„Ich habe meine Karriereleiter mehrfach an falsche Wand gelehnt“

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Unzufrieden im Job und schon am Sonntag ein ungutes Gefühl, weil die neue Arbeitswoche droht. Das geht wahrscheinlich mehr Menschen so, als man denkt. Während der eine seine Unzufriedenheit noch unterdrückt, agiert der andere aus lauter Frust sogar gegen seinen Arbeitgeber. Beim Geldverdienen unzufrieden zu sein, hat sehr viele Facetten.

Anja Niekerken (im Bild) kennt sie alle, denn sie hat sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt und auch selbst die Erfahrung gemacht, beruflich in einem Umfeld gelandet zu sein, das absolut nicht das Richtige ist.

Über diese hoch interessante Thematik, die unzählige Menschen betreffen dürfte, hat sie ein Buch geschrieben, es heißt: „Montags muss ich immer kotzen – Erste Hilfe gegen Arbeitsübelkeit“.

Das Werk (siehe Foto links) wartet nicht nur mit überraschenden Fakten auf, sondern geht auch auf professionelle Lösungen ein, die ein Weg aus der beruflichen Sackgasse sein können. Wir haben mit der Autorin, die auf diesem Gebiet auch als Coach tätig ist, gesprochen.

FP: Frau Niekerken, in Ihrem Buch „Montags muss ich immer kotzen – Erste Hilfe gegen Arbeitsübelkeit“   geht es um die Jobwelt, in der viele Menschen so gar nicht glücklich sind. Was denken Sie, in welchem Bereich sich die Zahl derer bewegt, die tatsächlich sonntags schon mit Grausen an den Montag denken?

Das ist relativ leicht zu beantworten, denn zur Arbeitszufriedenheit gibt es jährlich neue Statistiken. Beispielsweise finden weltweit 9 von 10 Menschen ihren Job doof. … Okay, weltweit mag das keine so erschreckende Zahl sein – die Entwicklungs- und Schwellenländer zählen schließlich mit … , also schauen wir uns am besten mal in Deutschland um: Im letzten Jahr (2017) haben die Krankenkassen wieder mal rausgefunden, dass jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland innerlich gekündigt hat und in seinem Job nur noch das Notwendigste erledigt.

Oder die gern und vielzitierte Gallup-Studie: 2 von 10 Personen lieben ihren Job, 6 machen Dienst nach Vorschrift sind aber nicht wirklich begeistert und 2 von 10 hassen ihren Job derart, dass sie aktiv gegen ihr Unternehmen arbeiten.

Welchen wirtschaftlichen Schaden das bedeutet, wurde auch schon mehrfach ausgerechnet und geht in die Milliarden …

FP: Wenn die Arbeitswelt in den Medien ein Thema ist, hat man oft den Eindruck, dass mit den Jahren eine neue „Wohlfühl-Arbeitswelt“ entstanden ist: Arbeitnehmer nehmen Auszeiten, gönnen sich sogenannte Sabbaticals und über die Generation Y liest man sogar, dass sie es ist, die beim neuen Arbeitgeber die Bedingungen vorgibt und nicht umgekehrt. Zudem ist auch der Faktor der Selbstverwirklichung ein Riesen-Thema. Nur: sieht`s denn im Joballtag der Masse wirklich so rosig aus?

Nein, die Masse der Arbeitsplätze ist ja noch nicht in den neuen Startups, bei Google oder bei einem hochmodernen Arbeitgeber. Die wenigsten Menschen in Pflegeberufen haben die von Ihnen angesprochene „Wohlfühl-Arbeitswelt“ und um als Generation Y Arbeitsbedingungen diktieren zu können, muss man hervorragend ausgebildet und in einer Branche tätig sein, die nicht nur sucht wie verrückt, sondern auch Geld hat.

FP: Sie sind Buchautorin und Coach und haben selbst viele berufliche Stationen durchlaufen. Wie haben Sie die verschiedenen Branchen erlebt und in welchem beruflichen Umfeld gab es die Situation, die Ihr Buchtitel beschreibt?

Ich habe einen ziemlich bunten Lebenslauf und habe meine Karriereleiter mehrfach an die falsche Wand gelehnt, da ich einfach die falschen Fragen bezüglich eines Jobs gestellt habe. Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass nichts so war, wie ich mir das vorgestellt hatte. Die coole, verrückte Werbebranche ist zwar äußerlich verrückter als andere, aber auch hochprofessionell und verlangt eine wahnsinnige Leistungsbereitschaft.

