren. So fasste ich den Entschluss, die Engelpuppen fertigen zu lassen. Als ich den ersten Probeengel in den Händen halten durfte, musste ich weinen. Ich herzte die weiche Puppe, die so ein wundervolles Strahlen im Gesicht trägt, als wäre es mein Kind. Mich umhüllte ein Gefühl von Geborgenheit. Lange schlief ich jeden Abend mit meiner Engelpuppe im Arm ein.

Wie ein Kind, welches mit seinem Lieblingsplüschtier kuschelt. Ich fühlte mich dadurch sicher. Dieses Gefühl möchte ich mit meinen Engelpuppen an andere Menschen weitergeben. Es steht geschrieben: „Psalm 9110 Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen. 11 Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, 12daß sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

Ein Mädchen (5 Jahre alt), deren Mutter plötzlich verstarb, bekam eine meiner Engelpuppen geschenkt. Ich durfte erfahren, dass dieses Mädchen keinen Schritt ohne ihren Engel geht. Die Puppe scheint dem Mädchen die gleichen Gefühle zu schenken, wie ich sie habe. Das Mädchen hat stellvertretend ihre geliebte Mutter bei sich und fühlt sich beschützt und geborgen. Es ist so wundervoll, zu wissen, dass meine Entscheidung zur Fertigung der Puppen die richtige war. Denn die Rückmeldungen sind so positiv berührend.

Die Engelpuppen sind mein absolutes Herzensprojekt. Wie oft werden Engelfiguren, Engelkarten, etc. verschenkt. Jetzt kann man auch eine Engelpuppe/einen Schutzengel zum Kuscheln verschenken.

Nicht nur im Trauerfall, sondern auch zur Geburt, zum Geburtstag, zur Taufe oder Weihnachten. Es wird immer ein einzigartiges Geschenk sein, welches eine tiefe Zuversicht ausstrahlt. Auf Wunsch werden die Puppen auch mit Namen bestickt und sind somit ein absolutes Unikat für den Beschenkten. So wie jeder Mensch ein Unikat ist.

FP: In Ihrem Engagement, das Thema „Sternenkinder“/Verlust des Kindes mehr in die Öffentlichkeit zu holen, wenden Sie sich auch an Kliniken, Hebammen, Hospize und Bestatter.  Wie schaut das konkret aus und wie ist die Resonanz?

SL: Es geht mir weniger um Öffentlichkeit, es geht mir mehr um die Aufklärung vor Ort. Kliniken erhalten Informationen über das Netzwerk und können so erste Ansprechpartner für betroffene Eltern sein und ihnen gezielte Kontakte zur Begleitung und Unterstützung anbieten. Hier möchte ich aus dem Übergabebericht Hanau zitieren: „Beide konnten kaum glauben, dass die Sachen für die Klinik kostenfrei zur Verfügung gestellt werden und fragten wie und ob sie uns irgendwie unterstützen könnten.

Der Pfarrer sagte uns, dass er alljährlich einen Gottesdienst in Gedenken an früh verstorbene Kinder macht. Er möchte diese Kollekte an Herzenssache und einen anderen Unterstützer geben.“ Weiter heißt es: „Sehr berührt war ich vom Bericht der Hebamme über ein erst gestern verstorbenes Frühchen, für das keine passende Kleidung da war. Die Hebamme sagte: „Ich wäre am liebsten losgegangen und hätte Puppenkleidung gekauft.“ Da war mir wieder ganz bewusst welch wertvolle Arbeit wir mit der Versorgung der Sternchen machen.“

Eine andere Reaktion aus Essen: „Wie immer waren alle total begeistert und gerührt von den tollen Sachen die wir für die kleinen Kämpfer nähen, stricken und basteln. Man merke einfach, dass unglaublich viel Liebe in jedem einzelnen Teil steckt, welche den Eltern in dieser so schwierigen Zeit ein klein bisschen Normalität und Freude schenken.“

Die Kliniken sind sehr dankbar für unsere Unterstützung. Lange wurden Sternenkinder unwürdig von dieser Welt geschickt. Alle Beteiligten waren macht- und hilflos. Die Einstellung zur Würde dieser kleinen Menschlein hat sich in Fachkreisen positiv geändert.

FP: Wie sind die Reaktionen des Publikums, wenn Sie Ihr Buch auf Lesungen vorstellen?  

SL: Die Atmosphäre auf meinen Lesungen ist eine sehr feinstoffliche. Schon zu Beginn werden die Teilnehmer (nicht nur Zuhörer) für das Thema sensibilisiert. Im Hintergrund läuft leise Harfenmusik und einer nach dem anderen zündet eine Kerze für einen geliebten Menschen, der nicht mehr bei ihnen auf Erden weilen kann. Ich spüre, wie die Teilnehmer Anteil nehmen, ob an meiner Geschichte oder ihrer eigenen. Das macht keinen Unterschied, die Gefühle bleiben bei jedem die gleichen.

