Wir sind einfach magisch!

Mutter, Karrierefrau, super attraktiv und natürlich top fit. Das kleine Schwarze passt stets wie angegossen, auf Pumps tun uns nach 16 Stunden natürlich nie die Füße weh. Das Lächeln ist das liebste Accessoire, umspielt jederzeit unsere perfekt geschminkten Lippen,  und die Schulter zum Ausweinen ist allzeit für jeden da. Der Haushalt blitzt und blinkt, das Gourmet-Essen steht pünktlich auf dem Tisch und die Kinder sind immer süß und lieb. Ärger machen?

Das können die Kleinen nicht. Auch der Mann ist natürlich stolz auf sein Superweib das Kinder und Haushalt nebenbei schmeißt, tagsüber Karriere macht und dabei immer noch die perfekte Ehefrau abgibt.

Danke, Hollywood. Die perfekte Frau ist ein lang gehegter Mythos – nur, dass er vom Mythos zur Erwartung geworden ist. Mutterkult, Body Shaming, Frauenquote. Es wird viel von uns erwartet. Single und über dreißig? Oh je, eine alte Jungfer. Kinderlos bleiben? Sie sollten sich was schämen. Wohlfühlen auch mit Größe 40? Optimierungsbedarf! Egal was frau macht: Ihr werden Vorschriften auferlegt. Und während einem Mann selten ins Gesicht gesagt wird: „Das ist nicht richtig so“, müssen Frauen sich quasi darauf einstellen, wenn sie eine Entscheidung treffen, die so nicht ins Raster passt. Nein sagen? Undenkbar. Wiedersprechen? Pfui. Mal an sich denken? Purer Egoismus.

Die perfekte Frau wird jeder von uns regelmäßig vorgehalten. Im Alltag ist der Feminismus bisher nur selten angekommen. Am Internationalen Frauentag – gut, da mag die Welt auch den Feminismus beklatschen, gegen Rassismus und Sexismus sein. Praktisch aber sieht das anders aus. Denn die, die wirklich alles geben, haben gar keine Zeit, sich selbst zu loben und im Licht, dass an diesem Tag auf die Superfrau herabstrahlt, zu sonnen.

„Es [wäre] viel gebotener, sich DEN Frauen zu widmen, die den Laden wirklich am Laufen halten: alleinerziehenden Frauen, Frauen im Pflege- und Schichtdienst, Frauen, die – immer noch an vorderster Front! – Angehörige pflegen, Frauen, die mit viel Kraft und Energie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (die es ja eigentlich gar nicht gibt!) stemmen, Frauen, die in prekären, harten – oft stupiden –  Jobs arbeiten und Frauen, die sich ehrenamtlich für alte Menschen, (behinderte) Kinder, finanziell benachteiligte Familien, die Natur oder auch Tiere einsetzen“, bringt Anna es auf den Punkt.

Viele Frauen sind das Herzstück einer Familie, eines Vereins oder einer ehrenamtlichen Einrichtung. Sie tuten stets was sie können (und mehr!) und richten ihr Leben für andere aus. Sie kümmern sich um die wirklich wichtigen Dinge, halten alles am Laufen. Und dennoch bleiben die wirklich großen Probleme bestehen: Denn häufig begeben sie sich dabei in eine Abhängigkeit. Altersarmut oder soziale Benachteiligung, wenn mit der Beziehung was schiefgeht und plötzlich eine Scheidung ansteht, ist oftmals eine Folge davon.

Frauen müssten umso mehr vorsorgen und egoistischer sein: Private Rente, Patientenverfügung, Absicherung für Berufsunfähigkeit. Durch ein durchschnittlich geringeres Gehalt steht häufig nämlich auch eine geringere Auszahlung an, wenn etwas passiert. Das trifft die eigentliche Rente genauso, wie die Versorgung nach einem Unfall oder Krankheit, wenn es zur Erwerbsminderung oder gar zur Berufsunfähigkeit kommt.

Familienzeit zur Kindererziehung oder häuslichen Pflege von Angehörigen werden zwar in Teilen zur Einzahlung in die Sozialversicherung angerechnet, am Ende wenn etwas passiert kommt es aber darauf an, was tatsächlich in die Rentenkasse oder die Versicherung eingezahlt wurde. Armut und soziale Ausgrenzung: Es ist ein Risiko in das sich gerade Frauen häufig begeben. Und dann werden noch Perfektions-Ansprüche gestellt?

Ganz ehrlich: Frauen sind großartig. Denn sobald sie mal aus der Teenie-Selbstdarstellungsphase raus sind, widmen sie sich dem echten Leben. Sie sind das Herzstück einer Familie oder einer anderen sozialen Gruppe, halten alles zusammen und machen es sogar noch gerne. Sie kümmern sich auch um unangenehme Themen, mit denen sie sich ihres Geschlechts und der damit einhergehenden – leider häufig immer noch benachteiligten – gesellschaftlichen Stellung viel eher auseinandersetzen müssen, als ein Mann. Klar, das ist manchmal anstrengend. Ja, oft gehört Frust und Zeitmangel und Sich-Gedanken-machen dazu. Aber dafür müssen wir nicht gefeiert werden, wir machen es einfach gerne. Nur nicht, wenn jemand etwas fordert.

Denn ganz ehrlich – sollte es nicht offensichtlich sein, was wir leisten?