Die durchorganisierte, faktenbasierte Finanzdienstleistung ist chaotischer und getriebener als ich dachte und braucht starke Nerven … Und überall gibt es gute und schlechte Chefs, nette und blöde Kollegen und so weiter. Mit anderen Worten: die Situationen die mein Buch beschreibt gab es überall. Ohne Ausnahme.

FP: Was macht Arbeitnehmer am meisten unzufrieden?

Vorweg: Ich halte nichts vom Führungskräftebashing! Es gibt unglaublich viele gute Führungskräfte die einen super Job machen. Leider muss man aber sagen, dass der Hauptkündigungsgrund der Chef ist. Fast gleichauf sind doofe Kollegen und dann kommen erst Arbeitsbedingungen und weiter hinten das Gehalt.

Das Gehalt wird in der Regel als Grund vorgeschoben. Übrigens kann es auch gut sein, dass man sich einfach den falschen Chef ausgesucht hat. Nicht jeder Chef passt zu jedem Mitarbeiter. Da habe ich auch eine Eigenverantwortung, mal zu schauen, ob mir mein neuer Chef überhaupt einigermaßen sympathisch ist und in der Probezeit kann ich schauen, ob wir auch menschlich zueinander passen. Die Probezeit ist schließlich nicht nur für die Firma, sondern auch für den Mitarbeiter da. Hier müssen sich beide Seiten bewähren.

FP: Da Menschen, die beruflich frustriert sind, Ihr Kundenklientel sind, kennen Sie verschiedene Facetten beruflicher Unzufriedenheit.  Was stresst die Betroffenen am meisten?

Nicht alle meine Kunden sind beruflich frustriert. Im Gegenteil! Viele wollen sich weiter entwickeln und besser werden. Die Frustrierten sind zwar in der Minderheit, haben aber den höchsten Leidensdruck, weil sie sich oft nicht mehr als Lenker ihrer eigenen Geschicke begreifen. Ich glaube, dass ist einer der Hauptstressoren, das Gefühl der Hilflosigkeit.

FP: Was raten Sie beruflich genervten Leuten, wie gestaltet sich Ihr Coaching?     

Das kommt natürlich auf die individuelle Situation an. Ein Patentrezept gibt es leider nicht. Grundsätzlich ist es wichtig, mal zu überlegen, warum man eigentlich arbeitet. Eine Frage die nicht so leicht zu beantworten ist, denn „Weil es Spaß macht“ ist eine viel zu vage Antwort, denn wenn es tatsächlich Spaß machen würde, würde sich kein Stress einstellen.

FP: In Ihrem Buch wird auch thematisiert, dass einerseits (medial) viel dazu aufgerufen wird, dass Arbeitnehmer sich im Job auch selbst verwirklichen sollen, doch andererseits für die meisten Menschen der Beruf erst einmal schnöder Gelderwerb ist. Gehört es nicht auch zur Wahrheit, dass manche Berufe eher nicht so viele Selbstverwirklichungs-Möglichkeiten bieten wie andere oder kommt es nur auf die Einstellung des einzelnen Arbeitnehmers an?    

Im ersten Moment ist das auf jeden Fall so. Im zweiten nicht. Dazu habe ich mehrere Beispiele in meinem Buch. Ein Beispiel ist die Geschichte von Halina.

Es ist schon eine ganze Weile her, da gab es hier in Hamburg noch die Diskothek „Madhouse“ am Valentineskamp. Damals Hamburgs älteste Disko und eine Zeit lang mein zweites zu Hause. Das Madhouse hatte jede Nacht geöffnet und war fast immer rappelvoll. Der Laden war ziemlich klein und vermutlich immer total überfüllt. Ebenso wie die insgesamt vier Toiletten. Zwei für Jungs und zwei für die Mädels. Zwischen den zwei Abteilungen gab es ein kleines Kabuff für die Toilettenfrau. Dort arbeitete Halina. Nun ist Toiletten putzen in einer Disko wirklich kein Traumjob. Abgesehen vom Arbeitsplatz sind auch die Arbeitszeiten nicht der Hit … Aber Halina war die gute Seele in dem Laden. Alle Stammgäste bogen immer erst einmal nach oben zu den Toiletten ab, um sie zu begrüßen und selbstverständlich verabschiedete man sich von ihr. Sie kannte die Gäste nicht nur mit Namen, sie kannte auch ihre Geschichten und hatte immer Zeit für einen Schnack. Außerdem gab es einfach alles bei ihr: Vom Haarspray über das Deo bis hin zum Mundspray. Wer ihr Trinkgeld gab, bekam einen Cola-Lollie mit einem Abziehbild. Und wer alle fünf Motive zusammen hatte, bekam eine Flasche Krimsekt …