Es gibt zwei Passagen, an denen immer jemand weint oder einige feuchte Augen bekommen. Auch ich ringe manches Mal beim Lesen mit meiner Fassung. Anschließend werden Fragen gestellt und beantwortet. Allmählich entsteht ein erst vorsichtiger und dann doch reger Austausch. Für mich sind diese Reaktionen des Publikums überwältigen.

Es genau das, was ich mit meinem Buch erreichen möchte: Emotionen anrühren, anschauen, darüber sprechen und Wege zu Trost und Hoffnung finden. Die Teilnehmer kaufen später ein Buch mit persönlicher Widmung, bedanken sich herzlich bei mir (für meinen Mut, für die Begegnung) und gehen dann „beseelt“ auseinander.

FP: Sie sind nicht hauptberuflich als Schriftstellerin tätig – verraten Sie uns, was Sie beruflich machen? 

SL: Ich bin Ergotherapeutin und arbeite in der Seniorenbetreuung. Meine Berufung ist es, Menschen auf ihrem individuellen Weg zu begleiten, zur Selbständigkeit zu unterstützen, Selbstbestimmung zu erhalten und vor allem, für sie da zu sein, wenn sie auf ihrem letzten Weg sind.

Ich liebe meine Arbeit. Das spüren auch die alten Menschen und sind dementsprechend sehr vertraut mit mir. Es ist ein Geben und Nehmen. Ich kann diesen Menschen oft geben, was sie brauchen und ich selber kann so viel von ihnen lernen. Sie sind so dankbar für jedes gute Wort und jede herzliche Umarmung. Und ich bin dankbar, sie begleiten zu dürfen.

FP: Sie sind sehr aktiv in ihrem Engagement – was für aktuelle bzw. geplante Projekte stehen derzeit auf der Tagesordnung?

SL: Aktuell bereite ich gerade die Teilnahme an der „Leben und Tod“-Messe in Bremen vor. Dort möchte ich mein Buch und die Puppen vorstellen. Gemeinsam mit dem Verein Herzenssache werden wir einen Stand betreuen, der über die Arbeit des Vereins informiert. Auch Birgit Rutz vom Netzwerk Hope`s Angel wird vor Ort sein und Aufklärungsarbeit – z. B. bei Bestattern – leisten.

Als neues Mitglied im Verein Herzenssache möchte ich mich noch mehr engagieren. Ich möchte im allgemeinen Netzwerk zur Informationsverbreitung beitragen, als Klinikansprechpartner fungieren, Bestatter sensibilisieren und mit Sternenkindkleidung und Trostpaketen für deren Eltern vesorgen.

Desweiteren möchte ich im kommenden Jahr an der Leipziger Buchmesse teilnehmen. Auf der Nürnberger Spielwarenmesse möchte ich meine Engelpuppen bekannter werden lassen.

Ich habe viel vor. Aber ich muss stets meine Kräfte einteilen. Neben Familie und Beruf bleibt nicht viel Energie für ehrenamtliche Tätigkeiten. Ich möchte keine halbherzigen Sachen machen, daher warte ich immer den richtigen Zeitpunkt ab, setze mich hierbei nicht unter Druck und lasse quasi das Universum entscheiden, wann für was die richtige Zeit da sein wird.

FP: Sowohl in Ihrem Hauptberuf als auch in Ihrem Engagement sind sie stark eingespannt und auch gefordert. Wie schalten Sie ab, wenn Sie Freizeit haben und einmal nicht schreiben oder malen?

SL: Am liebsten verbringe ich Abende mit meinem Mann. Da er selbständig und dadurch sehr stark beruflich eingebunden ist, haben wir wenig Zeit zusammen. Ich genieße jeden Moment mit ihm. Auch Sonntagausflüge mit den Kindern entspannen mich und lassen mich dankbar sein. Dankbarkeit und Zufriedenheit spielen in unserem Familienleben die wichtigste Rolle. Ich freue mich tierisch auf unseren Familienzuwachs, ein Labradorwelpe.

Mit ihm werde ich mich bei Spaziergängen durch den Wald erholen. Zusätzlich möchte ich ihn als Therapiehund ausbilden und in der Seniorenarbeit einsetzen. Ab und an habe ich Fotoshootings, denn das Fotografieren ist eine weitere Leidenschaft von mir. Im vergangen Winter hatte ich eine Ausstellung, die sehr großen Anklang fand.

Manchmal schaufel ich mir einen Abend frei und verbringe Zeit mit Freunden. Hier kann ich vollkommen abschalten und einfach nur Spaß haben und das Jetzt und Hier auskosten. Wichtig ist mir der Bauchtanz, denn hier darf ich einfach nur Frau sein.

Copyrights: Sabine Loyal

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