„Statt Wärme liefern wir: trocken, sauber, satt!“

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gitte…oder: wie eine Frau aus Sachsen die „PflegeRevolution“ gestartet hat!

Pflegebedürftige Angehörige – es gibt immer mehr Menschen in Deutschland, die Familienmitglieder haben, die versorgt werden müssen.

Obwohl viele Pflegebedürftige von und bei Angehörigen gepflegt werden, ist ein Großteil der Menschen, die sich nicht mehr selbst versorgen können, im Pflegeheim oder es wurde ein Pflegedienst engagiert.

In beiden Fällen treten recht rasch die Probleme, die es aktuell in der Pflege bundesweit gibt, zutage.

Nicht selten sind sie skandalös und empören Pflegepersonal sowie Angehörige von pflegebedürftigen Menschen gleichermaßen. Zudem verändern sich dadurch die Bewohner von Pflegeheimen oft binnen kurzer Zeit.

Nicht zum Positiven!

Eine Frau, die lange schon im Pflegebereich arbeitet – Gitte Kalder aus Leipzig – hat aufgrund dieser unhaltbaren Zustände das Projekt „PflegeRevolution“ ins Leben gerufen. Was dahinter steckt und was ihre Intention ist, erzählt sie uns im Interview.

FP: Gitte, Du hast das Projekt „PflegeRevolution“ ins Leben gerufen. Das „R“ steht auch dafür, dass die Pfleger rebellieren  – worum geht’s?

Es geht um Aufmerksamkeit. Ich möchte auf die Missstände in der Altenpflege aufmerksam machen. Und das in jeder Hinsicht!

Der Beruf ist eigentlich eher eine Berufung. Der Umgang mit alten Menschen muss gewollt und auch gekonnt sein und das liegt nun mal nicht jedem. Aber aufgrund der Tatsache, dass es in der Branche im allgemeinen bekannt ist, dass die Altenpflege schlecht bezahlt wird und man immer in Mindestbesetzung arbeiten muss, hat der Beruf deutlich an Attraktivität verloren.

Darauf werde ich mit aller Deutlichkeit hinweisen.

FP: Durch Deine Tätigkeit weißt Du, was vor und hinter den Kulissen abläuft. Was war der ausschlaggebende Punkt, an dem Du Dir gesagt hast, dass es so nicht mehr geht und „PflegeRevolution“ an den Start gebracht hast?

Gespräche!

Und das nicht nur mit Kollegen,sondern auch mit Berufsfremden. Irgendwann lerne ich dann Menschen kennen, die Interesse daran hatten mich in jeglicher Hinsicht zu unterstützen. Es wurde viel über die Idee geredet, das Für und Wider abgewogen. Und somit entstand die Facebook Seite „Pflegerevolution“

FP: Woran liegt es Deiner Meinung, dass man in Sachen „Pflegereform“ seitens der Politik immer viel hört – auch zu diesem Thema allgemein – aber dennoch so viel Frust bei den Angehörigen Betroffener, oder den Betroffenen selbst, herrscht?                                                                          

Es ist das leidige Thema „Theorie und Praxis“. Von bisherigen Veränderungen ist nicht wirklich etwas spürbar. Wir haben jetzt zwar die „Paragraph- 87b- Kräfte“ – nur sind diese ausschließlich für die Betreuung der Bewohner zuständig und ebenfalls viel zu wenig.

Im Klartext, heißt das, dass auf 24 Bewohner 1 Betreuer kommt! Und diese sind auch nur für die Beschäftigung zuständig. Was fehlt, sind helfende Hände in der Pflege selbst.

Und da hat die Politik deutlich versagt!

Seit der Abschaffung der Wehrpflicht, fehlen in den Heimen einfach die Zivis. Die versprochenen Pflegeleitbilder können einfach nicht in die Tat umgesetzt werden!

FP: Wo sind – Deiner Meinung nach – die meisten Missstände im Pflegebereich zu beklagen?

Einfache Antwort: durch die Mindestbesetzung wird der Paragraph 1 im GG vollkommen außer Kraft gesetzt. Das Grundbedürfnis eines jeden Individuums ist, Wärme, soziale Kontakte, und Geborgenheit. Wir liefern: „trocken, sauber und satt“.

Fazit: Fließbandarbeit! Und das hat wirklich nichts mit der Arbeit am Menschen zu tun! Das ist Knochenarbeit und die Menschlichkeit bleibt vollkommen auf der Strecke.

FP: Beschreibe doch mal einen typischen Arbeitstag von Dir!