Halina wurde von allen geliebt und gemocht. Sie hat wenig verdient. Ihr Job war im wahrsten Sinne des Wortes „Scheiße“ aber Halina mochte Menschen.

Sie hat sich gern mit Menschen unterhalten und sie hat Menschen gern Gutes getan. Und sie hat es verstanden, diesen Sinn in ihrem Job zu finden … Das ist übrigens auch die Antwort auf die Frage „Warum arbeitest Du eigentlich?“ Weil es Spaß macht wäre in Halinas Fall im ersten Moment nicht die richtige Antwort gewesen. Die Antwort in ihrem Fall „Weil ich Menschen mag und ihnen gern eine Freude mache“ und dann macht die Arbeit natürlich auch Spaß!

Glück bei der Arbeit ist sicherlich auch etwas Zufälliges. Aber das Glück liebt hartnäckige Menschen.

FP: Das in Partnerschaften oft gefürchtete „Verflixte 7. Jahr“ gibt es, wie Sie sagen, auch im Job. Wie das?       

Die Arbeitswelt wird ja inzwischen sehr gut erforscht. Und Arbeitswissenschaftler haben herausgefunden, dass die Arbeitzufriedenheit einem ähnlichen Zyklus unterliegt wie eine Partnerschaft. Die ersten zwei Jahre ist alles super auf Wolke 7. Im Jahr drei bis vier stellt sich Normalität ein und in den Jahren fünf und sechs geht es bergab. So kommt es, dass es statistisch gesehen tatsächlich das verflixte siebte Jahr gibt. Wir geben uns nicht mehr so viel Mühe und haben nicht mehr so viel Interesse aneinander. Er bringt keine Blumen mehr mit und sie kocht nicht mehr sein Lieblingsessen … So ist es auch im Job: zwei Jahre sind wir mit Begeisterung dabei.

Dann stellt sich Normalität ein und irgendwann sind wir dann immer weniger engagiert und interessieren uns auch nicht mehr so brennend für unsere Firma. Diesen Zyklus haben wir natürlich selbst in der Hand, wenn er uns bewusst ist. Das ist das erste was wir tun müssen: Bewusstsein für das eigene Verhalten entwickeln.

FP: Sie plädieren dafür, dass sich auch in Sachen Berufsberatung etwas ändern muss, damit Menschen zukünftig Berufe ergreifen, die sie erfüllen. Erzählen Sie doch hierüber einmal mehr!

Schauen wir uns zunächst einmal an, wie wir in der Regel unseren Job wählen … Da geht es oft schon los mit der Spirale ungünstiger Entscheidungen. Und bitte, wir sprechen hier nicht über den Rand des Existenzminimums in dem man jeden Job annehmen muss. Wir sprechen hier über „Was soll ich studieren bzw. Ich bin gut ausgebildet auf geht’s ins Arbeitsleben?“ oder „Ich finde meinen Job zum speien, vielleicht könnte ich was Neues ausprobieren“? Worüber denken wir nach? Was sind Auswahlkriterien? Was müsste der Job uns bieten?

Klar: ein gutes Gehalt – um darauf zu kommen braucht mich und dieses Interview niemand…!

Und dann denken wir über den Standort nach! Wir Deutschen sind nicht wirklich so mobil, wie wir gern wären. Tatsächlich ist die durchschnittliche Fahrtzeit die wir gerade noch tolerieren bei 20-30 Minuten pro Tour. Danach wird es schon kritisch und zählt zu den Faktoren, die uns eher Übelkeit verursachen … Für einen Studienplatz sind viele Menschen bereit den Standort komplett zu wechseln, das ist eine Ausnahme, danach werden wir wieder unflexibler.

Was noch? Urlaubstage, Kantine, Zuschüsse für Sport oder für die öffentlichen Verkehrsmittel ….