Anerkennung ist wichtiger als in ein Raster pressen und Perfektion zu fordern. Das vergessen wir häufig: Sich Dingen widmen, etwas bewegen und Leidenschaft haben. Für andere da sein, sich nicht nur so darstellen. Das Leben nehmen wie es kommt und auch mal Schwäche zeigen zu können. Darum geht es im Leben. Dafür wollen wir ein wenig Anerkennung, klar. Aber müssen wir die wirklich dadurch rauskitzeln, dass wir andere klein machen oder uns gegenseitig unter Druck setzen?

Wie oft ist es die Schweigermutter, die mit der eigenen Haushaltsführung und Kindererziehung nicht zufrieden ist. Statt sich daran zu erinnern, wie es bei ihr war, als sie eine junge Familie hatte, fordert sie mehr von allem. Dass sie auch geschwächelt hat und ihre verzweifelten Momente hatte. Dass es schwierig war, alles zusammen halten. Dass es Momente gab, in denen sie hinschmeißen wollte und ihren Mann am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Das Kind ist groß und aus dem Haus – schon ist alles vergessen. Stattdessen wäre Unterstützung doch viel hilfreicher als das stetige Rumgemecker.

Frauen erreichen mehr, wenn sie sich gegenseitig stützen. Das ist auch in der Business-Welt angekommen: #LeanInTogether beschäftigt sich mit Frauen im Geschäft und dem was sie erreichen können, wenn sie sich gegenseitig unterstützen. Männer tun das oft, Frauen aber legen stattdessen häufig eine Stutenbissigkeit an den Tag, die nicht zielführend ist. Warum sollen Frauen, die gesellschaftlich sowieso schon unter enormen Druck stehen, sich gegenseitig noch mehr runter machen? Warum halten wir nicht zusammen, warum befeuern wir uns nicht gegenseitig?

Aber, hier die gute Nachricht: Das kann jeder machen und jeder ändern. Wenn eine anfängt, ziehen andere nach. „Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es auch hinaus“, heißt es so schön. Das trifft nicht nur für allgemeine Kommunikation zu sondern auch auf alles, was wir tun. Hilf einer Frau und sie wird dir helfen. Gib ihr das Gefühl großartig zu sein und sie strahlt zurück.

Und dieses positive Bild von uns selbst und allen anderen Frauen gibt uns die Kraft dazu, auszubrechen. Perfektion? Wer will schon perfekt sein. Widersprechen? Aber sowas von. Egoismus? Ist so gesund. Wir tun jetzt öfter was für uns. Lassen dem Partner am Wochenende mal das Baby zu Hause. Stattdessen gibt es einen Kaffee mit der Frauenrunde. Sport statt pünktlich für die Familie zu kochen? Ja bitte, denn es tut gut, den eigenen Körper zu spüren – nicht für Size Zero, sondern für das Gefühl.

Wenn uns das nächste Mal jemand sagt „Du solltest/ müsstest/ darfst nicht…“, halten wir dagegen. Oh doch, ich darf. Denn es ist mein Leben. Meine Liebe. Meine Leidenschaft. Und mein Recht all das zu tun, was mir ein gutes Gefühl verschafft. Denn ich bin die Starke in unserer Familie. Ich mache meinen Job gut, erziehe die Kinder und mein Haushalt läuft. Klar, es blitzt und blinkt nicht alles – aber wen stört das schon? Ich bin glücklich, wir alle sind glücklich, warum sollte ich etwas anderes tun?

Sich dem Druck entgegenstellen – das erfordert Mut. Aber der ist da, schlummert nur. Wer sich einmal traut aufzustehen, der wird es wieder tun. Denn neue Handlungen bauen Wege im Gehirn aus – genau wie beim positiven Denken wird der Feldweg des optimistischen Denkens durch ein paar Übungen zur Autobahn ausgebaut. Das brauchen wir genauso für unser gutes Leben, wie den Mut, zu sagen was wir denken. Da darf auch Nein dazu gehören – so lange wir Ja zu uns selbst sagen. Daran zu arbeiten gehört dazu. Nicht immer ist alles gleich.

Jeder Tag ist anders und bringt neue Herausforderungen. Aber das ist Teil des Spiels: An uns selbst wachsen, am Leben wachsen. Neues entdecken, Unangenehmes regeln und aus der Welt schaffen.

Jeder, der es hören will (und auch nicht hören will!), bekommt ab jetzt gesagt:

„Ich bin nicht perfekt. Und ich will es auch nicht sein. Ich bin genau richtig wie ich bin. Ich bin das Herzstück meiner Familie, meines Lebens. Ich mache nicht alles richtig, aber ich gebe mir Mühe und bin bereit, aus Fehlern zu lernen. Ich bin stark für andere, kann aber Schwäche zeigen. Ich lache andere an, um ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und ich bin wunderbar. Mein Leben ist wunderbar.“

Egal was andere dazu sagen.

Es wird Zeit, die perfekte Frau umzuschreiben. Und das kann jede von uns schaffen, jede kann etwas dazu beitragen. In dem sie ihre Fehler offen zeigt. In dem sie Erwartungen entgegen tritt und vor allem andere Frauen unterstützt, die meinen sich genau diesen Erwartungen hingeben zu müssen. Ihnen zu sagen „Du bist nicht perfekt, aber das bin ich auch nicht. Und wir sind genauso wie wir sind, die beste Version unserer selbst“ verändert die Welt. Nicht im Großen und nicht auf einen Schlag. Aber im Kleinen und genau da, wo alles Gute beginnt – im Herzen einer Frau.

Bildnachweis:

Bild 1: fotolia.de ©photoagents #106421805

Bild 2: fotolia.de ©Jacob Lund #136862517

Bild 3: fotolia.de ©drubig-photo #113977519

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