Der Alltag ist wie in jedem Pflegeheim. Wir erledigen die vorgegebenen Aufgaben, dokumentieren alles lang und breit und fangen wieder von vorne an.

FP: Und nun – mal „Butter bei die Fische“:  was erlebst Du in Deinem beruflichen Alltag, was Du auch öffentlich anprangern willst?

Das Arbeiten am Limit! Psychisch und physisch bis an die Grenzen des Machbaren. Und damit meine ich nicht nur die Pfleger sondern auch den Bewohner.

Sie verändern sich in binnen kurzer Zeit.

Dies fällt den Angehörigen selbstverständlich auf und es wird nachgefragt: „wieso, weshalb, warum“. Für mich als Pfleger ist das natürlich eine sehr unangenehme Situation und man gerät schnell in Erklärungsnot.

FP: Wie ist die Stimmung unter Deinen Kollegen?

Wir bauen uns täglich neu auf und versuchen,  das Beste aus der Situation zu machen.

FP: Wie kann es sein, dass in einem Land wie Deutschland solche Zustände herrschen?

Ich denke, dass es den Verantwortlichen an Kenntnissen und Erfahrungen fehlt. Wären diese vorhanden, würde sich das Blatt ziemlich schnell drehen.

FP: Für den 7. Oktober 2016 hast Du  mit „PflegeRevolution“ eine Demo in Leipzig angemeldet (Infos dazu unter dem Artikel) – was erwartet die Teilnehmer?

Wer mich kennt weiß, dass kann ziemlich lustig werden. Ich werde auf meine ganz persönliche Art und Weise die Missstände und Probleme erklären.

FP: Welche Mitstreiter sind an Deiner Seite, seid ihr überregional  vernetzt?

Ich habe Kollegen und Freunde mit Erfahrungen im Hintergrund, die mich sehr gut unterstützen und auch schon Kontakte zu anderen Facebook-Seiten geknüpft haben. Mit diesen Pflegern und werden wir Seite an Seite um Aufmerksamkeit und Veränderungen kämpfen.

FP: Was sind die Ziele von „PflegeRevolution“, wie wollt ihr euch gesamtgesellschaftlich eine Wahrnehmung verschaffen?

Unser Ziel sind Vernetzungen und Zusammenarbeit mit anderen Seiten. Wir wollen an die Öffentlichkeit. Die „Pflegerevolution“ selbst soll irgendwann mal  nicht nur mehr eine Seite sein, sondern ein Begriff mit dem jeder etwas anfangen kann. Es nützt nicht nur, schöne Bilder und Sprüche zu posten.

Es muss auch gehandelt werden! Dazu gehören halt gute Verbindungen und Öffentlichkeitsarbeit.

FP: Wie können sich Unterstützer oder/und Angehörige bzw.  Betroffene selbst einbringen?

Es muss Klartext gesprochen werden!

Briefe und Beschwerden werden gern – auch anonym – von uns veröffentlicht. Jeder kann sich an uns wenden und seine Erfahrungen mitteilen. Die Wahrheit ist zwar oft sehr unangenehm, bewirkt aber letztendlich Veränderung!

Wenn jeder schweigt, bewegt sich nix. Es können gerne noch Petitionen ins Leben gerufen werden. Jede Form der Öffentlichkeitsarbeit hilft, um was zu bewegen.

FP: Was war bislang in Deinem Pflegeberuf das schlimmste Erlebnis und was das schönste?

Der Tod ist für mich persönlich immer das Schlimmste. Das Leid der Angehörigen ist oft unerträglich.

Man leidet und trauert mit, da man sich über einen längeren Zeitraum kennen und schätzen gelernt hat. Oftmals entstehen auch wirklich gute Beziehungen zwischen den Pflegern und den Angehörigen. Die schöne Seite an meinem Beruf sind die kleinen wenn auch sehr kurzen Momente. Die Dankbarkeit in den Augen zu sehen, ein liebes Wort oder ein paar Minuten Zeit zu finden um ein kleines Gespräch zu führen.

FP:  Wie verbringst Du Deine Freizeit – gibt es Hobbys, die einen Ausgleich zum stressigen Job schaffen?           

Ich selbst habe Kinder. Da bleibt nicht viel Zeit für Hobbys. Ich stecke jetzt meine ganze Energie in die „PflegeRevolution“.

Alle Infos zu „PflegeRevolution“ sowie die Daten zur Demonstration am 7. Oktober 2016 finden Sie hier:  https://www.facebook.com/Protestgruppe/?fref=ts

Bildnachweis: Pexels.com, www.pexels.com

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