Und natürlich unsere Vorstellungen darüber, wie der Job so ungefähr ablaufen soll – zumindest, wenn wir frisch von der Schule, der Uni oder aus der Ausbildung kommen. Aber auch bei einem Jobwechsel lesen wir uns die Jobbeschreibungen genau durch und denken, „Das klingt gut. Das könnte mir Spaß machen.“

Wenn all diese Punkte mit einer für uns zufriedenstellenden Antwort versehen sind, dann glauben wir, wir würden in unserem Job glücklich und entscheiden uns dafür … Naja … Ziemlich unwahrscheinlich, denn dass sind die nicht die Parameter, die uns laut wissenschaftlicher Studien zufrieden machen. Im Grunde haben wir keinen blassen Schimmer, wie wir unseren Traumjob finden sollen, denn wir stellen die falschen Fragen!

Was glauben sie ist der Nummer 1 Glücksbringer im Job? Sinn!

Laut einer Studie der Harvard Business Review sind Menschen die einen Sinn in ihrem Tun sehen zufriedener, engagierter und bleiben mit einer dreimal höheren Wahrscheinlichkeit ihrem Unternehmen treu und werden seltener krank.

Achtung: Sinn und Tätigkeit die einem Spaß macht sind nicht zwingend das Selbe! Wenn Ihnen Beispielsweise das lesen von Kriminalromanen Spaß macht, dann muss dass nicht zwingend eine sinnvolle Tätigkeit sein. Es sei denn, der Sinn ihres Tuns besteht darin, Sprache und Logik des Romans zu überprüfen. Also als Lektor zu arbeiten. Dann müssten Sie allerdings mehrere Bücher pro Woche lesen und das nicht bloß zur eigenen Unterhaltung … Merken Sie, worauf ich hinaus will?

Glauben wir der Wissenschaft – und ich tendiere in der Regel dazu – dann ist die Antwort auf die Frage: Was macht uns im Job glücklich und zufrieden, ganz banal: nette Kollegen, eine gute Führungskraft und eine Beziehung zu dem was man tut. Eben Sinn. All das findet sich in keiner Stellenbeschreibung! Und kaum jemand kommt auf die Idee sich seinen Job nach den Kollegen oder nach dem Chef auszusuchen, obwohl Chef und Kollegen zu den Top 3 Kündigungsgründen zählen!

Mit anderen Worten, wir suchen uns unseren Job nach der Aufgabe aus, kündigen dann aber wegen ganz anderer Faktoren … Ein guter Chef und nette Kollegen machen häufig zufriedener, als alles andere … Der Sinn kommt nachgelagert und manchmal ganz von selbst … Der sinnvollste Job macht keinen Spaß, wenn der Chef blöd und die Kollegen dämlich sind …

Damit wir uns richtig verstehen: Sinn ist nicht zwingend etwas sinnvolles im Sinne des gesellschaftlichen Verständnisses … Ärzte und Pflegeberufe haben sicherlich nach gesellschaftlichem Verständnis mit die höchste Sinnhaftigkeit im Tun … Sehr viele Menschen dieser Berufsgattungen sehen das aber nicht so oder nicht mehr so. Einer der Gründe, warum diese Berufsgattung mit eine der höchsten Burnoutquoten hat. Klar spielt Druck eine Rolle, aber es ist nur ein Faktor! Sinn ist ein anderer. Und wer den Sinn in seinem Tun nicht findet, der hat eine wesentlich höheres Burnoutrisiko unter Druck als jemand, dem sein Tun sinnvoll erscheint …

FP: „Arbeit neu denken“ ist eine Devise, die Sie kommunizieren. Können Sie dieses Motto abschließend kurz und knackig beschreiben?

Mit der Arbeit ist es wie mit der Partnerschaft: wenn ich von meinem Partner erwarte, dass er mich glücklich macht, dann kann das nur in die Hose gehen. Ich muss auch meinen Teil dazu beitragen. Und dabei reicht bloße Anwesenheit nicht aus. Auch bei der Arbeit ist das so. Und wenn es tatsächlich soweit kommt, dass ich selbst nur noch der gebende Teil der Beziehung bin, dann braucht es verschiedene Gespräche. Wenn diese alle nichts bringen, dann – Attacke – neues Spiel, neues Glück.

Copyrights: Anja Niekerken

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